Pilot: Entzug

von svaari mks
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An meine beste Freundin,

wenn ich nicht mehr denken wollte, weil mein Pessimismus und meine Empathie die Hoffnungslosigkeit vorantrieb, gabst du mir das unglaublich großzügige Geschenk der Gleichgültigkeit.
Wenn mein Kopf die grausigen Bilder der abgemagerten und gelben halbtoten Hülle meines Opas und die Erinnerung an mich und meine Schuldgefühle, wie ich mich ohne eine letzte Berührung der Hand, ohne ein letztes Wort und ohne zu zögern umdrehte und hinaus lief, wohl wissend, dass ich danach nie wieder die Gelegenheit bekommen würde ihn zu sehen, wieder zum leben erweckt hat, dann hast du mir Trost geschenkt.
Du hast mich in den Arm genommen, mir die Tränen von den Wangen gewischt und mir die Schuld genommen und mir erklärt, dass es in Ordnung wahr, weil ich nicht stark genug war. Du hast mich getröstet, wenn mich niemand anders trösten konnte.
Wenn ich nachts mit weit aufgerissenen Augen im Bett lag, weil der Gedanke mich wach hielt, dass ich eines Tages meiner Mutter beim ersticken zusehen muss, dass ich ihre Hand los lassen muss, damit sie endlich sterben kann und ich nichts mehr für sie tun kann, außer da zu sein, dann hast du mir die Angst genommen und mich an die lange Zeit erinnert, die meine Mutter und ich noch zusammen haben werden. Du hast mir die Zuversicht gegeben zu wissen, dass ich alles überstehen werde.
Wenn ich beim einschlafen immer wieder angsterfüllt hoch gezuckt bin, weil mich das Gefühl beschlich, dass dies das letzte Mal sein könnte, dass meine Augen offen sind und dass ich jederzeit sterben könnte, hast du mich beruhigt und mir gesagt, dass ich schlafen muss, das Schlaf nichts schlimmes und vor allem nicht das Ende ist und mir das Vertrauen gegeben, sodass ich wusste, dass ich morgen wieder aufwache.
Wenn ich nervös war, weil ich in die Schule musste und mich daran zurück erinnerte, wie ich gemobbt, gehasst und verabscheut wurde, wie mir jeden Morgen schlecht war und ich Angst hatte, wieder diesen Hass und diese Ablehnung zu spüren, auf Grund von meiner impulsiven, lauten und viel redenden Art, dann hast du mich daran erinnert, dass ich damals dich nicht hatte.
Du hast dich um mich gelegt, wie eine warme und wattierte Decke, hast mich wie ein Schutzschild von all dem Bösen fern gehalten, dass andere hätten sagen und denken können. Du gabst mir das Selbstbewusstsein, die Gelassenheit und die Coolness die mir im täglichen Umgang mit gleichaltrigen und Leistungsdruck so sehr gefehlt hat.
Wenn mein Vater mich mit seiner Art und seinem Verhalten wieder mal zur Weißglut brachte und ich hätte heulen können vor Wut, weil er mich nie verstehen wird, dann hast du mir die Selbstbeherrschung gegeben, mit der ich den Kontakt zu ihm aufrecht erhalten und dich finanzieren konnte.

