La vie bohème

von Mareen Nebel
Mitglied

Die Miene so ausdruckslos und leer, wie das Papier in der Schreibmaschine vor ihm, ließ der Junge seinen Blick durchs Zimmer gleiten über das spärliche Mobiliar, das den Raum bestückte, die blätternde Farbe und die Kerben in alterndem Holz, unter einem Schleier aus Staub. Gegen die dunkelgraue Masse der Wand waren sie nicht mehr als eine Ansammlung skizzenhafter Silhouetten. Hinter ihnen, in der Dachschräge, zeigte das Fenster ein Bild wie aus eine anderen Dimension. Als hätte jemand mit einem Messer ein Stück der Realität geschnitten und nun durch ein klaffendes Loch offenbarte sich die Fantasie, das Chaos dahinter. Wolkenfetzten trieben über den aufgewühlten Himmel, einem zerrissenem Leichentuch gleich. Blutrot und leuchtend Gelb brannte darunter die untergehende Sonne, mal völlig klar, öfter aber gedämpft, halb erstickt im rußigen Atem der Stadt. Wie die Bohémiens in den Cafés, bliesen ihr die Fabriken den Rauch aus ihren metallischen Lungen entgegen. Paris immitierte seine Bewohner, oder die Bewohner sie, je nach dem, von welcher Seite man es betrachtete.
In jenem Licht des sterbenden Tages, es vermochte jeder Szene einen schicksalsträchtigen Glanz zu verleihen, saß er nun, statuesque und regungslos. Da ging ein Ruck durch den schmalen Körper und mit steifen Knien stakste er in Richtung einer, der zwei Türen der Wohnung. Im angrenzenden Raum, kaum größer als eine Streichholzschachtel, fand sich eine zerkratze Keramikwanne. Mit altmodischen Löwenklauen krallte sie sich an den gesprungenen Fliesen. Wie in Trance entledigte er sich seinem Gehrock, ließ ihn achtlos zu Boden fallen und begann an einem der zwei Griffe herumzudrehen.
Zunächst tat sich nichts, dann aber unter Gezitter und Geklapper husteten die Rohre das Wasser aus. Beträchtliche Zeit musste vergehen, bis der Strahl regelmäßiger wurde.
Zum Warten verdammt stand der junge Mann da, sah zu wie das Wasser stieg, zog sich Schuhe und Strümpfe aus. Sobald seine nackten Füße den Boden berührten, ran ihm eine Gänsehaut über den ganzen Körper. Unschlüssig sah er an sich hinab. Dies war seine einzige gute Hose, er würde nicht wagen sie jetzt schon zu verknittern. Schließlich schlüpfte er aus der Hose, Hemd und Unterhose ließ er jedoch an. In diesem halb entkleideten Zustand versank er mit zufriedenem Seufzen im warmen Wasser. “Mme. Pétrie hat wohl doch den Boiler repariert,” dachte er und ließ die Fingerspitzen über die glatte Oberfläche tanzen. Die gute Frau, er würde ihr demnächst eine kleine Aufmerksamkeit vorbei bringen.
Langsam spürte er wie die Anspannung, die Sorgen aus ihm heraussickerten und durch seine erfrorenen Hände begann erneut Blut zu fließen. Erleichtert beugte und streckte er die mit Tintenflecken übersähten Finger. Unmöglich sah er aus. Wenn Mama sie so sehen würde, hätte sie ihm einen ordentlichen Klaps beschehrt. Ihm danach aber sofort mit einer kandierten Frucht getröstet, ihn in den Arm genommen, zärtlich über das Haar gestrichen...
Energisch schrubte er mit einem groben Stück Seife über die Flecken, bis die Haut von roten Flecken übersät war. So vetrieb er wenigstens das verräterische Brennen aus seinen Augen.
Doch auf einmal sah er garnichtmehr seine Hände. Anstatt der eigenen Handflächen, stets bekleckst und für seine 20 Jahre viel zu kindlich und rosig geraten, waren diese hier fremd. Lange Finger, fast zu lang und knochig um schön zu sein. Nein, schön waren diese Hände gewiss nicht zu nennen, so blass, dass sich Adern blau und nobel darunter abhoben. Aber die Ästhetik, die von ihnen ausging, wirkte wie bei einem Zauber. Eine simple Geste genügte und alles hörte zu. Der Bann war komplett sobald sie den Bogen an die Violine setzten, behutsam wie ein Künstler seinen Pinsel auf die Leinwand. Bewundernswert eignete sich vielleicht besser dafür oder eindrucksvoll. Doch sein Gehirn wollte sich nicht recht damit zufrieden geben, rügte ihn sogar für den Versuch sein Gefühl mit so schnöden Wörter zu beschreiben. Aber wie sollte man die Atemlosigkeit, das plötzliche Flattern in Brust und Magen und die hilflose Leere im Kopf sonst benennen, erklären, außer durch Achtung vor einem großen Meister.
