Tanka ✓ Gedichte, Erklärung und Aufbau

Die sechs Tanka Dichter

Die Literaturtheorie trennt das Tanka in zwei Teile. Der erste Teil, Oberstollen oder Aufgesang, kami no ku, umfasst 17 Silben; der zweite Teil, Unterstollen oder Abgesang, shimo no ku, weist zwei Zeilen mit je sieben Silben auf. Zwischen beiden Stollen liegt meistens eine Zäsur.

Oberstollen / Aufgesang / kami no ku:

5 xxxxx
7 xxxxxxx
5 xxxxx

Abgesang / shimo no ku:

7 xxxxxxx
7 xxxxxxx

empfohlene Tanka
von Carl Heinz Kurz
von Margret Buerschaper
von Carl Heinz Kurz
neue Tanka
von Volker Harmgardt
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die schönsten Tanka
von Volker Harmgardt
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von Volker Harmgardt

Das Windrosenherz
hing schräg im Abendrot,
bei kühlem Wind wuchs die Spannung,

das Wetter wird heute
allen den Schlaf rauben.

von Volker Harmgardt

Zerbrochenes Herz,
als der Schmerz dich baumwärts trug,
ertönten Gesänge.

Wir kreisen um die Tische
und schauen dein Bild.

*******************
In Erinnerung an
Hannelore S. (1957-2017)
"Durch…

von Volker Harmgardt

Unter der Brücke
liegt ein verzweifelter Mensch
mit ganzem Hab und Gut,

eine Katze versucht ihn
schnurrend zu ermuntern.

von Volker Harmgardt

Prisma der Liebe -
Himmelblau mit Wahrheit,
Lichtblicke in gelb-rot.
Eingehüllt in mich stehen
wir im Sonnenuntergang.

von Volker Harmgardt

An roten Tagen,
zwischen den zeitgenössischen Bildern
kommt der Kompaß zur Geltung.

Mit einem Schwung
zum spiegelblanken Abgrund.

von Volker Harmgardt

Den Wald begehen,
Wurzeln auf die Spur kommen
im Licht des Mondes,

versinken alle Namen im Moor,
Felder, Hügel, Schnee.

von Jürgen Wagner

Die Krabbenschar eilt
zum Versteck in den Steinen
Bis die Flut sie ruft

Der Mond bewegt die Meere
Ein stets reich gedeckter Tisch

von Annelie Kelch

Gedanke um Gedanke
auf die Reise geschickt:
Treibgut -
gestrandet vor deinem
verschlossenen Herzen

von Volker Harmgardt

Der Stamm der Eiche
von Sonnenstrahlen erleuchtet,
aus Kerben tropft der Quarz,

zu Klumpen gedrehte Tropfen
ähneln den Tränen der Braut.

von Annelie Kelch

Als ich grad eben
aus der Haustür trat, trug ich
noch mein blaues Tuch.
Und ganz offen sag ich dir:
Sollst dich schämen, blanker Hans!

von Carl Heinz Kurz

Ein trotziger Fels:
der größte Friedhof der Welt,
Ort ohne Gräber.

von Annelie Kelch

Trauermarsch ...
Ich mische mich unter die Trump-Wähler -
mit meinem zweitbesten Freund:
dem alten Lachsack ...

von Wolfgang Luley

ob`s katerchen
ausgebüxt ist
oder mucken hat -
mein herz ist eine maus -
er fängt es immer

von Margret Buerschaper

Blätter und Knüppel
unterm Kastanienbaum
am frühen Mittag:
Kinder warten nicht gerne,
bis der Herbst die Früchte fällt.

von Carl Heinz Kurz

Ich las in der Stadt
im Haus der toten Juden
über Lebende.

In Wittlichs Synagoge
zerriß ich Hemd mir und Rock.

Finnisch

Luin kaupungissa
kuolleiden juutalaisten talossa
clävistä.

Wittlich…

von Corinna Herntier

So schöne Worte,
die du mir auf Zettel schreibst,
mir in mein Herz singst,
und am Telefon flüsterst.
Könnte ich dich nicht lieben?

von Carl Heinz Kurz

Es klagte der Freund:
Ach, wer kein Zuhause hat,
kann überall hin ...
Wir haben es erfahren:
in Himmeln und in Höllen.

von * noé *

Mondkinder flüstern
Geheimes - immer war's um
den keltischen Stein -

Morgennebel verhüllen
blühende Silberdisteln.

von Monika Laakes

Ein rotes Signal setzt sie,
eine Hülse aus Metall,

darinnen die Glut,
zaubert Himmel und Hölle
in seinen Augen

blitzt das Vergnügen an ihr.
Lady mit Lippenstiftcolt.

von Wolfgang Luley

Rübe zum Frühstück?
Der Papagei -
ein alter Hase -
schnappt gekonnt
nach meinem Finger

von Margret Buerschaper

Schatten sind, wo Licht
ist. Ernten kann nur, wer sät.
Hoffnung trägt das Land ...
Das Finden und Loslassen
zeichnet unsre Lebensspur.

von Margret Buerschaper

Noch ist es Morgen –
doch ein welkes Buchenblatt
löst sich schon vom Zweig –
Und in die Stille der Nacht
tropfen Nüßchen aus dem Mond.

von Annelie Kelch

Mütze im Gesicht -
wütend stapft er
über sein Kartoffelfeld.
Hat dort einer schon gestoppelt
vor der Mahd?

von Jürgen Wagner

Mit dem All schwingend
Im grün und blauen Brokat
Ist die Fahrt herrlich

Man hat auch seine Nöte
Doch reist man ohne Sorgen

von Carl Heinz Kurz

Als er sie verließ,
um an die Front zu gehen,
sagte Rebekka:
wie heiß sind deine Lippen ---
ach, Moshe, mein Herz ... es friert.

von Annelie Kelch

Rauch
liegt überm Dorf
Nein, kein Flüchtlingslager brennt
diesmal war es nur
das Kartoffelkraut

von Monika Laakes

Windig und wetterwendisch
tänzelt er mir über’n Weg.