Doch mit der Zeit veränderte sich etwas maßgeblich. Zuerst ohne, dass ich es bemerkte. Ab und an kamen mir Zweifel an deiner Perfektion, an deiner Zuverlässigkeit, an dem, von dem ich lange Zeit dachte, dass es mir gut tut. Doch du hast es immer schnell geschafft, diese Zweifel aus dem Weg zu räumen. Deine Decke war immer so wohlig warm und weich, wie ein zu Hause in dem man alt werden möchte.
Doch irgendwann wurde es mir bewusst.
Wir hatten die Rollen getauscht.
Jetzt warst du diejenige, die mich konsumierte.
Du hast mich Stück für Stück in dir Verschwinden lassen. Du hast mich nicht nur von allem Bösen, sondern auch von allem Guten was es in der Welt gab abgeschottet. Du hast mich langsam und langweilig gemacht. Du hast mir das Essen und meine Freunde genommen. Du hast mich zwei Jahre lang auf der Stelle treten lassen. Ich trat so lange auf der Stelle, dass ein Loch entstand, in das ich hinein fiel. Und dieses Loch war die wohlig warme Decke, die ich doch immer so sehr geschätzt hatte an dir.
Nun saß ich da in meinem wohlig warmen Loch und konnte weder vor noch zurückgehen. Wenn ich in meine Vergangenheit blickte, sah ich meine Fehlschläge und all das, was mir Angst gemacht hatte und warum ich überhaupt erst angefangen hatte, dich zu brauchen. Und wenn ich versuchte in meine Zukunft zu blicken, bekam ich neue Angst vor neuen Fehlschlägen und je länger ich über meine Zukunft nachdachte, desto attraktiver wurde das wohlig warme Loch in dem ich saß.
So vergingen zwei Jahre und ich nahm dich als mein Schicksal, mein größtes Glück, aber auch als meinen sicheren Untergang an.
Ich lebte auf dem Boden vor meiner Couch und von einem Tag in den anderen. Wenn ich morgens die Augen aufschlug, dann warst du da. Du nahmst mir die Übelkeit, aber auch das Essen. Wenn ich die Augen abends wieder schloss, dann warst du das letzte, was ich sah. Du nahmst mir meine Angst und meine Albträume, aber auch meine Freude und die Fähigkeit zu träumen.
Deine wohlig warme Decke, das mittlerweile unendlich tiefe Loch lies mich schlafen, auch wenn ich wach war. Wenn ich nachts schlief, dann ging mir nichts durch den Kopf. Nichts wurde verarbeitet, nichts wurde geträumt. Am Tag, wenn ich wach war, so weit, wie es mir mit dir möglich war wach zu sein, warst nur du in meinem Kopf. Wie sollte ich dich heute finanzieren, wie an dich heran kommen, welche Lüge würde es mir heute ermöglichen deinen Fortbestand zu sichern.
Ich dachte nur noch an dich. Nicht an gestern nicht an morgen. Das Denken wurde mein größter Feind. Mein Kopf war vernebelt, sodass er nichts Vernünftiges mehr denken konnte, also ließ ich es meistens ganz bleiben. Reden konnte ich auch nicht mehr, da ich nicht mehr dazu in der Lage war meine Gefühle ihrer Intensität und Wichtigkeit angemessen zu verbalisieren. Langsam, aber sicher und immer Stück für Stück war ich sauer auf dich, weil du mich zu der gemacht hast, die ich heute bin. Doch wenn du für ein Paar Stunden weg warst, dann trauerte ich schon wieder über dich. Ich kam nicht von dir los. Wir hatten so viel zusammen durch gestanden, du hast mir über so vieles hinweg geholfen und ich hatte doch so viel Atem an dich verschwendet.
Auf dich war Verlass, wenn ich mich auf niemanden mehr verlassen konnte. Du hast mich fest gehalten, als mich alle anderen fallen ließen. Dir habe ich mein Leben anvertraut, weil ich niemandem, nicht einmal mir selbst vertrauen konnte.
Du bist zu meiner besten Freundin geworden und ich habe dich geliebt.
Doch ich musste einsehen, dass du, je länger wir zusammen waren, immer schlechter als besser für mich wurdest und so habe ich mich vor etwas mehr als zwei Monaten von dir getrennt; und es hat mir das Herz zerrissen.
Die ersten Wochen war es furchtbar für mich ohne dich. Der nostalgische Trennungsschmerz war echt und ich hätte um dich weinen können und meine Nüchternheit kotzte mich an.
Ohne deine wohlig warme Decke, war alles so schrecklich laut, so real und so konfrontativ.
Die Welt machte mir Angst, ich machte mir Angst, das Leben machte mir Angst.
Doch nach einer gewissen Zeit gewöhnte ich mich an die ganzen Reize und vergaß dieses wohlig warme Gefühl deiner mich umhüllenden Decke. Das machte mich lange Zeit traurig, aber dann fand ich allmählich immer neue Dinge, die weit mehr wert sind, als das.
Das Gefühl, von einer Gruppe gleichaltriger ohne weiteres akzeptiert und gemocht zu werden und das so, wie ich bin.
Ich kann mit anderen aufrichtig Lachen.
Ich kann mich organisieren und an guten Tagen mein zukünftiges Leben planen.
Ich kann das Gewirr in meinem Kopf ordnen und anderen begreiflich machen, wie ich mich fühle.
Ich kann fühlen, kann wütend sein und im Idealfall Gefühle zugeben und zeigen.
Ich kann mir merken, was mir erzählt wird und somit interessiert inhaltliche und ausführlichere Gespräche führen.
Ich kann aus meiner Vergangenheit lernen und Fehler in der Zukunft vermeiden.
Ich kann meine Ängste anderen mitteilen und mich mit ihnen auseinander setzen und an ihnen Arbeiten, anstatt sie weg zu sperren und zu verdrängen.
Ich kann ohne Angst ins Bett gehen und schlafen.
Ich kann aufstehen, ohne weinen zu müssen, weil ich nicht weiß, wie ich ohne dich den Tag überstehen soll.
Ich kann träumen, kann lernen, kann mich weiter entwickeln.

All diese Dinge hatte ich nicht gefunden, nicht gesehen, nicht gefühlt und nicht zu schätzen gewusst mit dir.
Das Leben hält viel mehr für mich bereit ohne dich.
Mein Leben ist lebenswerter ohne dich.
Deswegen muss ich mich von dir verabschieden.
Und ich weiß, die Zeit mit dir war die Zeit von der ich meinen Kindern nichts erzähle.
Aber ich hoffe inständig;
Irgendwann denk ich an dich zurück und lächle breit, denn im Nachhinein war es die beste Zeit.
Und dann lach ich da drüber, was ich mal für eine Idiotin war früher.

Dieser Text wurde während eines Klinikaufenthaltes zur Entwöhnung von Cannabis verfasst. Verschiedene Personen waren der Meinung, ich solle ihn öffentlich machen.
Danke fürs Lesen

Ciao Kakao

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