Senryu ✓ Gedichte, Erklärung und Aufbau

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von Monika Laakes
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die schönsten Senryu
von marie mehrfeld
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von Annelie Kelch
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von marie mehrfeld

Karneval feiern.
Maske verdeckt dein Gesicht.
Du tauschst Sein in Schein.

Alltag ausblenden.
Nun in fremde Haut schlüpfen.
Nichts mehr zensieren.

Du bist Artemis!
Trübe Gedanken, adé,
sie stören…

von Annelie Kelch

Sonntag -
die Rose
im bunten Strauß der Woche

von Volker Harmgardt

In Erinnerung an Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975)
"Bei Vorstellung Deiner Hände kam Wut in mir hoch
und diese Unzufriedenheit förderte die Produktivität"

Im Sternensilberteich
tummeln sich die Sonntage,
der Hecht…

von marie mehrfeld

Die Reise nach innen,
Nebel umwobene Tage
und Nächte vergangen,

in Einsamkeit schweigen
will ich und einkehren in mir,
Vergangenes loben,

die Sprachlosigkeit
derer, die von sich sagen,
dass sie…

von Sigrid Hartmann

Verwundetes Herz
Die Knospe einer Rose
In Kälte und Sturm

von marie mehrfeld

Die Gürtellinie:
Besser oberhalb bleiben.
Es hebt das Niveau.

von marie mehrfeld

Den Kopf hoch tragen
und den Mut nicht verlieren.
Widerspruch wagen.

von Monika Laakes

Wie oft stirbst du noch,
Zauberin meiner Worte?
Trauer schnappt sie fort.

Blonde Fee, du fehlst.
Zäh tropft Ungeschriebenes
im Nirwana ab.

Wünsch ich, du wärst hier,
fließen die Bilder zu mir,
im…

von Monika Laakes

Spontan quälen mich
bedrückende Gedanken.
Chaos auf Erden!

Heuschreckenplage
überzieht die schöne Welt.
Ich schau' hilflos zu.

Träum in den Himmel.
Entfernt von der Wirklichkeit
kann ich arg…

von marie mehrfeld

Wer und warum sind wir?
Woher kommen wir, wohin
werden wir gehen?

Wir wissen wenig.
Ahnen nur. Unser Leben pendelt
zwischen schwarz und weiß,

froh, traurig, kalt und heiß,
schnell und langsam, jung und…

von Angélique Duvier

Reines Herz

Dein Herz ist so rein
wie eine Lotosblume,
sie passt gut zu dir.

Lotosblume

In meinen Träumen,
wirst du für immer blühen,
mein schöner Lotos.

Weihnachtsstern

von Monika Laakes

Gedanken führen
zur Freiheit oder Knechtschaft.
Bleib eigenmächtig.

von Carl Heinz Kurz

O, sieh doch, Liebste:
ich küsse deinen Schatten,
ob dein Herz es spürt?

von Monika Laakes

Geliebte Freiheit.
Du machst mir Glücksgefühle,
wenn ich an dich denke.

von marie mehrfeld

Die klare Sicht auch
auf die Missstände der Welt.
Das ist meine Wahl.

von marie mehrfeld

Gang durch mein Viertel.
Trotz verhangenen Himmels
Spätabends beschwingt.

von Annelie Kelch

Sonntag -
das hohe C
auf der Tonleiter der Woche ...

von marie mehrfeld

Verschenktes Lächeln
fliegt gespiegelt zu dir zurück.
Doppelte Freude.

von Monika Laakes

Wonach schaue ich
mit geschlossenen Augen?
Such' Unendlichkeit

von Wolfgang Luley

der obdachlose –
zugedeckt unter werbung
für eigenheime

von marie mehrfeld

Ihrer Flüchtigkeit zum Trotz
beschenkt sie deine Zukunft
mit Erinnerung

von Monika Laakes

Dein Lächeln macht schön.
So spiegel ich mich in dir.
Bleib solang du willst.

von marie mehrfeld

Ohne Ethik ist
Meine ganze Rhetorik
Nichts als Kosmetik.

von Monika Laakes

Neid ist wie ein Gift,
das schleichend Seelen zerfrisst.
Zurück bleibt Leere.

von Monika Laakes

Fremder Mensch im Park
lächelt im Vorübergeh'n.
Sein Gesicht wird schön.

von Monika Laakes

Herrschaft der Zahlen
macht aus Menschen Maschinen.
Mess- und steuerbar.

Mut
von Monika Laakes

Wer die Seele zeigt,
kann mit Angriffen rechnen.
Verlier nicht den Mut.

von Tilly Boesche-Zacharow

Silberblauer Faden
zeichnet meine Gedanken
auf das Tuch der Nacht.

von Monika Laakes

Oh du großer Held,
nimm dich nur nicht so wichtig.
Auch du triffst den Tod.

von Tilly Boesche-Zacharow

Du redest vom Glück,
vereint mit mir auf Erden
und siehst in die Luft.

von marie mehrfeld

Böse Gerüchte
Können Leben zerstören.
Nur nicht hinhören!

von Soléa P.

Hoffnungslosigkeit
Kein Anfang kein Ende
In Sicht

von Anouk Ferez

Ein weißer Vogel
auf satten grünen Auen-
die Hoffnung stirbt nie

*

Ein Regenbogen
spannt sich zwischen den Wolken-
darüber wohnt Gott

von Monika Laakes

Atem. Tor zum Glück,
machst gedankenfrei mein Hirn.
Leb im Augenblick.

