Der Junge mit dem Fahrrad

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Kalter Regen strömt aus den grauen Wolken über der Kleinstadt und versickert im dunklen Humusboden vor der Kirche. Die alten morschen Holzbalken des Gebäudes drohen wankend unter der Kraft des Sturms zu bersten. Wie jeden Morgen seit zwei Wochen sitze ich auch an diesem Donnerstag wieder auf den kalten, moosigen Holzstufen und schaue von dem kleinen Hügel, auf dem sich die Kirche befindet aus den Trampelpfad zur Stadt hinunter. Ich höre die Schulglocke läuten und kurz darauf sehe ich die vielen Kinder in das Schulgebäude laufen. Auf die Entfernung sehen sie wie umherwuselnde Ameisen aus, die sich langsam durch den Leichnam der Kleinstadt fressen. Ich greife den roten Apfel neben mir mit der linken und das kleine Obstmesser mit der rechten. Ein wenig Dreck von der Treppe klebt an dem Obst, den ich aber schnell mit dem Saum meiner Kutte entfernen kann. Langsam schneide ich mir kleine Stücke aus dem Apfel und beginne sie einzeln zu essen. Den Jungen sehe ich erst, als er schon fast an der Kirche angekommen ist. Er schiebt ein für ihn viel zu großes Fahrrad mit dunkelgrüner Lackierung und einer wunderschönen messingfarbenen Klingel neben sich her. Ich sehe, dass der Reifen strauchelt . Gelassen bleibe ich sitzen und beobachte wie er immer Näher hinkt. Sein blasses Gesicht ist mit Kratzern übersät und seine Augen sehen verquollen aus, als hätte er geweint. Ich bemerke das sein linkes Knie aufgeschlagen ist. Als er an der Treppe ankommt sieht er mich hilfesuchend mit seinen tränenden hellblauen Augen an. Langsam schneide ich ein weiteres Stück des Apfels ab und reiche es ihm. Zuerst sieht er verwirrt aus, dann nimmt er es und steckt es sich mit den schmutzigen Fingern in den Mund. Ich frage ihn ob er nicht zur Schule müsste und werfe den Apfelstrunk achtlos beiseite. Er sagt nichts. Erneut mustere ich ihn und stelle fest, dass er wunderschön ist. Seine Kleidung ist schlammig und durchweicht ,die goldblonden Haare kleben, vom Regen durchnässt, an seinem schmalen Gesicht. Er ist zehn, vielleicht elf Jahre alt. Ich stehe auf und will in die Kirche gehen, als er mich plötzlich am Arm greift. Ich drehe mich um und sehe, dass er zittert. Dicke Regentropfen vermischen sich in seinem Gesicht mit Tränen und laufen seine blassen Wängchen herunter. "Du kannst mit rein kommen wenn du möchtest," sage ich und öffne die alte Holztür. Er lehnt das Fahrrad vorsichtig gegen die Wand, damit es vom Regen geschützt ist und folgt mir in das Gebäude. Ich hole eine Decke und einen Eimer mit warmem Wasser, damit er sich aufwärmen kann. Als ich wiederkomme weint er nicht mehr. Der Junge nimmt die Decke, wickelt sich darin ein und steckt die Füße in den Eimer. Er sieht mich mit dankbaren Augen an, sagt aber nichts. Der Regen lässt langsam nach. Ich sage dem Jungen ich werde draußen nach seinem Fahrrad sehen. Er reagiert nicht, doch ich gehe trotzdem nach vor die Tür. Schnell stelle ich fest, dass der Hinterreifen des Rades blockiert. Die Bremskabel sind von irgendwem durchtrennt worden und er muss beim Versuch auf der Hauptstraße zu bremsen einen Unfall gehabt haben. Ich verbringe den restlichen Vormittag damit das Rad mit dem Werkzeugkasten aus dem Schuppen wieder in Ordnung zu bringen. Als ich die Kirche wieder betrete ist der Junge weg. Die Decke liegt ordentlich zusammengelegt auf der Holzbank und der Eimer steht ausgeleert daneben. Ich durchstreife das Gebäude und suche den Jungen, doch er ist verschwunden. Ich denke, dass er wohl durch den Hintereingang zurück in die Stadt gelaufen sein muss, aber als ich nachsehe, ist er nach wie vor verschlossen. Ich gehe wieder durch den Vordereingang hinaus und sehe, dass das Fahrrad verschwunden ist. Er muss es sich in dem Moment, wo ich wieder hineingegangen bin gegriffen haben und wieder in die Stadt gefahren sein. Ich denke nach, ob ich den