Oh, schöner Mann Du,
schraubst kunstvoll Pirouetten
mir den Nacken hoch,

hockst bleiern mir auf Schultern,
rutsch mir den Buckel runter.

von Annelie Kelch

Herbst in Moll -
vor dem Grand Hotel
steigt die Diva aus dem Taxi.
Und die Leute strahlen
wie an einem Frühlingstag

von Jürgen Wagner

In mörderischer Hitze
in Gesellschaft mit Felsen
und trockenem Sand
wächst und blüht er in Stille
und passt sehr gut auf sich auf

von Corinna Herntier

Vereister Bachlauf
fließt unsichtbar durch Wechsel
von Frost und Schmelze.
Es plätschert, murmelt und gluckst
... mir bis an die Kniekehlen!

von Jürgen Wagner

Taktisch klug vesetzt
stehen die Stacheln bereit
gegen Angreifer

Selbst anzugreifen aber
käme keinem in den Sinn

von Marcel Strömer

Gib Brot für die Welt!
Einen Steinwurf entfernt,
Ruf deines Herzens,

da fremder Klang innewohnt,
dort bittet Asyl zu Tisch.

von Jürgen Wagner

Der alte Milcheimer
wurd' einst mächtig geschüttelt
Köstliche Sahne!

Seit dieser Zeit
sucht man Ruhe und Frieden

************

The old milk pail
once was vigorously agitated
How delicious this…

von * noé *

Sommergewitter
unter dem Donnergrollen
gezackte Blitze

Regen fließt Dächer hinab
trommelt Lieder in Töpfe

von Marcel Strömer

Bruder trifft Schwester,
der hungert seit gestern,
doch sie schwärmt von McFit.

Bei McDonalds gibt’s Essen -
sie nimmt ihn leider nicht mit.

Seiten

Erklärung, Beispiele und Aufbau des traditionellen Tanka

Unter den Liedern des Kojiki und des Nihongi tauchen häufig 31silbige Gedichte auf, oft als Nachgesang eines Naga-uta, eines "Langgedichtes", die als Mijika-uta, sino-japanisch Tanka, "Kurzgedicht", oder auch einfach nur als Uta, das "Lied", bezeichnet wurden.

Blyth (1981, S. 103 ff) verwendet die Bezeichnung Waka, "japanisches Gedicht", in der Entstehungszeit so namentlich unterschieden vom Kanshi, dem "chinesischen Gedicht" (Debon 1984, S. 335) und Miner (1979, S. 375) definiert sie als Repräsentation japanischer Dichtung, "that is the major form of court poetry, and in particular Chōka and Tanka".

Die wachsende Liebe japanischer Autoren für die kurze Gedichtform ist das auffallendste Phänomen der japanischen Poesie überhaupt.
Das japanische Kurzgedicht verhält sich zu den übrigen lyrischen Gebilden der abendländischen Literaturen (sic!) wie eine Skizze zu einem ausführlichen Gemälde; sein Dichter zeigt sich als den (sic!) innigsten Geistesverwandten des japanischen Malers, der seine Gemälde auch nicht minutiös ausführt, sondern mit wenigen kühnen Strichen hinwirft. Die Übereinstimmung der dichterischen und malerischen Ideale ist kein bloßer Zufall; sie liegt tief in der geistigen Veranlagung des japanischen Volkes begründet, das, vielleicht aus Mangel bedeutender schöpferischer Kraft, darauf ausgeht, mit den kleinstmöglichen Mitteln etwas künstlerisch Vollkommenes zu schaffen. (Florenz 1905, S. 19)

Die Literaturtheorie trennt das Tanka in zwei Teile. Der erste Teil, Oberstollen oder Aufgesang, kami no ku, umfasst 17 Silben; der zweite Teil, Unterstollen oder Abgesang, shimo no ku, weist zwei Zeilen mit je sieben Silben auf. Zwischen beiden Stollen liegt meistens eine Zäsur.

Der formalen Reduzierung der Gedichte auf dieses Schema, das sich, wie noch näher zu erläutern sein wird, im 7. und 8. Jahrhundert durchsetzte, musste notgedrungen auch eine inhaltliche Erneuerung folgen.

Die Thematik blieb grundsätzlich erhalten: Naturbetrachtung und Jahreszeit, Liebesidylle und Liebesschmerz, Heimweh und Einsamkeit, Helden- und Kaiserlob und Götterverehrung, letztere zunehmend erweitert durch buddhistische Weltanschauung und Transzendenz. Jedoch ist der ausschweifenden, wortreichen Darstellung und der ausmalenden Phantasie, wie sie sich in den Langgedichten zeigt, kein Spielraum mehr vergönnt.

Oki-tsu-tori  5 Auf der Seevögel,
Kamo-doku shima ni  7 Der Möwen Ruhe-Eiland
Waga ineshi 5 Mit mir gelagert

Imo wa wasureji 7 Mein Gemahl vergess ich nie,
Yo no koto-goto ni 7 Wie oft sich die Welt erneuert!

(Ein frühes Tanka aus dem Kojiki I, 42(zit. nach Gundert 1929, S. 18)

[Auszüge aus "Das deutsche Kurzgedicht - in der Tradition japanischer Gedichtformen" ISBN 3 88996 144 4; Mit freundlicher Genehmigung von Margret Buerschaper]