Sweetthought Kapitel 3

von Tobias Neu
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Der Besuch beim Kapselhafen war ergebnislos gewesen. Zwar hatte er seinen Koffer wieder bekommen, aber neben Kleidern, etwas Geld und einer Pistole war nichts vorhanden, das ihn an irgendetwas erinnert hätte.
Seine Brieftasche wurde wohl allen Anschein nach während dem Kofferunfall gestohlen.
Zu allem Übel wurde er fast wegen der Pistole festgenommen, da diese aus Sicherheitsgründen in Sweetthought strengstens verboten waren.
Dr. Schleyer konnte ihn zwar rausreden, abgeben musste er die Waffe aber dennoch. Somit tappte Hector wieder im Dunkeln, was seine Vergangenheit anging.
„Hey Hector, zapf mal noch eins“, rief Frank Hector zu und riss ihn so aus seinen Gedanken. Stumm nickte der Gefragte und tat wie ihm gehießen.
Als Frank die vollen Gläser holen kam, fragte er mal wieder breit grinsend: „Und? Alles klar für heute Abend?”
Hector nickte und schwieg. Als Frank seinen neuen Angestellten für das Turnier angemeldet hatte, hat er ihm verschwiegen, dass alle Kämpfer über seiner Gewichtsklasse waren.
Allerdings beunruhigte ihn das nicht sonderlich.
Die Tür öffnete sich und Dr. Schleyer betrat den Raum. Geradewegs lief sie auf Hector zu und fragte: „Wie geht es meinen Lieblingspatienten?“
„So wie du dich anstellst, ist das dein einziger!“, warf Frank noch lachend ein bevor er das Bier wegbrachte.
„Alles gut.“, sagte Hector knapp und begann, einige Gläser zu spülen. Sie lehnte sich über den Tresen und strich einige von Hectors krausen Haaren weg, welche über der Wunde lagen.
„Wo hast du deinen Verband gelassen?“, wollte sie wissen, während sie die Naht inspizierte.
Schulterzuckend antwortete Hector: „Der hat gestört.“
Dr. Schleier nahm eine Whiskyflasche, träufelte einige Tropfen über ihren Finger, drückte jenen auf Hectors Naht und erkundigte sich: „Stört das auch? So ähnlich fühlt es sich an, wenn sich die Wunde entzündet, nur noch viel immer.“
Hector zuckte vor dem brennenden Gefühl zurück und knurrte: „Lass das.“
„Dann lass du deinen Verband an“, lachte Dr. Schleyer und setzte sich wieder zurück.
Frank kam zurück zu den beiden und fragte grinsend: „Till? Ärgerst du wieder meine Angestellten?“
„Keine Angst Frank, nicht mehr als er verdient“, feixte sie weiter, bevor sie fragte: „Ist die Liste für die Wetten schon bereit?“
Frank warf Hector einen schuldvollen Blick zu, Hector indes zapfte unberührt noch ein Bier.
„Ähm... Nein?“, versuchte Frank sich rauszureden.
Ungläubig sah sie die beiden an: „Ihr seid unmöglich, wisst ihr das?“
Grinsend gab Frank stolz zu: „Jap.“, und Hector grummelte irgendetwas. Dr. Schleyer rieb sich die Stirn und stöhnte: „Männer.“
Man sah ihr an, dass sie es Hector am liebsten verbieten, würde bei dem Wettkampf teilzunehmen. Streng sah sie ihn an und fragte: „Versprich mir wenigstens, dass du rechtzeitig stoppst, wenn irgendwas ist.“
Hector atmete geräuschvoll aus, nickte aber.
„Also, was ist mit den Wettlisten?“, fragte sie noch einmal nach.
Breit lächelnd händigte Frank Dr. Schleyer die gewünschten Papiere aus. Schnell überflog sie die Daten, zögerte aber bei Hector.
„Die Wetten auf deinen Sieg stehen zwanzig zu eins? Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, protestierte sie.
Emotionslos sah Hector sie an und fragte: „Und? Wo ist das Problem?“
„Egal...“, erwiderte Dr. Schleyer resigniert.
„Und? Darf ich raten, auf wen du setzt, Till?“, witzelte Frank und brachte schnell eine Ladung Getränke weg.
Kaum war er wieder zurück, drückte sie ihm einige Geldscheine in die Hand: „Ich setzte das hier auf Hector.“ Frank nahm das Geld entgegen und sagte feixend: „Oha, jetzt glauben schon zwei an seinen Sieg.“

