Im Wohnzimmer

von Ralle Neustadt
Mitglied

Im Wohnzimmer

Sie: „Ich hab ́dich ziemlich gern, weißt du?“
(Pause.)
„Ich dich auch.“
„Ziemlich.“
Längere Stille.
Wieder sie: „Wirklich, ich mag dich sehr.“
(Pause.)
„Mhm.“
(Pause.)
„Ich dich auch.“
Stille.
„Hast du gehört? Ich mag dich sehr, habe ich gesagt.“
„Mhm.“
„Was: Mhm?“
„Auch... Ich auch... Dich.“
„Na dann is ́ ja gut.“
Wieder Stille. Rascheln.
Sie packt ihre Sachen zusammen und erhebt sich.
„Ehrlich, sehr, sehr, sehr!“
Sie schickt sich an, den Raum zu verlassen. Er brummelt etwas in seinen Bart:
„... nicht.“
Sie, kehrtmachend auf den Fersen, starrt ihn mit weit aufgerissenen Augen an:
„Was?“
Es entsteht ein Pause, in der ihre Muskulatur sich strafft und er wirkt, wie ein spastisch gelähmter Veitstanzlehrer. Irritiert schaut er doch auf:
„Was?“
„Das habe ich dich gefragt!“
„Was?“
„Na... Was du gesagt hast. Was?“
„Ich? Nichts.“
„Wie jetzt? Nichts? DU hast doch was gesagt?“
„Nööö... Glaub nicht.“
Sie kommt langsam in Fahrt, er beschließt die Rolle
des Veitstanzlehrers abzulegen und in die des Paten von Neapel zu schlüpfen.
„Nee, ernsthaft: Ich hab ... `nicht` gesagt.“
„Aha!“
Wieder Stille.
„Aha! Ich habe: Aha! – gesagt“
„Mhm.“
„Mein Lieber! Verarschen kann ich mich ja wohl alleine. Ich habe doch gehört, dass DU ,nicht´ gesagt hast!“
„Sag ich doch.“
„Ohhhhhh. Es ist ja nicht zum Aushalten! Sag mir jetzt, was du gesagt hast! Oder...“
„Ich mag Dich sehr, sagte ich.“
Kurze Stille.
„Du liebst mich nicht? Stimmt ́s? Du liebst mich nicht! Das ist es, was du gesagt hast. Ich hab ́s doch gewusst.“
„Nö.“
„Warum sagst du dann sowas?“
„Was?“ Sie schrillt kurz auf und setzt sich wieder hin. Er versucht der Patenmaske ein Lächeln über zu helfen. Seine Lippen formen sich zu einem Pfeifen. Ihr Anblick lässt ihn dann aber doch innehalten.
„Ich hätte auf meine Mutter hören sollen...“
Er versucht sich zu erinnern, wer verdammt noch mal jetzt ihre Mutter war und was die wohl gesagt hatte.
„Was denn? Was hat sie denn gesagt?“ – versucht er höflich, das bislang recht
flüssige Gespräch im Gang zu halten.
„Hä? Jetzt... das darf nicht war sein!“ Sie steht wieder auf und rennt dreimal um ihren Stuhl um sich dann mit dem Kerzenständer, der auf dem Tisch steht, zu bewaffnen, um ihn dann wie wild hin und her zu schwingen.
„Das interessiert dich doch sowieso nicht!“
„Was?“
„Was? Was meine Mutter gesagt hat! Über dich! Das hat dich doch noch nie
interessiert...“
„Ach so.“
„Ach so???“ Sie schnappt kurz nach Luft. „Ist jetzt nicht dein Ernst! Willst ́ es wissen oder nicht?“
„Mhm. Na ja...“
„Sag ich doch!“
„Was?“
„Du WILLST es gar nicht wissen!“ Entnervt kippt sie sich den Rest des Chiantis, der noch im Glas war, hinter die Binde, holt tief Luft und rülpst.
Er grinst sie an. Sie fängt herzhaft an zu lachen. Sie lachen beide, lange, bis ihnen die Tränen in den Augen stehen. Sie steht auf, beugt sich zu ihm rüber und gibt ihm einen langen zärtlichen Kuss.
„Ich werd ́ dann mal kochen..., die Gäste kommen bald.“
„Mhm.“
Im Gehen schlägt sie ihm den Kerzenständer, den sie die ganze Zeit nicht aus der Hand gelegt hatte mit einem gezielten, präzisen Schlag quer über den Kopf.
Während sie hüftschwingend und ein Lied auf den Lippen Richtung Küche den Raum verlässt, entgeht ihr, wie sich über seine Stirn, in seine Augen, die einen ziemlich erstaunten Ausdruck angenommen haben, ein Strom hellen Blutes ergießt. Während ihm die Sinne schwinden, versucht er sich mit aller Macht an die Worte ihrer Mutter zu erinnern und daran, warum er schon immer
für mehr Teelichter im Haushalt gewesen war...

2017 copyright by RalleN(LR)

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Kommentare

21. Apr 2017

Das war sehr spannend - und ich glaube, durchaus real dargestellt- und obgleich die Sache ganz böse endet, musste ich am Schluss zumindest, wenigstens, lächeln. Wer in den letzten Sekunden seines Lebens diese Gedanken hegt, muss zwangsläufig schwer von Begriff bzw. sehr phlegmatisch sein.

Liebe Grüße
Annelie

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