Senryu ✓ Gedichte, Erklärung und Aufbau

empfohlene Senryu
von Carl Heinz Kurz
von Tilly Boesche-Zacharow
von Tilly Boesche-Zacharow
neue Senryu
von Ingeborg Henrichs
von Yvonne Zoll
die schönsten Senryu
von Ingeborg Henrichs
von Ingeborg Henrichs
von Yvonne Zoll
von Monika Laakes
Mitglied

Ich trudel durchs Feld,
find keinen Halt im Zweifel.

von Monika Laakes
Mitglied

Wenn Angst das Licht schluckt,
die Sonne plötzlich Schwarz…

von Monika Laakes
Mitglied

die dort haben’s noch
lachen im halse und bauch
werden…

von Elmar Vogel
Mitglied

Massenimpfungen
schaffen endlich gesunde
Erwerbslose…

von Monika Laakes
Mitglied

Luftchampagnerquell
dringst in meine Zellen ein.

von Marcel Strömer
Mitglied

Du hast mehr verdient
als schöne Worte, die ins

von Marcel Strömer
Mitglied

Die Wucht der Ressentiments
hinterlässt keine Namen

von Marcel Strömer
Mitglied

Hoffnung stirbt zuletzt!
Glaube, der Berge versetzt,

von Annelie Kelch
Mitglied

Wie Martha grüßte ...
Echt ein Kapitel für sich -
Ich…

von Mara Krovecs
Mitglied

Gleiten weiß auf blau
aus den Wolken getropft
sanft…

von Marcel Strömer
Mitglied

Fremdlings Abendlied
wandelt ohne Haus und Heim
ins…

von Monika Laakes
Mitglied

Die wahre Freundschaft
offenbart dir die Magie

von Monika Laakes
Mitglied

Mein Aug fängt den Strahl.
Tief drinnen. Husch. Er ist fort…

von Marcel Strömer
Mitglied

Wir waren hungrig
Liebe bis zum Untergang
Siehst du…

von Marcel Strömer
Mitglied

Heute schon gelacht,
ans Herz gefasst, tief gefühlt,

von Marcel Strömer
Mitglied

Moslem, Jude, Christ,
wer Gott sucht, findet Freude!

von Annelie Kelch
Mitglied

Spurlos verschwunden -
ohne Abschied: heißt warten,

von Monika Laakes
Mitglied

Glaube ist für mich
die kritischste Form eines

von Monika Laakes
Mitglied

Denk an die Liebe
aus Gedanken wird die Tat
die…

von Monika Laakes
Mitglied

Europa leuchtet.
Glanz verspricht das Paradies.

von Marcel Strömer
Mitglied

Hungrig nach Tiefe
Was alle Götter verzückt
wächst…

von * noé *
Mitglied

Hat siebzehn Silben:
Ein Haiku - etwa nicht?! Und:
Wo…

von Monika Laakes
Mitglied

Was ist, wenn Gott denkt?
Im Meer der Möglichkeiten

von Marcel Strömer
Mitglied

Rücksichtsvoll pflegen
wir unser Ich, baden es
im Meer…

von Marcel Strömer
Mitglied

Ja-Wort verweigernd,
Rückseite der Verpackung
heimlich…

von Monika Castrovillari Seyer
Mitglied

Ersehnter Wunschtraum
darin unendlich schweben

von Monika Laakes
Mitglied

Wir verlier’n die Welt,
wenn wir so weiter machen.