Wenige Stunden später ging das Turnier los. Insgesamt bestand es aus acht Kämpfen, und die Sieger des heutigen Abends würden nächste Woche gegeneinander antreten. Hector war als Dritter an der Reihe.
Die Regeln konnte man simpel zusammenfassen mit: „Keine Tiefschläge, keine Tritte, keine Brüche oder andere Verletzungen absichtlich zufügen und keine Angriffe auf am Boden liegende oder gegen Frank”, welcher als Kampfrichter fungierte.
Der erste Kampf war bereits voll im Gange und Frank verstand es, die Menschen anzuheizen.
Dr. Schleyer gesellte sich zu Hector, welcher abseits damit beschäftigt war, die anderen Kämpfer zu studieren und fragte: „Na? Schon aufgeregt?“
„Geht...“, antwortete er knapp und fixierte seinen Gegner. Es war ein grobschlächtiger Hüne, welcher mindestens ein Kopf größer als Hector war.
Seinem Blick folgend fragte die Ärztin besorgt: „Willst du nicht lieber doch absagen? In zwei Wochen, wenn du wieder...“
„Nein“, unterbrach er sie knapp.
„Als deine Ärztin empfehle ich dir wirklich...“
„Ich muss teilnehmen.“
„Aber warum denn? Vor allem in deinem Zustand? Ich versteh das nicht!“, sagte die Ärztin genervt, aber auch angsterfüllt, das Wohlergehen ihres Patienten im Hinterkopf.
Hector sah sie an, zögerte kurz und erklärte dann: „Ich hab das Gefühl mich so an etwas zu erinnern.“
Die Doktorin sah ihn an. Das leuchtete ihr ein, aber dennoch erwiderte sie: „Aber warum gerade dieser Wettkampf? Später kannst du doch auch noch teilnehmen.“
„Und wenn es dann zu spät ist?“, wollte Hector wissen, doch Doktor Schleyer konnte das nicht beantworten.
Der erste Kampf wurde soeben beendet und Frank hob breit grinsend die Hand eines Boxer in die Höhe und kürte ihn stolz zum Sieger des Duells.
Schweigend sahen Hector und Dr. Schleyer zu, wie die Kämpfer den Ring verließen und der nächste Kampf eingeleitet wurde.
„Woran meinst du dich erinnern zu können?“, fragte Dr. Schleyer mitten in dem Kampf.
„Weiß nicht...“, antwortete Hector in seiner knappen Art.
Resigniert sah sie ihn an, seufzte und meinte: „Schlag auf seinen Kiefer, linke Seite.“
Überrascht sah Hector sie an. Er hob eine Augenbraue und fragte: „Wieso das?“
„Ein Kollege hat mir gesteckt, dass er da eine Entzündung hat, ein Treffer dort sollte deine Chancen verbessern“, erklärte Dr. Schleyer.
„Gehen hier unten alle Ärzte so liberal mit dem Arztgeheimnis um?“, wollte Hector wissen.
Die Ärztin schürzte die Lippen, als sie erwiderte: „Jetzt sei nicht so verklemmt. Ich dachte mir, da deine Schwachstelle so offensichtlich ist,“ sie tippte an ihre Stirn, genau auf die Stelle, an der sich Hectors Wunde befand, „Ist es nur fair, wenn du auch seine kennst.“
Hector nickte und gab der Doktorin recht, nützlich war die Information tatsächlich. „Außerdem kannst du jede Hilfe gebrauchen, so wie du krafttechnisch unterlegen bist“, meinte Dr. Schleyer mit mulmigem Gefühl.
Trocken erwiderte Hector: „Du verstehst es, Leuten Mut zu machen.“
Verwirrt sah sie ihn an: „Moment... War das ein Witz?“
Hector schwieg und bevor Dr. Schleyer noch etwas sagen konnte, bemerkten beide, dass erneut einer der Kämpfer von Frank zum Sieger gekürt wurde.
„Jetzt geht’s los.“, murmelte Hector und begab sich zum Ring, Dr. Schleyer folgte.
Frank gab ihm eine Hand und half ihn so in den Wettkampfbereich. Die Ärztin stellte sich an den Rand des Rings und sah besorgt zu, wie Frank sich in die Mitte stellte und brüllte: „Meine Damen und Herren: Kommen wir zum dritten Kampf! In der Ecke zu meiner Rechten steht der uns allen bekannte und geschätzte Kahn!“
Er zeigte auf Hectors Herausforderer, der die Muskeln anspannte und schnaubend die bandagierten Fäuste zusammenschlug. Die Menge grölte.
Grinsend fuhr Frank fort: „Und zu meiner Linken haben wir einen Neuankömmling in unserer Mitte: Sein Name ist Hector!“
Hector stand vollkommen entspannt da und sah ruhig seinen Gegner an. Die Menge gab vereinzelt Applaus und irgendwer rief: „He, der hat sich ja schon den Kopf gestoßen! Holt den mal runter, ich will einen richtigen Kampf sehen.“
Hector und Frank ignorierten das.
Die drei stellten sich zueinander. Kahn und Hector legten die Fäuste aneinander und Frank sagte: „Also ich will einen sauberen und fairen Kampf sehen, und Kahn, du brauchst dich nicht zurückhalten. Hector kann einiges ab, da bin ich mir sicher.“
„'türlich“, schnaubte Kahn.
Dann ging der Kampfrichter wieder an den Rand des Rings und rief laut: „Und... Kämpft!“
Der Kampf ging los und zunächst wirkte alles ziemlich ausgeglichen, was Hector an Kraft fehlte, machte er durch Geschwindigkeit wett. So wich er die meiste Zeit Kahns wuchtigen Schlägen aus und versetzte ihm einige Treffer, welche teilweise durchaus Wirkung zeigten.
Allerdings gelang es Kahn, Hector einen Kinnhaken zu versetzen, während dieser abgelenkt war, als er versuchte nach den Erinnerungen zu greifen, die sich vor seinem geistigen Auge formten. Es riss ihn von den Beinen und er landete auf den Bauch, mit dem Gesicht direkt vor Dr. Schleyer.
Frank begann ihn auszuzählen.
„Hör auf, es ist genug!“ versuchte sie ihn zu überzeugen.
„Noch nicht.“ grummelte er und rappelte sich wieder auf.
Frank sah ihn an und fragte mit einem herausfordernden Grinsen, aber trotzdem ernst: „Kannst du weitermachen?“
Er nickte und wischte sich etwas Blut aus dem Gesicht. Laut brüllte der Richter, zufrieden mit der Antwort: „Und... Weiter!“
Hector holte zu einem Schlag aus, dann trafen ihn die Erinnerungen wie ein Wasserfall.

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