Nele und die zwanzig kalten Pfoten

von Andrea Mueller
Mitglied

Nele und die zwanzig kalten Pfoten 2019

Nele schaute verschlafen auf den Wecker und schoß blitzschnell in die Höhe. Verdammt - sie hatte schon wieder verschlafen und nun auch noch einen Tag vor heilig Abend. Zwei Abmahnungen hatte sie sich für ihr „Zuspätkommen“ bereits eingefangen.
Sie flitzte ins Bad, machte die berühmte Katzenwäsche, schlüpfte in ihre Jeans und das Shirt, nahm den Schal, ihre Jacke und die Tasche und rannte die Treppen hinab zu ihrem Auto. Dann der nächste Schock:
Heute Nacht hatte es geschneit und das nicht wenig, ihr Auto war komplett weiß. Sie warf alles auf den Rücksitz, schaltete den Motor ein und holte den Besen unter dem Sitz hervor, um den Wagen abzukehren. Das ging ganz gut und in kürzester Zeit war sie startklar und fuhr los.
Nele arbeitete in einem Buchverlag und das machte ihr viel Spaß, denn sie liebte alle Arten von Büchern. Sie waren zeitlos, spannend oder traurig und manche flüsterten ihr sogar etwas zu.
Das Haus ihrer Eltern war auf dem Land und sie - die einzige Tochter -
bewohnte das obere Stockwerk. Zu ihrer Arbeitsstelle hatte sie ungefähr 18 km, aber sie mußte über die dunkle Landstraße und durch den nahegelegenen Wald. Der Schnee machte ihr das Fahren nicht leicht, denn es war noch nicht geräumt und dazu noch dunkel, glatt und kalt. Nele schaute auf die Uhr im Armaturenbrett und wenn sie Glück hatte, schaffte sie es vielleicht doch noch rechtzeitig.
Sie bog nun von der Landstraße ab in die schmale kleine Straße, die direkt durch den Wald führte. Hier war ihr im Winter wirklich immer etwas mulmig, denn es war noch stocknacht zu dieser Jahreszeit und absolut ruhig. Nicht dass sie Angst hätte, aber im Sommer hier zu fahren war ihr lieber.
Nele mochte die Natur, sie könnte niemals in der Stadt leben, dort wäre es ihr zu laut und zu chaotisch, obwohl das letztere absolut auf sie selbst zutraf.
Sie schaute nochmal kurz auf die Uhr und war nun etwas beruhigt, Ja - sie konnte es schaffen und gab Gas, doch das war wohl etwas zu viel, denn das Auto rutschte von der Straße und Nele erschrak. Sie trat instinktiv sofort auf die Bremse und kam dann nach endlosen Sekunden zum stehen. Puh - sie atmete erleichtert auf als sie sah, dass sie auf dem Waldweg stand und nicht in den Graben gerutscht war.
Nele stieg aus, sie brauchte jetzt unbedingt frische Luft nach dem Schreck. Ein Käuzchen rief laut durch den Wald, irgendwo raschelte es aber ansonsten war es still.
Oder doch nicht - was war das? Nele spitzte die Ohren und vernahm ein komisches Weinen oder Winseln. War das der Wind? Aber das konnte eigentlich nicht sein, denn es war ja fast windstill - und doch - da war etwas.
Nele bekam Angst und stieg wieder in ihren Wagen. Sie startete den Motor und versuchte loszufahren, aber der Motor machte keinen Muckser. Sie versuchte es mehrmals, doch der rote Kleinwagen blieb stumm.
Und was war das jetzt? Ein grelles Licht blendete sie so, dass sie nichts mehr sehen konnte. Nele drückte auf den Schlüssel und verschloss das Fahrzeug an allen Türen. Nun hatte sie wirklich Angst. Sie blickte in das grelle Licht und dachte zuerst, es sei eine Taschenlampe, die jemand auf ihr Gesicht hielt, doch weit und breit war niemand zu sehen. Das grelle Leuchten kam von oben und beleuchtete nun vor Nele den ganzen Wald. Sie schaute nach oben und sah einen Stern, der mit all seiner Macht strahlte und strahlte. War das ein besonderer Stern? Vielleicht sogar DER STERN? Der Stern von Bethlehem? All das ging Nele durch den Kopf und sie hatte ein komisches Gefühl. Aber sie hatte plötzlich gar keine Angst mehr, es war als wollte das Licht sagen, du brauchst keine Angst zu haben.
