Senryu ✓ Gedichte, Erklärung und Aufbau

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von Ingeborg Henrichs
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von marie mehrfeld
von Yvonne Zoll
von Ingeborg Henrichs
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von marie mehrfeld

Karneval feiern.
Maske verdeckt dein Gesicht.
Du tauschst Sein in Schein.

Alltag ausblenden.
Nun in fremde Haut schlüpfen.
Nichts mehr zensieren.

Du bist Artemis!
Trübe Gedanken, adé,
sie stören…

von Yvonne Zoll

Auserlesener
Aufgehender Augenblick
Atemdurchlässig

evaporierend
in der Berührung sanfter
gefältelter Rahm

im Raunen jene
Aufrichtigkeit befreiend
Unermesslich bleibt

Empfinden erdend…

von Ingeborg Henrichs

Verlassener Ort
Leere Hüllen. Schattenlos
Immer sein im Jetzt

von marie mehrfeld

Die Reise nach innen,
Nebel umwobene Tage
und Nächte vergangen,

in Einsamkeit schweigen
will ich und einkehren in mir,
Vergangenes loben,

die Sprachlosigkeit
derer, die von sich sagen,
dass sie…

von Yvonne Zoll

gefrorener glanz
im aushärtenden abend
asphalt zum morgen

erdpech verwoben
unverfälschte kulissen
tiefer müdigkeit

geronnene im
angeschwemmten ballast zu
abgeworfenen

frachten wird doch…

von Annelie Kelch

Sonntag -
die Rose
im bunten Strauß der Woche

von Volker Harmgardt

In Erinnerung an Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975)
"Bei Vorstellung Deiner Hände kam Wut in mir hoch
und diese Unzufriedenheit förderte die Produktivität"

Im Sternensilberteich
tummeln sich die Sonntage,
der Hecht…

von Yvonne Zoll

Erfahrungsabgrund
Ungelenke Reflexion
Entflohen Bilder

Unumwunden wie
im Wind gefroren tränt der
Melodien Lid

Im Gewoge wohnt
Heimatlos in Saiten nur
mein Mond inmitten

Gischt mitnichten…

von Sigrid Hartmann

Verwundetes Herz
Die Knospe einer Rose
In Kälte und Sturm

von marie mehrfeld

Die Gürtellinie:
Besser oberhalb bleiben.
Es hebt das Niveau.

von Yvonne Zoll

nächtlich kreuzungen
äolisch zart erwartend
tiefhohe schwermut

wehrten dem morgen
bewundernd im spiegelbild
zeit wie zukünftig

nicht nur künftiges
vergangensein denn mein wind
im ungewissen…

von marie mehrfeld

Den Kopf hoch tragen
und den Mut nicht verlieren.
Widerspruch wagen.

von Yvonne Zoll

Tief in deinem Lied
sind die angenommenen
Töne wie Allheit

Pausen befreien
mit bangem Klopfen gefüllt
rhythmisierendes

Fließen vertonte
Tränen schneller gewandter
über die Dichte

von marie mehrfeld

Wer und warum sind wir?
Woher kommen wir, wohin
werden wir gehen?

