Wer nun die Entfernung wählt

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Abstand gewinnen! Nur weg und auf Distanz gehen! Diese Gedanken wirbelten Margit durch den Kopf. Seit die Pandemie ihre Infektionsspuren durch alle Länder gezogen hatte, besonders auch durch ihre Umgebung, hatte sich vieles verändert. Vorher war alles seinen Gang gegangen, Margit hatte manche Veränderungen, die sich in ihrem Umfeld andeuteten, nicht ernsthaft in Frage gestellt. Die Hektik im Alltag, die berufliche Anstrengung und aufkommende Unpässlichkeiten führte sie für die zunehmende Entfremdung zu ihren Freunden und Kollegen an. Als der lock down die Stille ins Leben brachte, war genug Zeit, um vieles, das sie als normal ansah, zu durchleuchten. Es war nun möglich aus der Distanz zu prüfen, wie es um die Gemeinsamkeit und die Freundschaft stand. Von einem Tag auf den anderen hörten Routine und Abwechslung auf, kein Weg zur Arbeit, keine Geselligkeiten, kein Austausch mit persönlicher Begegnung. Seit ihrer Kindheit war sie in einzelnen Freundesgruppen integriert und fühlte sich wohl dort. Margit stellte sich ernsthaft die Frage, ob Freunde erhalten blieben, wenn es nicht möglich war, sie zu treffen. Sind Gefühle, die auf Abstand schwelen, überhaupt dauerhaft?
Die Wochen schlichen dahin, in denen der Lärm des Verkehrs und der Menschen, die lautstark ihre Freizeit als Mitglieder einer Spaßgesellschaft auslebten, versickert war. Wenn Margit aus dem Fenster sah, war die Straße meistens gähnend leer. Der Gesang der Vögel erfüllte die Luft, den man früher im Frühling schwer hörte. Margit empfand die Ruhe als angenehm, ja sie selbst senkte in Gesprächen ihre Stimme und bemühte sich nötige Gartenarbeiten unauffällig zu machen ohne die Stille zu stören. Stille! Wie ungewohnt empfand man diese bis jetzt! Je länger der lock down ging, umso friedlicher, unaufgeregter wurde der Tag. Der Autolärm verschwand, es waren kaum laut röhrende Lastwägen unterwegs. Die Grenzen waren in Europa geschlossen, Familien, die verstreut innerhalb der EU leben, konnten sich nicht sehen. Für viele war es eine entbehrungsreiche Zeit. Das traf auch für einen Freund aus ihrer Kindheit zu, der seine neue Liebe nach vielen einsamen Jahren während der lock down Zeit nicht treffen konnte, weil sie sechshundert Kilometer entfernt in Deutschland wohnte, er litt unter der Trennung. Aber statt zu verzweifeln und Regeln wütend in Frage zu stellen, nahm er den Abstand zwischen ihnen zum Anlass um mit video chats und skype seine Zuneigung zu ihr zu beweisen und fortbestehen zu lassen. Als dann in kleinen Schritten die "Normalität" (was ist Normalität?) zurückkehrte, erlebten beide, dass ihre Liebe trotz Abstand und Distanz gehalten hatte. Die verordnete Distanz hatte die Liebe zueinander gestärkt und bewiesen.
Am Beginn des lock downs schlich das Gefühl von Gemütlichkeit herein, keine trüben oder übellaunigen Gedanken belasteten sie. Langsam reiften in ihr Überlegungen, was Abstand eigentlich wirklich hieß. Ist es Alleinsein? Oder Einsamkeit? Bedeutet es vergessen zu sein? Oder hatte die Aufforderung zum Abstand deutlich gemacht, dass Umarmungen und Küsse bei jeder noch so banalen Begegnung, hohl und symbollos waren?
