Der Henker

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Langsam schritten der Henker und sein Gefolge die letzten Stufen zum Schafott hinauf. Unter der schwarzen Wollhaube atmete er schwer. Die junge Frau sah er erst, als seine Füße dann endlich den höchsten Punkt, der kreisrunden steinernen Richtstätte erreichte. Sie kniete vor dem hölzernen Block, auf dem ihr kahlgeschorener Kopf so positioniert wurde, dass sie direkt in die schaulustige Menge sah. Ihre Füße waren nackt und schmutzig, die Arme baumelten kraftlos an den Seiten des Blockes herunter, wo man sie mit eisernen, im Holz verankerten Fesseln angekettet hatte. Er trat an sie heran, beugte sich hinunter und löste sanft die dünnen Schnüre, die das Kleid zusammenhielten, das das letzte war, was ihren schönen, unverbrauchten Körper vor völliger Entblößung bewahrte. Er tat es nicht etwa weil es seine Lust entfachen würde, nein. Er hatte Frau und Kinder. Er tat es weil er wusste, dass es genau das war, was die Menge sehen wollte und die gellenden Pfiffe und die Zurufe, die mit einem Mal um ein vielfaches anstiegen, als sich der letzte Rest des schützenden Stoffes von ihr löste bestätigten das. Der Henker drehte sich um und nahm dem Gehilfen mit einem Nicken das Richtbeil aus den Händen, nur um sich dann schweigend neben der, leise in ihren Knebel schluchzenden Verurteilten zu positionieren. Eine Gestalt aus dem Gefolge des Henkers trat hervor und verlas die Anklagepunkte, doch der Henker war zu konzentriert auf seinen großen Auftritt, als dass er dem seine Aufmerksamkeit schenken konnte. Als der ältliche Herr geendet hatte, machte er auf der Stelle kehrt und nahm seinen Platz neben dem Gehilfen wieder ein. Nun war er an der Reihe. Der Henker war sich seiner sicher, schließlich war ihm der Prozess nach all den Jahren in Fleisch und Blut übergegangen, doch trotzdem spürte er eine gewisse Anspannung, als er nun die Axt anhob. Schließlich war das sein großer Aufritt, der alles entscheidende Moment, an dem er allen sein Können demonstrieren konnte. Ein einziger Hieb, sagte er sich wieder und wieder, er wollte die Verurteilte nicht unnötig lange leiden lassen. Für ihn war der Richtplatz seine Bühne, auf der er, der Hauptdarsteller eine Szene spielte und man soll seine Kollegen ja mit gebührendem Respekt behandeln. Die Axt durchschnitt die Luft und grub sich tief in das Holz des Blockes. Ein Hieb. Ihr Kopf plumpste in das weiche Heu des Weidenkorbes, über das sich nun ein blutiger Regen aus der durchtrennten Halschlagader ergoss. Der Körper der jungen Frau sackte in sich zusammen und der Henker riss die Arme hoch, was einen Jubelsturm des Publikums zur Folge hatte. Als er meinte, dass es genug für Heute war, reichte er dem Gehilfen die Axt und verließ den Platz auf gleichem Wege, wie er gekommen war, ohne sich noch einmal nach der Leiche umzusehen. Er unterhielt sich mit niemandem, auf seinem Weg, vorbei an den Steinmauern des Innenhofes der Burg und verließ diese durch ein Seitentor. Der Henker zog sich die Haube vom Kopf und atmete erleichtert auf. Wie so oft schon spazierte er über den staubigen Wanderweg den Berg hinunter, denn er war froh seine Arbeit für heute verrichtet zu haben und hatte keine große Lust sich mit den anderen zu unterhalten. Seelenruhig schloss er das Metalltor unten an dem langen Maschendrahtzaun um das Privatgrundstück auf und ging zu der Stelle, wo er seinen Wagen geparkt hatte. Er stieg in seinen SUV, ein schwarzer Cadillac Escalade, sein ganzer Stolz und klemmte sich hinter das Steuer. Er sah in den Rückspiegel, richtete seine Krawatte, als er sah, dass diese Schief saß und schmiss das Radio an. Der Henker ließ die Fenster herunterfahren und setzte den Wagen in Bewegung. Während die Finger seiner rechten Hand im Takt zu Britney Spears Oops!...I did it again gegen die Außenseite seiner Tür trommelten, lenkte er mit der anderen den Cadillac in Richtung Schule, wo er seine Tochter nach Schulschluss abholen würde.

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