Kapitel 1 - Sunday -

von The Notebook
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Sunday
Der Sonnenschein kitzelte mein Näschen bis ich voller Energie noch mit geschlossenen Augen kräftig in mein Kissen griff. Mir war als würde mir heute alles gelingen. Mit breitem Grinsen setzte ich mich auf und konnte den Sprung von der Bettkante in den Tag kaum erwarten. Nichts was mich aufhalten konnte, mir stand frei alles zu tun was ich wollte, der Tag nahm mich wie eine Welle mit und so kam es, dass ich mich, ehe ich mich versah, im Park selbst wiederfand. Ich hielt kurz inne, um den erfolgreichen halben Tag, der nur so verflogen war, nochmal kurz zu resümieren.
Ein süßes Croissant zum Frühstück bei dem kleinem Straßencafé direkt vor meinem Hauseingang, wie ich es im Sommer stets als Tradition pflege, gefolgt von einem Besuch bei einer Galerie um die Ecke, wo gerade zwei meiner Lieblings Künstler ihre Werke ausstellten. Verschiedener konnten sie nicht sein, der eine malte abstrakte Werke, der andere verstand sich die Betrachter mit auf eine Reise in die glänzenden 20er nach Paris zu schicken. Szenerien von Adligen mit ihren Gewändern wie aus Kaiserzeiten und Gebäuden wie im antiken Rom, zogen dich in ihren Bann und ließen einen die Zeit für diesen Augenblick vergessen. In dem heutigen Tag wieder angekommen vertrat ich mir mit einer Kugel Eis in der Hand die Beine im Park. Das ist jetzt etwa eine halbe Stunde her. Gefühlt war der ganze Tag noch nicht länger gewesen, so schnell glitt er an mir vorbei. Und gerade als ich dem Rascheln der Blätter lauschte und das frohe Farbenspiel am Himmel bestaunte, riss mich eine klare kräftige Stimme aus meinen Gedanken. Ein etwa gleichaltriger Herr im adretten Tweet lächelte mich an und bat mir sein Anstecktuch an. "möchten Sie nicht?" Fragte er mich nach einer kurzen Kunstpause und auf mein verdutztes Gesicht hin antwortete er wiederholend "für Ihr Kleid, Ihnen ist etwas Eis darauf getropft" erstaunt ließ ich meinen Blick über mein Kleid wandern bevor ich mich wieder in seinem strahlendem Lächeln verlor, sein klarer Blick wartete auf eine Antwort und so nahm ich sein Angebot dankend an, um Ihn nicht länger warten zu lassen.
"Erdbeere, wenn ich raten müsste, klasse Wahl!"
"Genau genommen ist es Himbeere.." gab ich halblaut zurück "Und unter uns, das Beste der Stadt." fügte ich, in mittlerweile normaler Lautstärke, hinzu "Auch besser als jedes Erdbeereis das ich kenne" erwiderte ich noch zügig, bevor er antworten konnte.
"Dann hoffe ich mal das Sie mir zeigen woher sie es haben, ich bin gespannt ob es mit dem besten Erdbeere Eis der Stadt mithalten kann" gab er charmant zurück.
“Wenn Sie mir im Gegenzug verraten, wo Sie das beste Erdbeereis der Stadt probiert haben?" Erwiderte ich wiederum schnell und war froh darüber, nach dieser sprachlosen Anfangspanne langsam Fahrt aufgenommen zu haben. Schmunzelnd blickte er mich an bevor er den Arm in Richtung Lichtung streckte und mich fragte " Begleiten Sie mich ein Stück, dann kann ich es Ihnen zeigen" wie verzaubert konnte ich nicht anders, als das Stückchen mit ihm zu gehen und merkte erst bei der Lichtung wie sehr ich ihn über den Weg hinweg gemustert hatte. Etwas wärmer wurde mir und meine Hände fingen an schwitzig zu werden. Ich blieb stehen. Er blieb zwei Schritte darauf stehen und blickte zurück. Etwas verlegen und rot im Gesicht wartete ich bis er hoffentlich wieder das peinliche Schweigen durchbrechen würde. " Dort drüben ist es schon" sagte er in einem solch beruhigendem Ton, dass es mich sirenenartig in seine Nähe zog. Mit ausgestrecktem Arm zeigte er auf eine der edlen Hausfronten direkt am Parkrand. " Ich seh' da keinen Eisladen" sagte ich zu