Jungen schon vorher einmal gesehen habe. Er kam mir seltsam bekannt vor und doch erinnere ich mich nicht. Bei den bisherigen Gottesdiensten ist er mir nicht aufgefallen, aber ich bin auch noch nicht lange genug hier um mir alle Gesichter merken zu können. Am nächsten Morgen, einem Freitag, setze ich mein alltägliches Ritual zum ersten Mal aus und gehe nach unten in die Stadt. Es sind nicht viele Menschen auf der Straße unterwegs. Die meisten Kinder dürften bereits in der Schule sitzen. Ich gehe in den kleinen Laden am Stadtrand und kaufe ein paar Brötchen, Wurst und Käse. Auf meinem Rückweg komme ich an der Schule vorbei. Doch etwas ist merkwürdig. Ich halte Ausschau nach dem Fahrrad des Jungen, doch es steht nicht an den Fahrradständern. Ich umkreise die Schule, aber auch da sehe ich es nirgendwo. Mit ungutem Gefühl gehe ich den Trampelpfad in wieder hinauf. Als die Kirche in mein Blickfeld rückt sehe ich das Fahrrad dort stehen. Es lehnt an der Kirchenwand in der exakt selben Position wie schon am Tag zuvor. Ich betrete die Kirche und sehe ihn auf der vordersten Bank sitzen. Er bemerkt mich nicht, lässt die Beine baumeln und betrachtet das große Holzkreuz, dass an dicken Stahlseilen befestigt über dem Altar hängt. Ich lasse meinen Einkauf auf einer der hinteren Bänke liegen und schreite langsam auf den Altar zu. Ich verbeuge mich vor dem Kreuz und setze mich auf die Bank neben ihm. "Wie ist dein Name ?" ,frage ich ihn. Er antwortet nicht und sieht mich mit seinen großen blauen Augen an. Langsam spüre ich eine rasende Wut durch meine Glieder kriechen. Was erlaubt dieser Bengel sich eigentlich, warum kriegt er sein verdammtes Maul nicht auf. Ich schweige eine Weile und mustere ihn. Die Verletzungen von Gestern scheinen gut verheilt zu sein. Außerordentlich gut sogar. "Warum bist du nicht in der Schule ?", versuche ich es erneut, doch wieder keine Antwort. Ich packe ihn am Arm und zerre ihn vor das Gebäude. " Wenn du nichts zu sagen hast, dann komm nicht her !", brülle ich und schlage ihm die Tür vor der Nase zu. Ich bin gerade auf dem Weg in zurück, als sich plötzlich ein beißendes Gefühl von Schuld in mir breit macht. Vielleicht fällt es ihm schwer über sich zu reden. Vielleicht ist er zu dir gekommen, weil er Probleme hat. Ich laufe zurück zur Eingangstür und als ich sie öffne stelle ich fest, dass der Junge und sein Fahrrad bereits verschwunden sind. In der Nacht zieht erneut ein Sturm auf unter dem sich die Balken der alten Kirche erneut knarzend zu biegen beginnen. Am Morgen greife ich mir wie immer einen Apfel und das direkt daneben liegende Messer aus der Obstschale. Müde setze ich mich auf die Oberste Stufe der Treppe und schneide eine große Scheibe des Apfels ab. Mit großer Enttäuschung stelle ich fest, dass der Apfel verwurmt ist und werfe ihn frustriert weg. Dabei verfehle ich den Griff des Fahrrads, dass da an der alten, morschen Holzwand der Kirche lehnt nur um ein Haar. Überrascht springe ich auf und schaue mich in alle Richtungen um. Von dem Fahrrad führen frische Spuren im Boden einmal um die Kirche herum und enden an dem kleinen Gemeindefriedhof am Hügelrand. Der kleine Junge steht regungslos und mit gesenktem Kopf zwischen zwei verhältnismäßig frischen Gräbern. Langsam stapfe ich durch den schlammigen Boden auf ihn zu und lege ihm eine Hand um die Schulter . "Deine Eltern ?", frage ich ihn mit mitleidiger Stimme. Er schüttelt den Kopf. Erst jetzt fällt mein Blick auf die Inschriften der Grabsteine." Hier ruht Amy Hollow 1873-1941" steht auf dem rechten und" In Gedenken an James 1850 - 1935 und Caroline Walters 1852 - 1939" auf dem anderen. " Deine Großeltern ?" frage ich ratlos und lege die Stirn in Falten, doch wieder schüttelt er nur den Kopf. "Was machst du dann hier ?", ich nehme den Arm von seiner Schulter. Meine Stimme bebt und ich spüre diesen Zorn von Gestern wieder in mir als er erneut nicht antwortet. "WAS