Sub des Tages

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von Neirbo A. Nanoc
Mitglied

Wenn die Leute so in den Laden hineinkommen, bemerke ich ihr hohes Maß an Desinteresse an meiner Person. Bis auf ein erwiderndes „Hallo!“ schenken sie mir keinerlei Aufmerksamkeit. Diese Abhebung von ihnen mir gegenüber beruht vielleicht auf der Tatsache, dass sich alleine schon unser Aussehen von einander unterscheidet. Was das Materielle angeht natürlich. Im Inneren müssen wir uns ziemlich ähnlich sein. Wenn ich nicht stehen würde, wo ich stehe, und nicht tragen würde, was ich trage, hätte mich mein Weg früher oder später wahrscheinlich ebenfalls an einen Ort wie diesen geführt. Dennoch bin ich gebunden an diesen besonderen Platz, von dem ich nun ein Teil bin. Im Gegensatz zu ihnen, die frei sind. Sie sind frei, haben Zugang zu Informationen, treffen Entscheidungen. Und wenn sie dann eine getroffen haben, wenden sie sich an mich. In dem Moment, in dem sie mir das Zeichen geben, welches von Individuum zu Individuum variiert, ändert sich alles. Das, was zwischen uns war, der Schleier, der uns trennte, die Mauer, die mich verbarg, verfällt. Es ist der Moment, der meine Präsenz unterstreicht und meine Wichtigkeit definiert. Sie sind nun auf mich angewiesen. Sie brauchen mich. Sie alle. Keiner kommt hier her ohne sich mir zu stellen. Sie oder er müsste schon ziemlich naiv oder gar dumm durchs Leben laufen, wenn man her kommt ohne das eine von mir zu wollen. Keiner verlässt den Laden ohne mir zu sagen, was sein Wunsch ist. Ich bin der Schlüssel, das Tor zum Glück. Der Überbringer der frohen Botschaft.

„Was hätten Sie gerne?“ Der Satz. Der Satz, der alles einleitet. Jetzt geht es los.
„Ich hätte gerne einmal die Nummer 06 ohne Gurken. Geht das?“
„Gerne.“

Ich drehe mich um und bereite alles vor. Erst das Brot. In der Mitte aufschneiden und dann in den Toaster. Stufe drei ist eingestellt. Während ich warte, wende ich mich wieder dem Individuum.

„Kommt sonst noch was dazu?“
„Eine kleine Cola.“

Ein zusätzliches Getränk. Gute Wahl, ganz nach meinem Geschmack. Ich gebe die Auswahl der jungen Frau, die mir gegenüber steht, in den Kassenautomaten ein. Das einzige, was uns trennt ist der Tresen, der sie von der Frische unserer Produkte wie Salat, Tomaten oder Gurken, die sie sowieso nicht mag, überzeugen soll. Die Frau ist klein. Dunkle Haare, sportlich gekleidet. Wahrscheinlich wohnt sie in der Nähe. Ich habe mir sagen lassen, hier kommen recht selten wenn nicht nie Leute her, die nicht in der Nähe wohnen oder arbeiten. Da ich selber hier nicht wohne, muss sie sich wundern, was zum Teufel mich in diese Gegend verschlagen hat. Aber überrascht wirkte sie nicht wegen des neuen Gesichts, das vor ihr stand. Vielmehr wirkte sie in Eile oder möglicherweise hielt sie etwas von dem Einhalten ihrer täglichen Routine ab.