ihm. " Stimmt. Weil das beste Erdbeere Eis der Stadt nämlich in einer Kühlbox meiner Oma in meiner Wohnung liegt." " Ach das passt ja!" Erwiderte ich lachend. Verheimlichend dass ich mir bereits in einer meiner tausend Gedanken, die mir momentan durch den Kopf rasten, nichts anderes gewünscht hatte. Etwas peinlich berührt brachte mich diese Vorstellung zum Schmunzeln "Und was lässt dich denken, dass ich einfach so mit hochkomme?". Fragte ich ihn etwas keck. Um den Schein zu wahren " Nun zum einem spricht dein mit Eis verschmierter Mund für einen gesunden Appetit und zum anderen kommst du ja nicht einfach so mit hoch, sondern um das selbst gemachte Eis meiner Oma Catarina zu probieren, dessen geheimes Familienrezept schon seit Generationen weiter gegeben wird. Nur ein erlesener Kreis von Eisliebhabern kam jemals in den Genuss echte italienische Geschichte zu erleben, ich verspreche dir es schmeckt wie eine Reise durch Italien in der die Zeit still zu stehen scheint. " umhüllte er gekonnt den anfangs frechen Wink bezüglich meiner kindlichen Art ein Eis zu schlemmen in die schönsten Worte die ich heute gehört hatte. Wobei es mir zugegebenermaßen schwer viel nach "verschmiertem Mund" mich nicht in Tagträume zu verlieren, doch ich versuchte mir meine Schwärmerei nicht so sehr anmerken zu lassen, als ich ihm zusagte, während ich mir kindlich mit der Zunge das Eis aus dem Gesicht schleckte. Wir gingen also zu ihm Hoch und ich war erstaunt was für einen wunderbaren Blick man von seiner offenen Küche durch die Panoramafenster über den Park hatte. Es wirkte als wäre es ein Baumhaus und man bräuchte nur die Hand auszustrecken, sich einen Ast schnappen und sich herunter hangeln, um dort zu sein. Mit dem Eis seiner Oma in der Hand in seiner Küche stehend verstand ich nun was er meinte als er sagte, dass man hier die Zeit vergessen könne, es war sagenhaft. " Manchmal steh ich hier, guck hinaus und stelle mir vor ich wäre ein Meister der bildenden Kunst, würde den ganzen Tag hier bleiben, hinaus schauen und den Tag in seiner vollen Schönheit betrachten, um den Blick später einzufangen." Sagte er leise neben sich her, ohne dabei die Augen vom Fenster abzuwenden. "Für ewig einzufangen" ergänzte ich leise zustimmend. Da standen wir nun. Mit Eis in der Hand, den Blick nach vorn gerichtet und träumten vor uns her. Wenn doch nur jeder Sonntag so wäre.
Das Klingeln meines Handy Weckers füllte die Stille und ließ diesen Vertrauten Moment enden, wir verabschiedeten uns kurz während unsere Träume der Wirklichkeit wichen. "Ich muss meinen letzten Bus nehmen " erklärte ich mich, auch um laut einen Grund zu hören der mich hoffentlich bald bewusst verstehen ließ, wieso ich diesen Augenblick nicht bis in die Ewigkeit hätte ausdehnen können. Er schien ebenso langsam wieder in der verwirrenden Realität angekommen zu sein, zeigte mir als Gentleman folgerichtig die Tür und hielt Sie mir auf. Sein Blick machte es mir nicht einfacher zu gehen, doch schließlich verließ ich wortkarg schleichend die Tür. Er schloss sie leise, und es machte den Anschein, als dass er auf der anderen Seite auf ein erneutes Klingeln warten würde. Ich hielt einen Moment inne.
Draußen dann auf der Haustürschwelle schwelgte ich noch in Erinnerungen, bevor ich in den Bus einstieg und sicher zuhause ankam. Es war spät geworden, und im Bett liegend war der Gedanke an die Arbeit am morgigen Tag das letzte woran ich in diesem Moment dachte. Ich schloss die Augen und war bereit mich in den weiten meiner Träume zu verlieren.


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04.08.2018

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Kommentare

04. Aug 2018

Schöne Sommergeschichte.

LG Annelie