Viva la revolución

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Diese elenden Marktstände! Thomas Dulik drängt sich durch den Bahnhof und weicht knapp einer grossen Plastiktanne aus. Er ist auf dem Weg zum Weihnachtsfest seiner Schwester Fabienne. Kurz nach fünf, die engen Zu- und Abgänge zum Bersten voll mit Menschen. Alle wollen nur weg hier, manche zur Arbeit, manche nach Hause. Aber auf jeden Fall weg von diesem Umschlagplatz menschlicher Verkehrsprodukte, erhellt von hässlichen LED-Sternen, getaucht in die fettigen Gerüche der Fastfoodketten. Und in diesem Gewimmel von Leuten kommt der Bahnhofsgesellschaft offenbar nichts besseres in den Sinn, als noch einen dieser schrecklich-seelenlosen Weihnachtsmärkte aus dem Erdboden zu stampfen. Als gäbe es davon nicht bereits genug. An jeder Ecke lauert doch mittlerweile so ein christlich-kapitalistisches Verkaufskonstrukt:

Weihnachtsmarkt, Adventsmarkt, Sternenmarkt, Wintermarkt, Winterzauber-Markt, Weisser Zaubermarkt, Weisser Winterzaubermarkt, Krippenmarkt, Krippenbasar, Weihnachtsdorf, Weihnachtscity, Weihnachtstown, Weihnachtsgasse, Weihnachtsplatz, Weihnachtsbummel, Weihnachtsmarsch, Weihnachtsrun

Christkindl-Markt, Wichtelmarkt, Sankt-Nikolaus-Markt, Klausen-Markt, Engelmarkt, Mutter Maria-Markt, Christ-der-Erretter-Markt, Herr-Jesus-Markt, Messias-Markt, Heilig-Geist-Markt, Drei Könige-Markt, Hirten-Markt, Kaiser Augustus-Markt, 12-Apostel-Markt, Pius XII-Markt, Katholiken- und Reformiertenmarkt

Schwarzwald-Weihnachtsmarkt, Skandinavien-Weihnachtsmarkt, Bethlehem-Weihnachtsmarkt, Nazareth-Weihnachtsmarkt, Jüdischer Weihnachtsmarkt, Christlicher Weihnachtsmarkt, Asiatischer Weihnachtsmarkt, Afrikanischer Weihnachtsmarkt, Latino-Weihnachtsmarkt, EU-Weihnachtsmarktdirektive, Internationaler Weihnachthandelsbeschluss, Quartierweihnachtsmarkt, Wohngenossenschaftswintermarkt

Historischer Weihnachtsmarkt, Öko-Weihnachtsmarkt, Kunst-Weihnachtsmarkt, Weihnachtsbaumarkt, Hobby-Weihnachtsmarkt, Schwul-Lesbischer-Weihnachtsmarkt, Migranten-Weihnachtsmarkt, Weihnachtserotikmarkt, Sozialer-Weihnachtsmarkt, Behinderten-Weihnachtsmarkt, Feministischer Weihnachtsmarkt, Chauvinistischer Weihnachtsmarkt, LGBTQI+-markt, Atheistischer Winterkultusmarkt

Markt, Markt, Markt. Hauptsache Kaufen.

Dulik wühlt sich verärgert einen Pfad durch die Einkaufsschneise, die kläglich daran scheitert, mit Holz- und Plastikverbundstücken einen rustikalen Eindruck hervorzurufen. Hier zählt doch nur der blanke Konsum. Links und rechts von ihm lassen sich kindliche Erwachsene begeistert massenproduzierte Made-in-China-Holzfigürchen andrehen. Die glauben wahrscheinlich dadurch nicht nur längst verschwundene Arbeitsverhältnisse zu unterstützen, sondern im gleichen Zug auch noch ein besonders individuelles Präsent für ihre Liebsten zu erstehen. Dass die Mitmenschen sich wohl eher etwas mehr Gehör oder schon nur stille Sympathie für ihre eigenen Lebensherausforderungen wünschen könnten, das würde ihnen niemals in den Sinn kommen. Dulik rümpft die Nase. Lange schon kaufte er keine Geschenke mehr für seine Liebsten. Auch nicht für Tino, seinen Neffen und Patensohn. Lieber soll der was mit ihm, seinem Onkel, unternehmen. In den Zoo oder so. Gemeinsam Zeit verbringen; das ist doch was uns allen in der heutigen Zeit fehlt. Dulik selbst hatte das erst durch seine Partnerin Veronika erkannt. Materielle Dinge können langfristig das Glück einer Beziehung nicht aufbessern. Lieber Liebe schenken, hatte Sie ihm immer gesagt.