„6,50 macht das.“

Sie übergibt mir das Geld und ich weise sie darauf hin, sie könne die Cola aus dem Kühlfach neben ihr entnehmen, was sie bereits zu wissen schien. Ich mache mich wieder an das Brot. Frisch getoastet lasse ich das unerwartet heiße Brot auf die Arbeitsfläche fallen. Ein solches Verhalten mag Unprofessionalität ausstrahlen, was recht unvorteilhaft für jemanden in meiner Position ist. Ein kurzer Blick über die Schulter. Sie starrt mich an oder guckt ganz ohne Grund so, als hätte sie gerade einen Witz gehört, den sie nicht verstanden hat. Jetzt lieber so tun, als wäre nichts ungewöhnliches passiert, bevor die noch harmlose Situation von der anderen Partei bemerkt wird. Und am besten beeilen. Ich kann sie nicht ewig warten lassen. Was kommt als nächstes? Jetzt bin ich es, der starrt. Auf das Brot. Was ist als nächstes zu tun? Die 06 wollte sie haben, die kriegt sie. Was kommt denn da überhaupt drauf? Ein kurzer Blick zur Wand zu meiner linken, an der ein Stück Papier hängt. Darauf eine Auflistung unseres gesamten Angebots.

06 Salami, Pepperoni-Salami, Salat, Gurke, Tomate, Zwiebeln, Knoblauch

Ich belege das Brot, nun mit dem Gesicht wieder zu der Frau gerichtet, die mich ununterbrochen anzuschauen scheint. Ich frage mich, ob es nichts anderes gibt, dem sie ihre Aufmerksamkeit schenken könnte. Sie könnte ihr Nachrichten auf ihrem Mobilgerät durchgehen, sich die kitschigen Gemälde an der Wand anschauen, die mit dem Rest der Dekoration zu einem kitschigen Traum verschmelzen. Oder sie könnte auf das gottverdammte Brot schauen, welches ich belege. Aber nein. Sie schaut mir direkt ins Gesicht. Ich gucke ab zu hoch, um die Gewissheit zu bewahren, das mein Gesicht noch immer der Mittelpunkt ihres Blickes ist. Und ja. Jedes Mal, wenn ich hochschaue, sehe ich dieses verzogene Gesicht. Es strahlt eine gewisse Leere aus, die sie auf eine Weise angestrengt wirken lässt. Als hätte sie nicht nur einen Witz nicht verstanden, sondern auch sonst nicht viel. Ich bin kurz davor sie zu fragen, warum sie so dumm guckt. Doch ich reiße mich zusammen und konzentriere mich wieder auf das Brot. Nach der Sauce nun die Salami-Sorten und das Gemüse. Gurken erfolgreich weggelassen.

„Zum Mitnehmen oder hier essen?“
„Mitnehmen.“

Ich kann es ihr nicht verübeln keine weitere Sekunde unnötig hier verbringen zu wollen. Es riecht nach Sandwiches, was wohl nicht der Duft ist, mit dem sie sich morgens einsprüht. Hinzu kommen die Einrichtung, die aller Wahrscheinlichkeit nach nicht den Geschmack der eher schlicht gekleideten Frau trifft, und die Musik, die ich zwar ausgewählt habe, allerdings nur zu meiner eigenen Unterhaltung. Sie hört sich wahrscheinlich lieber das an, was laut Radiosendern und zweckentfremdeten Musiksendern im Trend ist. Soll mir auch recht sein. Ich gebe ihr das eingepackte Gut, und sie kann endlich das tun, worauf wir sehnlichst gewartet haben. Sie kann endlich gehen.

„Tschüss!“, und weg ist sie.

Das Wort Danke muss ihr wohl fremd sein. Sowie die Tatsache, dass man die eine Person anlächeln kann, die ihr das gegeben hat, wofür sie den reellen Aufwand aufgebracht hat. Den, der sie und ihre arrogante Fresse in diese stinkende Bude gebracht hat. Und ich war das letzte Hindernis vor dem großen Ziel. Ihrem scheiß Mittagessen. Vielleicht hätte sie sich mehr gefreut, hätte sie nicht die Nummer 06 gewählt, was meiner Meinung nach die schlechteste ist, für die sie sich hätte entscheiden können. Aber aus Fehlern kann sie ja lernen. Falls sie diesen als einen solchen erkennen sollte, was ich jedoch bezweifle, aufgrund ihres beeindruckenden Gesichtsausdrucks. Doch sie ist jetzt frei. Ihre Gedanken können weiter wandern, frei von allen Grenzen. Und ich sitze nach wie vor in diesem Laden, wartend auf das, was sie wollen, und darauf, es ihnen zu geben.

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