Wir wissen wenig.
Ahnen nur. Unser Leben pendelt
zwischen schwarz und weiß,

froh, traurig, kalt und heiß,
schnell und langsam, jung und…

von Yvonne Zoll

Durchfrosteter Flaum
Fetzen in laurauer Luft
mein Kettenkasten

wie fremdes Sprechen
Verkehrt in Verneinung nur
Reste im Ranken

Emotionsbefragt
am Vormittag nur Leistung
im Entlegenen

Kein…

von Yvonne Zoll

Was sich als Zwitschern
Zwischen zwei Gedanken zeigt
Tiefe auslotend

Schwingt wie hingestreckt
zu sieben Sonnenhöhen
evident im Sinn

zum unsichtbaren
Augenblick ein Atemzug
aus Mauerritzen

von Yvonne Zoll

Erstickende Lust
zuletzt Zugluft umstritten
im Unterhang patzt

Unter flexibler
Hoffnung wie Sorgenröten
Ruinen werden

Leben verglühen
Selbst bestrahlten Empfindens
Entdeckend wie alt

Zu…

von Ingeborg Henrichs

Entblätterungen
Wesentliches auflesen
Natur der Wahrheit

von Yvonne Zoll

Fort von Vielleicht kaum
Im Bereich des Möglichen
Und kein Charterflug

Übermäßigen
Lamentierens inmitten
Von Sukkulenten

Und Lavasteinen
Halb umflossen grauweiße
Fließende Flächen

von Yvonne Zoll

Abgezogen im
Abend würzige Wolken
Blässe fließend flocht

hierin zur Gegend
Müßig Mühelosigkeit
undeutbar besser

Ragt unauflöslich
vielbegehrt ins Brennen schließt
getaute Tropfen

das…

von Ingeborg Henrichs

Sommernachrichten
Ankommen und loslassen
Reisezeit zum Selbst

von Monika Laakes

Gedankenspiele,
wenn ich zu den Wolken schau.
Welten entstehen.

Fruchtbar ist die Zeit,
Sekunde und Ewigkeit,
wo Leben gedeiht.

Ist die Kopfgeburt
ein Spiegel der Wirklichkeit?
Nicht berechenbar…

von Ingeborg Henrichs

Ankommen im Sein
Öffnet dir alle Himmel
Lebenswirklichkeit

von Carl Heinz Kurz

O, sieh doch, Liebste:
ich küsse deinen Schatten,
ob dein Herz es spürt?

von Ingeborg Henrichs

Wortloses Sagen
Lehrt lautlos das Herzwissen
Sprache der Liebe

von Ingeborg Henrichs

Heimat der Menschheit
Schwebend Blau im Zeiten Raum
Sternenstaubleben

von Ingeborg Henrichs

Lebensmelodie
Alltagsrausch und hohe Kunst
Klangreiche Weisheit

von Yvonne Zoll

Fortgeflogen frei
verjüngter Flügel Fülle
flutend Vakuum

Frostverkümmerte
vorhergesehen Flashback
flektiert von Flecken

Variationen
verdrechseln Pirouetten
fleißig von Ferne

UnterBelichtung…

von Monika Laakes

Geliebte Freiheit.
Du machst mir Glücksgefühle,
wenn ich an dich denke.

von Monika Laakes

Wie oft stirbst du noch,
Zauberin meiner Worte?
Trauer schnappt sie fort.

Blonde Fee, du fehlst.
Zäh tropft Ungeschriebenes
im Nirwana ab.

Wünsch ich, du wärst hier,
fließen die Bilder zu mir,
im…

von Yvonne Zoll

Orakelsprüche
ehedem errettende
wie ausschließliche
Ahnung eines Anderen
Scherben beflügelnd kreisen

Staubgewölk mithin
Oder Atomisierung
Ganz transzendent im
Umriss losgelöst daraus
uralt…

von Monika Laakes

Gedanken führen
zur Freiheit oder Knechtschaft.
Bleib eigenmächtig.

von Ingeborg Henrichs

Alltäglichkeiten
Spiegel des Unendlichen
Verdichten die Zeit

von Ella Sander

In der Pfütze der
geerbten Identität
bleibt Blick kurzsichtig.

von Yvonne Zoll

Irritierende
Zwischengeräusche rangeln
Ruinös verstört

Verhört – die Thesen
Leiden messbar an Worten
Die niemals werden

Zum Tragen kommen
Hilfe zur Verminderung
Des Absoluten

Seiten

Erklärung, Aufbau und Beispiele des traditionellen Senryu (Senryū)

Debon (1984, S. 411) nennt die Senryu „Siebzehnzeiler, die keine ‚haiku‘ sind“. Die Darstellungen über Entstehung und Entwicklung sind widersprüchlich. Ich folge den grundlegenden Ausführungen Blyths.
Formel dem Haiku gleich, dreizeilig mit 17 Silben in der bekannten Aufteilung 5 - 7 - 5, steht seine inhaltliche Prägung in der Tradition des Renga und zwar in der Mindless-Form, dem mushin-renga, ‚herzloses Kettengedicht‘, das den humorvollen, witzigen und an Wortspielen reichen Stil bevorzugte und sich im Volk großer Beliebtheit erfreute (Blyth 9. A. 1984, Vol. I, S. 42). Es wurde in der umgekehrten Silbenfolge 7 - 7 / 5 - 7 - 5 von zwei Autoren geschrieben. Dabei galt es, den dreizeiligen Vers in unerwarteter und überaschender Weise an den vierzehnsilbigen Vordervers anzuschließen. Diese Form des mushin-rengas hieß maekuzuke „Vordervers-Anschluß“ (Debon 1984, S. 410).