Überall nur Ramsch. Dulik versucht nicht hinzusehen: Mit gesenktem Blick irrt er zwischen den feixenden Händlern in ihren zwei Quadratmetern Verkaufsfläche hin und her. Doch als wäre mit den immer gleichen Plastikkram nicht schon genug Unheil getan, weist ihn der stärker werdende Citrusgestank auf die näherkommende Verpflegungsecke hin. Glühwein und Lebkuchen am Laufmeter. Und überall genau die gleich Scheisse. Einige Variationen im Preis, in den Gewürzen; aber grundsätzlich eine billige Droge unters Volk gebracht um Vorweihnachtsstress zu dämpfen und die Kauflaune anzuregen. Er schüttelt den Kopf. Dreht sich denn alles nur noch um Konsum? Ist sogar das selbsternannte Fest der Liebe nichts mehr anderes, als eine Gelegenheit die Konjunktur anzukurbeln und mit dem Leichtglauben der Menschen billiges Geld zu verdienen?

Noch ein, zweimal drückt er ein paar grölende Menschen zur Seite, dann ist er draussen. Die kühle Nachtluft füllt seine Lungen. Dulik atmet auf. Er will gerade einen Schritt auf den Zebrastreifen machen, da schiesst ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf: Mist, die Karte für Tino! Die hatte er Zuhause vergessen. Aber zurück kann er jetzt nicht mehr. Naja, halb so wild. Sein Patensohn erwartet ja sowieso nicht, direkt was von ihm zu kriegen. So soll es ja auch sein. Geschenke als Überraschung, statt kalkulierter Ablasshandel für nie gezeigte Gefühle. Sein Neffe ist ein aufgeweckter Junge. Der wird das schon verstehen. Und wie soll er lernen, die Liebe seiner Mitmenschen zu schätzen, wenn deren einziges Ausdrucksmittel für ihre Gefühle nur weltlicher Mammon ist. Nein, nein, eine mündliche Einladung für irgendeinen Ausflug in den Zoo oder so. Das muss reichen.

Zufrieden überquert er die Strasse und geht weiter in Richtung von Fabiennes Zuhause. Ob Veronika wohl schon dort ist? Er weicht einigen lallenden Betrunkenen aus, höchstwahrscheinlich angefixt vom Weihnachtspunsch. Schon wieder ein Weihnachtsbaum, dieses Mal mit leuchtenden Plastikboxen als Geschenke darunter. Dieses Bild hatte es bei ihm Zuhause nie gegeben. Zu arm und vor allem zu konservativ waren seine Eltern gewesen. Unter dem Baum immer nur die Krippe mit den traurigen Weihnachtsgestalten aus Holz, keine Geschenke weit und breit. So gingen er und seine Schwester immer leer aus. Besonders fröhlich waren die Weihnachtsfeste bei ihm zuhause dadurch nie gewesen. Endloses Liedersingen, Flötenkonzerte und so ein Kram. Das Weihnachtsessen hatte er auch nicht als sonderlich speziell in Erinnerung.