WILLST DU VON MIR !?" schreie ich ihn an. Er dreht sich zu mir um und sieht mich mit großen traurigen Augen an, doch erneut öffnen sich seine kleinen, blassen Lippen nicht. Mit einem animalischen Schrei stürze ich mich auf ihn. Ich schlage mit den Fäusten auf ihn ein, doch er wehrt sich nicht, er schreit nicht einmal. Ich höre seine kleinen Knochen brechen. Plötzlich spritzt mir rotes Blut entgegen und ich bemerke, dass ich ein in Blut getränktes Obstmesser in der Hand halte. Keuchend halte ich ein und starre den Jungen an. Seine Kehle und sein Brustkorb sind zerfetzt , sein Gesicht eingedellt, die Schädelknochen gebrochen und Blut läuft in Strömen aus den vielen Einstichen in seinem Körper. Ich lasse den Leichnam liegen und gehe zurück in die Kirche. Dumpf höre ich das Klingeln der Schulglocke als ich mich gerade auf die Knie begeben und ein Gebet sprechen wollte. Heute Abend würde wie jeden Samstag die Abendmesse sein. Ich hole einen Spaten aus dem Schuppen und beginne die Erde aus dem dritten Grab, dem von Argus Wineberg 1890 - 1922 zu entfernen. Den Sarg hebe ich unter aufbringen aller mir verfügbaren Kräfte aus dem Grab und schleife ihn in den Schuppen zu den anderen beiden. Ich verschließe den Schuppen, wie immer mit dem eisernen Vorhängeschloss, um dannach zum Friedhof zurückzukehren. Die blutige Leiche des Jungen hebe ich an und lege sie behutsam in das Grab. Ich vergieße ein paar Tränen, spreche einige Worte und verschließe das Grab wieder. Vor der Kirche fiel mein Blick auf das Fahrrad, das immer noch unberührt an die Wand gelehnt stand. Ich entschließe mich es nahe einer riesigen alten Eiche im angrenzenden Wald zu vergraben. Zurück in der Kirche wechsle ich die Kutte, die ich mir letzte Woche habe anfertigen lassen und werfe die Alte ins Feuer. Ich sehe dabei zu, wie die Flammen sie zerfressen und damit jedes Überbleibsel meines früheren ichs vernichten. Zur Abendmesse kommt wie jede Woche nur Miss Hadfield und trotzdem halte ich die Messe gerne alleine für sie. Sie wirkt wie immer traurig, doch auch diesmal hört sie aufmerksam zu, nickt mir nach der Messe zu und verschwindet dann auf ihrem alten dunkelgrünen Fahrrad mit der alten zerkratzten Messingklingel. Auch zur Sonntagsmesse im frühen Morgen kommt sie, auch wenn neben ihr meistens noch ein paar andere Leute aus dem Dorf anwesend sind. Es stört mich nicht, dass so wenige kommen, da ich nicht für die Menge an Leuten, die zur Messe gehen bezahlt werde, sondern allein dafür die Kirche in stand zu halten und ich sowieso nicht so gern viele Leute um mich habe. Sie machen mich nervös. Die restliche Woche verbringe ich, wie immer, mit der Pflege des Friedhofs, der Kirche und vereinzelten Besuchen in der Stadt. Wie immer bleibt auch diese Woche recht ereignislos. Mittwochabend ziehen einige dunkle Wolken am Himmel auf und kündigen damit das nächtliche Unwetter an, dass sich auch am nächsten Morgen nicht zu verziehen scheint. Die alten morschen Holzbalken der alten Kirche drohen wankend unter der Kraft des Sturms zu bersten. Wie jeden Morgen seit zwei Wochen sitze ich an diesem Donnerstag wieder auf den kalten, moosigen Holzstufen und schaue von dem kleinen Hügel auf dem sich die Kirche befindet aus, auf den Trampelpfad zur Stadt hinunter. Ich höre die Schulglocke läuten und kurz darauf sehe ich die vielen Kinder in das Schulgebäude laufen. Auf die Entfernung sehen sie wie umherwuselnde Ameisen aus, die sich langsam durch den Leichnam der Kleinstadt fressen. Ich greife den roten Apfel neben mir mit der linken und das kleine Obstmesser mit der rechten. Ein wenig Dreck von der Treppe klebt an dem Obst, den ich aber schnell mit dem Saum meiner Kutte entfernen kann. Langsam schneide ich mir kleine Stücke aus dem Apfel und beginne sie einzeln zu essen. Den Jungen sehe ich erst, als er schon fast an der Kirche angekommen ist.

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