Ratlos schloss er die Augen und tauchte den Kopf unter Wasser. Doch statt der erhofften Stille, bildeten sich die Erinnerungen des Abends, wie Heimsuchungen erneut vor seinem Auge.
Das stickige Café, unten im Cartier Latin mit den schmierigen Tischen und dem schummrigen Licht. Lachen und Flüstern der Gäste füllte den Raum, untermalt vom Rascheln der Fächer und Röcke der Damen, die sich wie große Katzen mit gekonnter Eleganz durch das Halbdunkel bewegten. Mal hier, mal dort machten sie ihre Aufwartung, nur um sich einen Moment später erneutk zu entziehen. Èdouards dröhnender Tenor, der ihn auffordert endlich einmal fröhlich zu sein.
“Lucien, diese Künstler-Melanchiolie mag unter euch Schreiberlingen sehr en Mode sein, ich persönlich finde es aber eher ermüdend. Außerdem macht es dich blass, wann hast du zuletzt gegessen?”
Doch sein Gesundheitszustand hatte seine Relevanz verloren, sobald Gaelle neben ihnen aufgetaucht war. Mit ihren ewig klimpernden Wimpern hatte sie den Beiden ein Glas mit unheilvoll grüner Flüssigkeit in die Hände gedrückt. “Aufs Haus!”, hatte sie mit ihrer gespielt rauen Stimme deklamiert. “Für meinen aufstrebenden Opernsolisten und seinen merkwürdigen Freund.” Lachend, als wäre es der geistreichste Scherz seines Lebens hatte Édourad sie zu einem Kuss an sich gezogen und Luciens Anwesenheit endgültig aus seinen Gedanken verdrängt. Wie gewöhnlich hatte er ausgeharrt, peinlich berührt von seinem Freund, der selbst für einen Lebemann seines Kallibers kaum Schamgefühl besaß. Schließlich war er aufgestanden, hatte den Absinth aus seinem Glas heruntergestürzt und sich mit einem Halbsatz irgendwohin entschuldigt. Nicht dass einer der Beiden noch Notitz von ihm genommen hätte.
Das teuflische Brennen des Alkohls in seiner Kehle war noch nicht erloschen gewesen, er hatte kaum zwei Schritte getan, da war jemand aufs Gröbste gegen ihn geprallt und hatte ihn zur Seite gerempelt.
“Ehoh!”
Trotz des ärgerlichen Ausrufs, hatte man sofort eine Melodik in seiner Stimme wahrnehmen können, die Lucien noch bei keinem Zweiten gehört hatte.
Auch jetzt echote sie in seinem Kopf, prallte von der Schädelwand ein ums andere Mal ab und setzte sich ins Unendliche fort.
Langsam ging ihm die Luft aus. Widerwillig tauchte er auf und fand sich sofort prustend, umgeben vom Licht der Petroleumlampen wieder, das plötzlich unerträglich grell schien und der starren Kälte der Wohnung.
Schnaubend fuhr er sich über das Gesicht. Die Finger, die er dafür verwendete waren jedenfalls wieder seine Eigenen. Abwesend, versunken in den bunten Tagträumen griff er nach dem Gehrock auf dem Boden. Aus einer der Taschen förderte er ein Stück Papier zu Tage, mehrmals hastig gefaltet und vom Transport zerknittert.
Lucien öffnete es. Ein Notenblatt für den zweiten Satz irgendeines Violinenduetts, das er mit seinen beschränkten Musikwissen nicht weiter zuordnen konnte. Vielmehr interessierte ihn die Rückseite des Papiers, auf dem in aller Eile mit Kohlestift einige Wörter gekritzelt worden waren.
9 rue Cortot, 4. Stock, Wohnung 3B
Und darunter,
Frag nach Raphael
Das letzte Wort zierten das verschlungenste P und H, die ihm je untergekommen war. Unvermittelt huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Natürlich musste selbst seine Unterschrift dieser Person, etwas Einzigartiges beeinhalten.
Raphael
Dass seine Heimsuchung nun einen Namen trug freute und ängstigte ihn zugleich/gleichermaßen. Tief atmete er den Geruch, der von dem Papier ausging ein. Wie erwartet, der metallischen Geruch von getrockneter Tinte wahr und von Staub, der sich zweifellos beim lagen Liegen in einem Geigenkoffer angesammelt hatte. Darunter verborgen, nahm er jedoch noch die feine Note eines teuren Eau de Cologne wahr.
Sofort flammte in seinen Gedanken das Bild eines kantigen Profils auf, das, eines langen, schimmernden Haarschopfes, der mit einer zerstreuten Geste aus der Stirn geschoben wurde.
Was den Fremden dazu bewegt hatte, ihm dieshier zuzustecken, oder ob er wusste was er möglichweise damit sagte, wusste Lucien beim besten Willen nicht.