Nele stieg wieder aus, holte ihre Jacke vom Rücksitz und den Schal und zog beides an. Sie dachte nicht mehr dran, dass sie ja wieder zu spät kommen würde, sie dachte auch nicht, dass sie eventuell wieder eine Abmahnung bekommen könnte, sie schaute nur immer wieder nach oben ins Licht. Sie hatte das Gefühl, als wollte ihr der Stern etwas sagen oder zeigen, denn ein Strahl beleuchtete nun einen ganz bestimmten Punkt einige Meter vor ihr im Wald.
Nele ging den Waldweg entlang, vorsichtig stapfte sie durch den Schnee. Da - wieder ein leises Heulen, ein Weinen! Es war als ob mehrere Babys leise in ihre Fäustchen raunten. Sie hatte den Punkt fast erreicht, da drang auch ein leises Kratzen an ihr Ohr. Nele ging weiter, bis sie den Punkt erreicht hatte. Sie stand nun inmitten des hell leuchtenden Strahls, genau vor einer riesigen Eiche, deren Blätter mit dem Schnee nun leuchteten und glitzerten wie Gold.
Nun konnte sie es deutlich hören, weinen und kratzen, Nele schaute sich betroffen um. Da war doch nichts - oder doch? Da - hinter dem Baum stand eine Schachtel aus fester Pappe und daraus waren deutlich Geräusche zu hören. Sie hatte immer noch keine Angst und versuchte vorsichtig die Schachtel zu öffnen. Der helle Schein des Sterns half ihr dabei, so dass sie alles gut erkennen konnte. Die Schachtel war mit Packband gut verschlossen und so brauchte Nele eine Weile, die Pappe zu öffnen, denn sie hatte kein Messer bei sich.
So - nun war es geschafft - der Karton war offen und Nele starrte vorsichtig und mit Abstand hinein. Was sie dort sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren und trieb ihr die Tränen in die Augen. In dem Karton waren 5 kleine Fellnasen - 5 niedliche winzig kleine Hundewelpen, die allesamt zitterten und weinten und schon halb erfroren waren.
Nele zog sofort ihre Jacke aus und ihren Schal, sie wickelte die kleinen Hundebabys darin ein, drückte sie fest an sich und lief so schnell sie konnte zu ihrem Auto zurück.
Das Leuchten des Sterns zeigte ihr wieder den Weg durch den Wald bis zu ihrem Fahrzeug.
Nele stieg ein und legte das eingewickelte Bündel auf den Beifahrersitz. Der Wagen war noch immer hell erleuchtet vom Licht am Himmel. Sie sah, dass die Welpen die Augen schon offen hatten und diese sie durchdringend und ängstlich anschauten. Sie waren nun aber ruhig und weinten nicht mehr. Nele‘s Hand griff nach den Kleinen, sie waren zittrig und eiskalt.
Wer brachte so etwas fertig, wer konnte diese kleinen Hundebabys nachts bei Schnee und Eis aussetzen und ihrem Schicksal überlassen! Wer brachte diese Fellnasen einfach in den Wald, damit die Kleinen dort erfrieren würden? Nun fror Nele, sie wurde richtig geschüttelt, aber nicht von der Kälte und weil sie ohne Jacke zurück gelaufen war, sondern weil sie es nicht verstehen konnte, was dies für Menschen waren, die so etwas Grausames fertigbrachten.
Sie schaute auf die kleinen Hunde und nahm nun einen nach dem anderen zu sich her, um sie zu liebkosen. Sie waren wirklich alle herzallerliebst und so stark, ja - sie würden es schaffen, davon war sie überzeugt. Immer wieder drückte sie die Kleinen abwechselnd an sich.
Nele packte dann alle wieder fest in die Jacke und ihren Schal - alle bis auf einen. Der krallte sich so an ihr fest und blieb dann mit einem gemütlichen Seufzer auf ihrem Schoß liegen. Sie schaute das kleine Fellknäuel genauer an, es hatte ein stehendes und ein hängendes Ohr, das Fell war kurz, seidig schwarz mit zwei weißen Flecken jeweils am Ohr und einem an der Brust. Er war bildschön und - Ah nein - kein ER - es war eine kleine Hundedame und Nele entschied spontan, sie sollte Stella heißen. Stella der Stern - wie dieser Stern, der ihr den Weg zu Ihnen gezeigt hatte, damit Nele sie retten konnte. Heute war sie wirklich mit sich zufrieden, mit sich und der ganzen Welt. Sie wollte nicht mehr daran denken, was geschehen wäre, hätte sie die Kleinen nicht gefunden.