von Monika Laakes
Mitglied

Zauberspuk in mir,
bist ebenso in allem.
Göttliche…

von Marcel Strömer
Mitglied

Ob groß oder klein
Stoffkrabben und Staubfänger
Schenk…

von Marcel Strömer
Mitglied

Hass flieht wie Schatten
vor dem Pfeil der Herzlichkeit…

von Marcel Strömer
Mitglied

Wir haben gelehrt
aber nie daraus gelernt
Fehler zu…

von Marcel Strömer
Mitglied

Wie die Zeit vergeht!
Zweites Erwachen findet
späten…

von Marcel Strömer
Mitglied

gemeinsam - einsam
Bund von Vaterländer, der

von Marcel Strömer
Mitglied

Idee der Freiheit
segelt aufs offene Meer -
auch da…

von Marcel Strömer
Mitglied

Freiheit für alle
Stacheldrahstpur endet rot
genähtes…

von Monika Castrovillari Seyer
Mitglied

In deinen Augen
spiegeln sich meine Ängste
wohin führt…

von Marcel Strömer
Mitglied

Am hellichten Tag
bespitzeln sie Freund und Feind!
Wie…

von Marcel Strömer
Mitglied

Wer hoffnungsschwangernd,
mit Finger am Sonnenstrahl,

von Monika Laakes
Mitglied

Geheimnis Weihnacht
überdauerst alle Zeit
als ein…

von Monika Laakes
Mitglied

Schwein, du kluges Tier,
anders, als uns’re Mächt’gen,…

von Marcel Strömer
Mitglied

Two in One schmelzen
zu neuem Kern – Herzfusion.
Null…

von Monika Castrovillari Seyer
Mitglied

Alternde Liebe
geht gemeinsam Hand in Hand
vertraute…

von Marcel Strömer
Mitglied

Die aus dem Herzen
Geflüchteten sind es - ein
Volk…

von Marcel Strömer
Mitglied

Ruhende Hände
auf silbernem Haar, fühlen
wachsendes…

von Marcel Strömer
Mitglied

Ihr Kinder des Lichts
lebt Glückstrahl aus Mutterherz

von Marcel Strömer
Mitglied

Das Schwert der Liebe
erwidert Ruf nach Frieden:
„…

von Marcel Strömer
Mitglied

Suche nicht den Sinn,
am Boden, der blutgetränkt

von Marcel Strömer
Mitglied

Die das Herz treffen
Stimme mit ein in ihr Lied
Finde…

von Marcel Strömer
Mitglied

Teleprompter streikt
Zielgruppenappel erzeugt

von Marcel Strömer
Mitglied

Schönheit stirbt nicht nur
im Alter durch Traurigkeit,…

von Marcel Strömer
Mitglied

Witzwiederholer
lacht sich ins Fäustchen, Baby
im…

von Marcel Strömer
Mitglied

Wort der Religion
strahle wie Mutter zu Kind
im Tempel…

von Marcel Strömer
Mitglied

Mund lacht, Auge weint
die schönste Form des Scheiterns…

von Marcel Strömer
Mitglied

Hungertodgebiet
Unter dem Wüstensand liegt
die einst…

von Marcel Strömer
Mitglied

Rette sich wer kann!
Kopfüber stürzen Träume
in Fluss…

von Marcel Strömer
Mitglied

Am Ende der Zeit
die Brücke zum Paradies
ein…

von Marcel Strömer
Mitglied

Hunderte Flaschen
Ein-Mann-Empfangskomitee
sammelt…

von Marcel Strömer
Mitglied

gut gemeinter Rat
eilt Nervenfasern entlang
es folgen…

von Marcel Strömer
Mitglied

Wie dunkle Seite
des Mondes - erdabgewandt,
lebt…

von Marcel Strömer
Mitglied

Jenseits von Eden
fallen Schatten und Bomben

von Marcel Strömer
Mitglied

Bei Brot und Spiele
hält die Welt den Atem an
Angst…

von Marcel Strömer
Mitglied

Zorn blickt in Spiegel,
der Abgrund gleich nebenan,

von Marcel Strömer
Mitglied

Himmelssohn umgeht
Weg der sinkenden Sterne
Kein…

von Marcel Strömer
Mitglied

Los, komm schon, Flieger!
Verkünder des Untergangs,

von Marcel Strömer
Mitglied

Los! Lösche das Licht!
Kippe Wasser in den Wein,

von Marcel Strömer
Mitglied

Beinflüsterer weckt
Beziehungstöterlüge
noch das eine…

von Marcel Strömer
Mitglied

Farbe bekennen!
Flaggen auf halbmast gesetzt,

von Marcel Strömer
Mitglied

Bettler zieht hungrig
von Tür zu Tür, vertraut dir:
„…

von Marcel Strömer
Mitglied

Seid wie die Vögel,
sprecht einander in Psalmen,
so…

von Marcel Strömer
Mitglied

Aus der Brust erwacht
das gesungene Gedicht
schwingt…

von Marcel Strömer
Mitglied

Der unstete Geist
schwebend, immer im Rahmen
der…

von Marcel Strömer
Mitglied

In der Ruine
nagt Ratte am Hungertuch,
es gibt…

von Monika Laakes
Mitglied

Und dennoch raffen,
selbst wenn genug vorhanden,
das…

von Monika Laakes
Mitglied

Dies Pfeifenkonzert
weckt meinen Wunsch nach Taubheit.…

von Marcel Strömer
Mitglied

Im Salat kirscheln
verliebte Salmonellen,
dem Glück…

Seiten

Erklärung, Aufbau und Beispiele des traditionellen Senryu (Senryū)

Debon (1984, S. 411) nennt die Senryu „Siebzehnzeiler, die keine ‚haiku‘ sind“. Die Darstellungen über Entstehung und Entwicklung sind widersprüchlich. Ich folge den grundlegenden Ausführungen Blyths.
Formel dem Haiku gleich, dreizeilig mit 17 Silben in der bekannten Aufteilung 5 - 7 - 5, steht seine inhaltliche Prägung in der Tradition des Renga und zwar in der Mindless-Form, dem mushin-renga, ‚herzloses Kettengedicht‘, das den humorvollen, witzigen und an Wortspielen reichen Stil bevorzugte und sich im Volk großer Beliebtheit erfreute (Blyth 9. A. 1984, Vol. I, S. 42). Es wurde in der umgekehrten Silbenfolge 7 - 7 / 5 - 7 - 5 von zwei Autoren geschrieben. Dabei galt es, den dreizeiligen Vers in unerwarteter und überaschender Weise an den vierzehnsilbigen Vordervers anzuschließen. Diese Form des mushin-rengas hieß maekuzuke „Vordervers-Anschluß“ (Debon 1984, S. 410).