Abstehen meint etwas aufgeben und besonders in dieser Zeit, aufgeben jemanden zu treffen oder ihm körperlich nahe zu sein. Aber kann man nicht Menschen nahe sein ohne Distanz, einfach im Herzen und im Geist? Margit holte sich ein weißes Blatt Papier, auf das sie vier Personen an verschiedene Stellen zeichnete, die sie dann mit Linien verband. Sich selbst setzte sie ungefähr in die Mitte. Jede Person hatte zur anderen einen unterschiedlichen Abstand. Sie fügte zusätzliche ein, verband auch diese mit den schon bestehenden und schrieb anschließend zu jeder Person einen Namen, Freunde und Verwandte. Die gegenwärtige gesellschaftliche Lage ließ sich mit den Kritzeleien auf dem Blatt vergleichen. Sie zeigten Nähe und Entfernung. Mit Blick auf das Blatt Papier überlegte sie, ob es bedeuteten könnte, für jemanden nicht mehr sichtbar zu sein. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie noch keine Antwort dafür. Zuvor dachte kaum jemand über den Begriff und die Wirkung von Abstand nach, Zeitabstand, der Abstand beim Einparken, der Abstand als Messung zwischen sportlichen Konkurrenten, oder im Sinne von Respekt gegenüber dem anderen. Für Margit war der Respekt gegenüber den anderen, die sie vor einer möglichen Ansteckung schützen wollte, im Vordergrund. Sie ahnte nicht, dass Vertraute, für die sie durchs Feuer gegangen wäre, sie einige Wochen später wegen ihrer Zustimmung zu den Pandemiebestimmungen als rechtspopulistisch einstuften. Von einer Freundin erhielt sie als Geschenk ein Buch über Extremismus, mit dem sie ihr vor die Nase hielt, was sie von ihr dachte. Gespräche zwischen ihnen endeten mit abrupten Abbrüchen, nur weil Margit es anders empfand. »Ich lasse mir meine Freiheit nicht einschränken », fauchte ihre Freundin ins Telefon. » Für alte Menschen kann es tödlich sein », versuchte Margit vorsichtig zaghaft einzuwenden. Sie hatte nämlich selbst eine fast hundertjährige Verwandte, die sie lange nicht besuchen konnte. »Dir ist doch die Geschichte nicht unbekannt, wohin Einschränkung der Grundrechte führt» Und still war es am anderen Ende. Ihre Freundin hatte das Gespräch beendet. Sie ließ Margit keine Möglichkeit einer Erwiderung. Nie im Traum wäre sie auf die Idee gekommen politisch abgestempelt und geächtet zu werden, nachdem sie sich jahrzehntelang einander kannten. Der halbjährige Abstand zwischen ihnen hatte das Band der Freundschaft durchschnitten und ein völlig neues Gesicht zu Tage gefördert. Margit traf die Erkenntnis schmerzlich. Immer öfter realisierte sie die zunehmende Kontaktlosigkeit zu früheren Freunden. In der ersten Zeit der Trennungen voneinander, versuchte sie in Telefonaten, das Band aufrecht zu erhalten. Dann wurden die Gespräche bedeutungsloser oder feindseliger bis sie schließlich gar nicht mehr stattfanden.
Social distance! Ein in sich widersprüchlicher Begriff. Er hat zur Isolation von alten Menschen, die nicht selbständig leben können, geführt, hat Sterbende allein gelassen in der Stunde ihres Todes und auf dem Weg zur letzten Ruhestätte. Dirk, der Bruder ihres Trauzeugen, starb auf der Intensivstation. Er lag drei Wochen ohne irgendeinen persönlichen Kontakt im Intensivzimmer. Seine Kinder durften nicht zu ihm, seinem älteren Bruder blieb der Besuch verwehrt. Erst zwei Stunden vor seinem Ableben war es seinen Kindern erlaubt zu ihm zu kommen, seinem Bruder konnte er nur durch einen Whatsapp Chat Lebewohl sagen. Auf seinem letzten Weg war er mit den Männern der Bestattung allein. Nur durch einen livestream geleitete seine Familie ihn zum Grab. Seinem

Dieser Beitrag wurde zu den Rauriser Literaturtagen im Oktober 2020 eingereicht. Der Text ist dann im frieling Verlag in der der Anthologie "Wenn Worte blühen", Band 4, im März 2021 erschienen.

Veröffentlicht / Quelle: 
Wenn Worte blühen- Anthologie, Band 4

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