Ein hell erleuchteter Spielzeugladen wirft vor Dulik sein Licht auf den Gehsteig. Darin überforderte Eltern auf ihrem letzten Beutezug zwischen Hoverboards und Spielkonsolen. Pha, das hätte er damals nie gekriegt. Besonders schlimm war es immer nach dem Weihnachtsfest gewesen. In der Schule, wenn er wieder erfinden musste, was er alles Tolles zu Weihnachten gekriegt hatte. Nur um bei seinen Mitschülern nicht wie ein totaler Loser dazustehen. Aber naja, geschadet hat es ihm längerfristig bestimmt nicht. Im Gegenteil. Von irgendwoher müssen eine gesunde Selbstbehauptung und etwas Demut ja kommen. Wachstum ist schmerzvoll, das wird auch Tino lernen müssen. Besser also, Kindern nicht durch Verhätschelung und teures Spielzeug falsche Hoffnungen zu machen. Er läuft zügig weiter um die Ecke.

Um Himmels willen, das darf doch nicht wahr sein! Auf dem Platz vor Fabiennes Wohnung drängt sich eine grosse Menschenmenge aus Kindern und Erwachsenen um eine weitere, beleuchtete Tanne. Rundherum ein paar Holzstände, Leute mit Bauchladen gehen umher. Hier also auch noch! Dulik ballt seine Finger zu Fäusten. Augen zu und durch. Er taucht in die Menge ein und macht sich schnurstracks durch das Getümmel. Aber irgendwas ist anders als vorhin. Die Leute sind irgendwie ruhiger, er hört singende Stimmen. Noch während er darüber nachdenkt, bricht er aus der Menschentraube hinaus und steht etwas verdattert vor dem Weihnachtsbaum. Darunter ein Chor aus Kindern, offenbar gerade mit ihrem Lied am Ende. Die Leute um ihn herum beginnen zu klatschen.

Genervt klatscht Dulik ein paar Mal in die Hände und sucht sich einen Weg auf die andere Seite. Da zupft ihn jemand an der Jacke. Er guckt neben sich und sieht eine junge Frau mit einem Bauchladen, die freundlich seinen Blick erwidert. Wortlos streckt sie ihm ein kleines Säcklein Kekse entgegen. Kann man den hier nirgends mehr seinen Frieden haben?! Bereits sammeln sich in Duliks Gehirn erste Wortfetzen über Anstand und Demut, die er dieser Jüngerin des Kapitalismus gleich um die Ohren schlagen will. Doch noch bevor er seinen Mund öffnen kann, drückt ihm die junge Frau das Säcklein in die Hand, dreht sich um und ist in der Menge verschwunden. Um Dulik nur der getragene Gesang des Chors unter dem leuchtenden Weihnachtsbaum.

Verdattert blickt Dulik sich um, doch die Frau bleibt verschwunden. Das Säcklein liegt leicht wie ein Schneeball in seiner Hand. Ein schales Gefühl schwappt über Dulik, ein Gefühl, das er schon lange nicht mehr gespürt hat. Er schämt sich. Ein kleiner, biederer Spiessbürger ist er geworden, konsequent und unzugänglich für jedes spontane Glück. Er kommt sich auf einmal ganz schäbig vor. Verflucht nochmal. Tino. Der muss doch irgendwas Spürbares von Weihnachten mitbekommen. Und wenn es eben ein doofes Spielzeug ist. Totaler Entzug ist zu brutal. Der kommt doch nur auf die falsche Bahn durch solchen Radikalismus.
Wütend stapft Dulik zurück zum Spielzeugladen und sucht sich ein Piratenschiff aus, mit grosser Totenkopfflagge. Nie zu spät gegen das System zu rebellieren. Als Freibeuter wird Tino schon noch hinter den zersetzenden, neoliberalen Geist in sämtlichen Kulturprodukten kommen. Und in ein paar Jahren kann er ihm ja das kommunistische Manifest schenken. Oder die Bibel. Oder ein Malkasten oder so. Soll er sich doch sein eigenes Weihnachtsbild zeichnen. Dulik macht sich auf den Weg zurück zu Fabienne. Solange er es nur mit anderen teilt.

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