Nun aber los, Nele startete den Motor und siehe da, er sprang auf das erste Mal an und schnurrte leise vor sich hin. Sie gab vorsichtig Gas,und der Wagen bewegte sich nun wieder ganz normal vorwärts. Sie hatte zuvor, als sie von der Straße abgekommen war, ganz bestimmt nicht zuviel Gas gegeben, sie war wirklich vorsichtig, aber jetzt wußte sie, irgendjemand hatte sie hierher gebracht, hierher an genau diese Stelle. Das war die Fügung Gottes, davon war Nele überzeugt. Sie schaltete die Heizung auf maximale Leistung und fuhr wieder auf die Straße. Alles war noch immer hell erleuchtet und das blieb so, bis Nele wieder auf die Landstraße abgebogen war. Dann - wie wenn man ein Licht an oder ausknipste am Schalter, war es genauso plötzlich, wie es gekommen war verschwunden.
Nele fuhr direkt zum Verlag, aber nun war sie natürlich viel zu spät. Doch auch wenn der Chef ihr wieder eine Abmahnung gab oder ihr sogar kündigte, weil er es nicht verstehen würde, all das war Nele heute egal.
Sie parkte ihr Auto und lief auf direktem Weg in ihr Büro. Alle schienen sich wohl dort versammelt zu haben, um auf sie zu warten und alle waren sofort total aus dem Häuschen, als Nele die Hundebabys ablegte und ihre Geschichte erzählte. Aber es kam noch besser:
All ihre 3 Arbeitskollegen wollten ein Hundbaby haben, welch ein Glück, und naja Stella - das war ihr Weihnachtsgeschenk, die gab Nele nicht mehr her und Stella hatte es sich bereits auf ihrem Arm gemütlich gemacht, sogar ihr Zittern war verschwunden. Sie kuschelte sich mit dem Köpfchen und der Schnauze ganz tief in ihre Elle.
Alle hielten nun die Kleinen in ihren Händen, Marc, Carola und Anne, und Stella nahm den letzten, der noch in ihrer Jacke eingewickelt war auf den Arm. Es war ebenfalls ein Hundemädchen und Nele fiel spontan der Name Luna ein - Luna der Mond, denn sie war vom Fell her die Hellste von allen. Der Kleinen schien es zu gefallen, denn sie hob sofort den Kopf und sah Nele an. Was sollte nun mit ihr geschehen, und im gleichen Atemzug dachte sie bei sich, auch diesen Kleinen zu behalten.
Aber nun ging die Tür auf und ihr Chef - Herr Forster - betrat das Büro. Er sah sich um und wollte etwas sagen, aber ihre Kollegen riefen alle durcheinander und jeder wollte über das Erlebnis von Nele berichten. Herr Forster hörte geduldig zu, dann drehte er sich um und kam direkt auf Nele zu. Er fragte: „ Welcher ist denn nun übrig geblieben von der kleinen Fellbande?“ Nele streckte ihm ihre Hand mit Luna entgegen. Ohne zu zögern nahm Herr Forster das kleine Fellbündel auf den Arm und Nele sagte kleinlaut und leise: Es ist eine kleine Dame und ich habe ihr bereits einen Namen gegeben - Luna - so soll die Kleine heißen, denn ihr Fell ist so hell, so hell wie der Mond.“ und ich werde wohl auch sie behalten, denn sie sind MEIN Geschenk des Himmels.
Er lächelte und meinte: „Luna ist ein sehr schöner Name und passt auch prima zu ihr.“
Herr Forster sagte freudig: Ich habe noch kein Geschenk für meine Frau und meine kleine Tochter, aber sie wünschen sich schon so lange einen kleinen Hund. Das ist wohl dieses Mal das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich den Beiden machen kann. Und Nele - hab keine Angst, wir werden ihn lieben, wie man nur so eine kleine Knopfnase lieben kann!“
Nele gab er nun die Hand und man sah, auch ohne Worte an seinem Gesicht, dass er unglaublich stolz war auf seine Mitarbeiterin, die alles gewagt hatte um die Hundebabys zu retten, ohne dabei an sich selbst oder die Konsequenzen zu denken. Auf der anderen Hand trug er Luna und die drückte er immer wieder liebevoll an sein Gesicht.
Ja - Weihnachten ist ein ganz besonderes Fest - das Fest der Hoffnung und der Liebe, auch für alle gequälten und einsamen Tiere. Und Wunder - Ja - sie geschehen wirklich immer wieder, man muss nur fest daran glauben!

Andrea Müller

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Kommentare

22. Nov 2019

Ein Text, der fein den Leser rührt -
Da man dank ihm das Wunder spürt ...

LG Axel