Als Beispiel für das maekuzuke ein Gedicht von Sōkan:

Kirtaku mo ari
kiritaku mo nashi

Nusubito wo
toraete mireba
waga ko nari

Erschlagen könnt ich ihn
aber dann doch wieder nicht.

Erwischt wurde der Dieb
und als ich näher hinsah,
war es mein eigener Sohn.

Debon (1984, S. 411)

Der zweite Traditionsstrang, der das Senryu prägte, ist das kyōka, das ‚komische Waka‘, ‚Trollgedicht‘, oder auch kyōku, das ‚Trollvers‘ oder ‚verrückter Vers‘ – ein satirisches Hokku (Blyth 1960, S. 13).

Sōkan wa
doko e to hito no
tōtareba
chito yōji ari
anoyo e to ie

Should Poeple ask
Where Sōkan has gone
Then answer,
"He has gone on some business
To the next world."

Blyth (1960, S. 13)

In den 300 Jahren nach Sōkan sind ständig humoristische Gedichte geschrieben worden, in den letzten 100 Jahren vornehmlich in der Hokku-Form; sie waren jedoch kaum bekannt und auch wenig geachtet. Das änderte sich erst durch Karai Hachiemon (1718-1790).

Karai Hachiemon war offiziell ernannter Sammler und genoss als solcher ein hohes Ansehen. Weniger seinem eigenen dichterischen Talent als vielmehr seiner ausgiebigen Tätigkeit als kritischer Beurteiler und Selektor verdankte er seine Popularität. Diesem Umstand und der Vorliebe Karai Hachiemons für das kyōku ist es zuzuschreiben, dass diese Gedichtart entdeckt wurde und Berühmtheit erlangte.

...
Hachiemon begann seine Sammeltätigkeit 1757; der erste Teil der Anthologie erschien 1765; bis zu seinem Tode 1790 umfasste sie 24 Bände. Der ausführliche Titel lautet: ‚Imosegawa Yanagidaru‘, vom ersten Wort das Ende und vom zweiten der Anfang ergeben die japanische Lesart für Senryu, gawa-yanagi, das übersetzt Flußweide heißt. Diese Wortkombination wählte Hachiemon zum Pseudonym. Erst nach seinem Tod wurde der name auf die gedichtform übertragen.

Sein Lebenswerk und der Umstand, dass das Haiku sich inzwischen zu einer hochgeistigen Gedichtform gewandelt hatte, machten das Senryu ungeheuer populär, denn es bot jedermann die Möglichkeit literarischer Betätigung, der außer der formalen Begrenztheit keine Einschränkungen auferlegt waren.

Das Senryu lebt von „Hyperbolen, Metaphern, Personifizierungen, Kalauern und Verballhornungen; es liebt die respektlose Verspottung, die Travestie und die Parodie“ (Debon 1984, S. 412), versprachlicht Ironie, Satire und Dummheit, menschliche Schwächen, alltägliches Einerlei und banale Nichtigkeit. Der Sprachstil ist umgangssprachlich geprägt, liberal, niemals moralisierend oder anklagend, dafür spöttisch, ja zuweilen zynisch und anzüglich (Blyth 1960, S. 7):

Nusumi yori
kuretaru hana wa
ori-nikushi

It is more difficult
To break off a branch he is given
Than to steal one.

Blyth (1960, S. 166)

Wenn man einen Blütenzweig stiehlt, so nimmt man soviel, wie man haben möchte, aber wenn man ihn geschenkt bekommt, fürchtet man, unbescheiden zu sein und zuviel abzubrechen.

Dorobō no
kaeri ni marui
tsuki wo home
Yasharō

On the way back
From stealing,
He praises the round moon.

Blyth (1960, S. 221)

Dieses ist ein Beispiel dafür, dass das Senryu sich jeder moralisierenden Äußerung enthält. Der satirische Unterton ist sehr zart. Der Dieb hat durch den erfolgreichen Diebstahl alle seine Materiellen Wünsche erfüllt. Nun, auf dem Heimweg, erwacht seine geistige Natur, und er betrachtet den Vollmond mit ruhigem und friedlichen Sinn.

[Auszüge aus "Das deutsche Kurzgedicht - in der Tradition japanischer Gedichtformen" ISBN 3 88996 144 4; Mit freundlicher Genehmigung von Margret Buerschaper]