Seiten

Erklärung, Aufbau und Beispiele des traditionellen Senryu (Senryū)

Debon (1984, S. 411) nennt die Senryu „Siebzehnzeiler, die keine ‚haiku‘ sind“. Die Darstellungen über Entstehung und Entwicklung sind widersprüchlich. Ich folge den grundlegenden Ausführungen Blyths.
Formel dem Haiku gleich, dreizeilig mit 17 Silben in der bekannten Aufteilung 5 - 7 - 5, steht seine inhaltliche Prägung in der Tradition des Renga und zwar in der Mindless-Form, dem mushin-renga, ‚herzloses Kettengedicht‘, das den humorvollen, witzigen und an Wortspielen reichen Stil bevorzugte und sich im Volk großer Beliebtheit erfreute (Blyth 9. A. 1984, Vol. I, S. 42). Es wurde in der umgekehrten Silbenfolge 7 - 7 / 5 - 7 - 5 von zwei Autoren geschrieben. Dabei galt es, den dreizeiligen Vers in unerwarteter und überaschender Weise an den vierzehnsilbigen Vordervers anzuschließen. Diese Form des mushin-rengas hieß maekuzuke „Vordervers-Anschluß“ (Debon 1984, S. 410).

Als Beispiel für das maekuzuke ein Gedicht von Sōkan:

Kirtaku mo ari
kiritaku mo nashi

Nusubito wo
toraete mireba
waga ko nari

Erschlagen könnt ich ihn
aber dann doch wieder nicht.

Erwischt wurde der Dieb
und als ich näher hinsah,
war es mein eigener Sohn.

Debon (1984, S. 411)

Der zweite Traditionsstrang, der das Senryu prägte, ist das kyōka, das ‚komische Waka‘, ‚Trollgedicht‘, oder auch kyōku, das ‚Trollvers‘ oder ‚verrückter Vers‘ – ein satirisches Hokku (Blyth 1960, S. 13).

Sōkan wa
doko e to hito no
tōtareba
chito yōji ari
anoyo e to ie

Should Poeple ask
Where Sōkan has gone
Then answer,
"He has gone on some business
To the next world."

Blyth (1960, S. 13)

In den 300 Jahren nach Sōkan sind ständig humoristische Gedichte geschrieben worden, in den letzten 100 Jahren vornehmlich in der Hokku-Form; sie waren jedoch kaum bekannt und auch wenig geachtet. Das änderte sich erst durch Karai Hachiemon (1718-1790).

Karai Hachiemon war offiziell ernannter Sammler und genoss als solcher ein hohes Ansehen. Weniger seinem eigenen dichterischen Talent als vielmehr seiner ausgiebigen Tätigkeit als kritischer Beurteiler und Selektor verdankte er seine Popularität. Diesem Umstand und der Vorliebe Karai Hachiemons für das kyōku ist es zuzuschreiben, dass diese Gedichtart entdeckt wurde und Berühmtheit erlangte.

...
Hachiemon begann seine Sammeltätigkeit 1757; der erste Teil der Anthologie erschien 1765; bis zu seinem Tode 1790 umfasste sie 24 Bände. Der ausführliche Titel lautet: ‚Imosegawa Yanagidaru‘, vom ersten Wort das Ende und vom zweiten der Anfang ergeben die japanische Lesart für Senryu, gawa-yanagi, das übersetzt Flußweide heißt. Diese Wortkombination wählte Hachiemon zum Pseudonym. Erst nach seinem Tod wurde der name auf die gedichtform übertragen.

Sein Lebenswerk und der Umstand, dass das Haiku sich inzwischen zu einer hochgeistigen Gedichtform gewandelt hatte, machten das Senryu ungeheuer populär, denn es bot jedermann die Möglichkeit literarischer Betätigung, der außer der formalen Begrenztheit keine Einschränkungen auferlegt waren.

Das Senryu lebt von „Hyperbolen, Metaphern, Personifizierungen, Kalauern und Verballhornungen; es liebt die respektlose Verspottung, die Travestie und die Parodie“ (Debon 1984, S. 412), versprachlicht Ironie, Satire und Dummheit, menschliche Schwächen, alltägliches Einerlei und banale Nichtigkeit. Der Sprachstil ist umgangssprachlich geprägt, liberal, niemals moralisierend oder anklagend, dafür spöttisch, ja zuweilen zynisch und anzüglich (Blyth 1960, S. 7):

Nusumi yori
kuretaru hana wa
ori-nikushi

It is more difficult
To break off a branch he is given
Than to steal one.

Blyth (1960, S. 166)

Wenn man einen Blütenzweig stiehlt, so nimmt man soviel, wie man haben möchte, aber wenn man ihn geschenkt bekommt, fürchtet man, unbescheiden zu sein und zuviel abzubrechen.

Dorobō no
kaeri ni marui
tsuki wo home
Yasharō

On the way back
From stealing,
He praises the round moon.

Blyth (1960, S. 221)

Dieses ist ein Beispiel dafür, dass das Senryu sich jeder moralisierenden Äußerung enthält. Der satirische Unterton ist sehr zart. Der Dieb hat durch den erfolgreichen Diebstahl alle seine Materiellen Wünsche erfüllt. Nun, auf dem Heimweg, erwacht seine geistige Natur, und er betrachtet den Vollmond mit ruhigem und friedlichen Sinn.

[Auszüge aus "Das deutsche Kurzgedicht - in der Tradition japanischer Gedichtformen" ISBN 3 88996 144 4; Mit freundlicher Genehmigung von Margret Buerschaper]