Was in Gottes Namen war denn geschehen? Ein kurzer Wortwechsel indem keiner wirklich etwas gesagt hatte.
Zum Abschied ein so flüchtiger Händedruck, Lucien hätte im Nachhinein schwören können er hätte nie stattgefunden. Und danach?
Ein Blick, aufgefangen über die Köpfe der dösenden Menge hinweg. Dieser eine Moment, der sich zwischen zwei Menschen unendlich auszudehnen schien, Zeit die sich plötzlich reiner Willenskraft unterwirft. Sie hatten einander festgehalten, fast verzweifelt, jeder hatte sich geweigert sich abzuwenden. Wenn Lucien schlau gewesen wäre, dachte er bei sich, sollte er das, was in diesen Sekunden begann in seiner Brust Wurzeln zu schlagen fortwerfen oder wenigstens ignorien. Glücklicherweise, wie schon seine Lehrer in der Schule stets behauptet hatten, war er es nicht.
Und Raphael ebensowenig.
Erneut betrachtete er den Brief. Selbst wenn er genug Mut zusammenbrächte sich wirklich aufzuraffen, dorthin zu fahren und an die Tür zu klopfen, was sollte werden wenn Raphael tatsächlich öffnete? Schlimmer noch, wenn er alles als Scherz oder simple Einladung auf eine Zigarette abtat?
Der Stich, der ihn bei dem Gedanken durchfuhr, war genug um zu wissen, dass Scham und Angst hin oder her, er es versuchen musste.
Insgeheim hatte er es geahnt, nachdem er beschlossen hatte zu bleiben und dem Violinenspieler mit den verwirrend grauen Augen Aufmerksamkeit zu schenken. Er wäre sofort aus dem Schneider gewesen, hätte er es so gehalten wie sonst auch. Umdrehen, nicht zurück schauen, weitergehen.
Dieses Mal jedoch war jeglicher Widerstand zwecklos.
“Also, weshalb verschwendest du dann noch deine Zeit?”, sagte er laut zu sich selbst und erhob sich entschlossen aus dem Bad. Dass die Hosenbeine widerlich an seiner Haut klebten und seine Füße zu Eisklumpen gefroren, sobald sie den Boden berührten, ignorierte beflissen.
So schnell er konnte kleidete er sich frisch ein, verharrte sogar eine Sekunde über der Entscheidung, ob er das neue, gestärkte Hemd tragen sollte. Dann aber kam er zu dem Schluss, dass Raphael keines Falls von der Sorte Mann zu sein schien, die man mit der Wahl seiner Kleidung beeindrucken konnte.
Nach einem letzten, zweifelnden Blick in den gesprungenen Rasierspiegel warf er sich seinen Mantel über die Schultern und stürmte in Richtung der Tür. Dann jedoch, die eine Hand bereits auf dem Knauf, hielt er mitten in der Bewegung inne.
Dunkelheit hüllte die Stadt draußen vor dem Fenster ein, hier und dort ausgebleicht vom Licht einer seltenen Gaslaterne. Düster wie die Zweifel die ihm die Brust einschnürten.
Sein Blick fiel auf das Notenblatt, das er weiterhin mit einer Fazst umklammerte. Auf einmal, vielleicht dachte er es sich auch nur aus, glaubte er sich an noch etwas zu erinnern. Das Detail war so winzig, für jeden anderen hätte es wohl kaum eine Rolle gespielt. Dieser seltsame Moment über den Köpfen der Menge, der Ausdruck auf seinem Gesicht, plötzlich wusste er, weshalb er ihn dermaßen gefesselt hatte. Was er in Raphaels Augen gesehen hatte, begrüßte ihn selber jeden Morgen wenn er in den Spiegel sah. Es war dieselbe Einsamkeit, diese lähmende Furcht vor all dem das weiter als die nächste Straßenecke entfernt war. Sanftheit, die versteckt, hinter angelernter Härte hervor schimmerte wie ein Streifen Erz in Granit.
Auf den Lippen ein Lächeln, klein und nur für ihn selbst gedacht, öffnete er die Tür und trat ohne zu zögern in den Flur und stieg die ausgetretenen Stufen hinab. Tief sog er den nächsten Atemzug ein, als er den ersten Schritt hinaus in die samtige Kälte tat, die bleierne Leere erwartend, die ihm die nächtliche Stadt sonst einflößte. Doch das unsichtbare Gewicht auf seinen Schultern blieb aus. Stattdessen fühlte er sich erfüllt von plötzlicher Zuversicht. Dass jetzt und hier, wo er in der Gunst zahllosen Sterne am Himmel stand, alles, selbst Raphael, möglich war.

Kategorie und Thema: Kurzgeschichte/Kurzprosa, historische Fiktion, Romanze

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Kommentare

09. Dez 2018

Geistige und emotionale Dichte in fast jedem Satz. Toll erdacht & geschrieben.
LG Uwe