Als Beispiel für das maekuzuke ein Gedicht von Sōkan:

Kirtaku mo ari
kiritaku mo nashi

Nusubito wo
toraete mireba
waga ko nari

Erschlagen könnt ich ihn
aber dann doch wieder nicht.

Erwischt wurde der Dieb
und als ich näher hinsah,
war es mein eigener Sohn.

Debon (1984, S. 411)

Der zweite Traditionsstrang, der das Senryu prägte, ist das kyōka, das ‚komische Waka‘, ‚Trollgedicht‘, oder auch kyōku, das ‚Trollvers‘ oder ‚verrückter Vers‘ – ein satirisches Hokku (Blyth 1960, S. 13).

Sōkan wa
doko e to hito no
tōtareba
chito yōji ari
anoyo e to ie

Should Poeple ask
Where Sōkan has gone
Then answer,
"He has gone on some business
To the next world."

Blyth (1960, S. 13)

In den 300 Jahren nach Sōkan sind ständig humoristische Gedichte geschrieben worden, in den letzten 100 Jahren vornehmlich in der Hokku-Form; sie waren jedoch kaum bekannt und auch wenig geachtet. Das änderte sich erst durch Karai Hachiemon (1718-1790).

Karai Hachiemon war offiziell ernannter Sammler und genoss als solcher ein hohes Ansehen. Weniger seinem eigenen dichterischen Talent als vielmehr seiner ausgiebigen Tätigkeit als kritischer Beurteiler und Selektor verdankte er seine Popularität. Diesem Umstand und der Vorliebe Karai Hachiemons für das kyōku ist es zuzuschreiben, dass diese Gedichtart entdeckt wurde und Berühmtheit erlangte.

...
Hachiemon begann seine Sammeltätigkeit 1757; der erste Teil der Anthologie erschien 1765; bis zu seinem Tode 1790 umfasste sie 24 Bände. Der ausführliche Titel lautet: ‚Imosegawa Yanagidaru‘, vom ersten Wort das Ende und vom zweiten der Anfang ergeben die japanische Lesart für Senryu, gawa-yanagi, das übersetzt Flußweide heißt. Diese Wortkombination wählte Hachiemon zum Pseudonym. Erst nach seinem Tod wurde der name auf die gedichtform übertragen.

Sein Lebenswerk und der Umstand, dass das Haiku sich inzwischen zu einer hochgeistigen Gedichtform gewandelt hatte, machten das Senryu ungeheuer populär, denn es bot jedermann die Möglichkeit literarischer Betätigung, der außer der formalen Begrenztheit keine Einschränkungen auferlegt waren.

Das Senryu lebt von „Hyperbolen, Metaphern, Personifizierungen, Kalauern und Verballhornungen; es liebt die respektlose Verspottung, die Travestie und die Parodie“ (Debon 1984, S. 412), versprachlicht Ironie, Satire und Dummheit, menschliche Schwächen, alltägliches Einerlei und banale Nichtigkeit. Der Sprachstil ist umgangssprachlich geprägt, liberal, niemals moralisierend oder anklagend, dafür spöttisch, ja zuweilen zynisch und anzüglich (Blyth 1960, S. 7):

Nusumi yori
kuretaru hana wa
ori-nikushi

It is more difficult
To break off a branch he is given
Than to steal one.

Blyth (1960, S. 166)

Wenn man einen Blütenzweig stiehlt, so nimmt man soviel, wie man haben möchte, aber wenn man ihn geschenkt bekommt, fürchtet man, unbescheiden zu sein und zuviel abzubrechen.

Dorobō no
kaeri ni marui
tsuki wo home
Yasharō

On the way back
From stealing,
He praises the round moon.

Blyth (1960, S. 221)

Dieses ist ein Beispiel dafür, dass das Senryu sich jeder moralisierenden Äußerung enthält. Der satirische Unterton ist sehr zart. Der Dieb hat durch den erfolgreichen Diebstahl alle seine Materiellen Wünsche erfüllt. Nun, auf dem Heimweg, erwacht seine geistige Natur, und er betrachtet den Vollmond mit ruhigem und friedlichen Sinn.

[Auszüge aus "Das deutsche Kurzgedicht - in der Tradition japanischer Gedichtformen" ISBN 3 88996 144 4; Mit freundlicher Genehmigung von Margret Buerschaper]