Entscheidungen - Eine Novelle von Gabriel Saadi Becker - Page 2

Bild von GabrielSaadiBecker
Mitglied

Seiten

größeren Fehler aufzudecken. Du musst bereit sein, Deine Identität preiszugeben, um die Integrität der Schutzbedürftigen zu schützen. Ich haderte mit mir selbst. Moral, Ethik, Ehre, Karma. Das waren nicht nur Wörter für mich, sondern bei jedem Auftrag musste ich genau abwägen, ob ich es veranworten konnte, etwas richtig zu machen, oder auch etwas falsch zu machen. Es brauchte also einen guten Grund, damit ich meinen Kopf und Kragen riskierte. Immerhin war ich immer vor Ort, wenn die geheimsten Geheimnisse ausgeplaudert wurden. Meine Unsichtbarkeit war temporär. Solange ich zuhörte und passiv agierte, wurde ich nicht wahrgenommen. Mochte ich den Schauplatz allerdings verlassen, wurde ich sichtbar. Das lag in meiner Natur als Mensch. Auch, wenn ich ein ausgesprochen cleverer Mensch mit Kniffen und Tricks war, um mich unsichbar vor unachtsamen und unbewussten Menschen zu bewegen Es bestand die Gefahr, dass man sich an mich erinnerte, wenn ich Personen vor der Öffentlichkeit entblößte und als Negativbeispiel zur Schau stellte und ihr sorgfältig aufgebautes Schein-Image zerstörte. Und doch wusste ich genau, dass das meine einzige Möglichkeit war, um bei den ganz Großen mitzuspielen. Über seinen Schatten springen, etwas riskieren, in die eigene Zukunft investieren. Ein Akt auf dem Hochseil.
Ich hing also in der zweiten Liga fest. Der Sprung in die erste war zu groß für mich. Aber was sollte ich tun? Ich hatte keinen Schimmer... Hätte mir jemand damals garantiert, dass ich schon bald eine große Veröffentlichung wagen würde, ich hätte ihm nicht geglaubt.

Alles begann mit meiner Bekanntschaft mit Domenique. Ein Spanier mit einem ganz besonderen Südländer-Charme, der zuerst den Eindruck eines locker, flockigen Womenizers auf mich machte. Bei der ersten Begegnung mit ihm wirkte er in keinster Weise geschäftsmännisch professionell. Ich erinnere mich noch genau an den Abend, als ich ihn kennengelernt hatte. Es war eine junge Märznacht in einem Mannheimer Club. Ich stand an der Bar und beobachtete das wilde Treiben aus entspannter Ferne, das machte ich oft, Menschen beim Menscheln beobachten. Es war das Interessanteste, was ich mir vorstellen konnte, und insgeheim versetzte ich mich in die Menschen. Sie waren meine Protagonisten und Antagonisten: Mit ihrem Tun und Machen für mich zugänglich, zauberte ich ganze Szenarien aus dem Nichts heraus, baute Luftschlösser, in denen sie ihre Rollen spielten. Insgeheim besetzte ich auch eine Rolle. Doch niemand erfuhr von dieser Starbesetzung. Es war meiner Begabung geschuldet, dass es im echten Leben leider nie für die Hauptrolle gereicht hatte. Ich war nicht glanzvoll genug. Ich war manchmal die Zweitbesetzung, welche letztendlich nicht benötigt wurde, öfter des Ritters Knappe, zu oft der Verliebten Ausrutscher, und ganz oft einfach nur der beste Freund des coolsten Typen der Stadt. Die letzte Aufzählung bedeutet mir wohlgemerkt sehr, sehr viel.
Da stand ich also, mit meinem Bier an der Bar und sondierte die Lage, erfreute mich an den vibrierenden Bässen in rhytmischer Folge und den eingängigen Piano-Akkorden, dazu eine verzerrte Frauenstimme, die ihre Interpretation von "Faded" sang. Ich nahm mein Bier von einem Flyer, der auf dem Tresen lag. Darauf stand "Jonathan Stoner. Der neue Actionfilm von Produzent Domen Betz". Tja, da hatte es jemand geschafft. Plötzlich ein unschöner Rempler von rechts, sodass mein Bier aus der Flasche kippte und sich auf den Tresen, den Flyer sowie direkt auf das T-Shirt der Person, die mich angerempelt hat und auf mich verteilte. Ich schaute ihn überfordert und nach Worte ringend an. Bevor ich welche gefunden hatte, klopfte er mir auf die Schulter und lächelte. Es war eines dieser verheißungsvollen Lächeln, welches dir alles verspricht und alles hält. "Das tut mir echt Leid, war keine Absicht. Und was mich betrifft: Halb so peinlich. Ist nicht das erste Mal, das ich nach Bier stinke, inzwischen ist es fast zum Ritual geworden, ich mag den Geruch sogar", sagte er und schielte auf den Flyer. Ich gab mich diplomatisch: "Passt, ist halb so wild." Er hob seinen Blick. "Ich bin übrigens Domenique." Als wir uns vorstellten, wechselte er seine Zigarette von der rechten in die andere Hand und streckte mir die freie entgegen. Er nahm während des Händeschüttelns einen kräftigen, genüßlichen Zug. "Magst Du auch eine Zigarette? Nein? Glaub mir, diese hier werden dir schmecken, das sind nämlich Selbstgedrehte mit Tabak von sizilianischen Freunden, sehr lecker, und ziemlich selten". Er bedeutete mir, dass ich mal ziehen sollte. Ich zog und musste husten. Domenique lachte. "Das wird schon noch. Du kannst sie behalten. Also, war cool, dich kennenzulernen. Und sorry für den Rempler, ich hab halt einfach mein Bier gebraucht, egal auf welche Art und Weise". Er roch am T-Shirt und grinste mich an. Danach drehte er sich um und ging auf die Tanzfläche. Die Zigarette schmeckte mir tatsächlich, entgegen allen Erwartungen. Ich beobachtete ihn noch eine Weile kopfschüttelnd. Wer war dieser Domenique? Leichtfüßig tanzte er mit Schnelligkeit in den Beinen und Lockerheit in den Armen, die Kippe im Anschlag. Ich ging kurz frische Luft schnappen, mir war ganz schwitzig. Ich vertrag wohl keine Zigaretten, dachte ich mir. Ratlos blickte ich zum Himmel und brabbelte vor mich hin: "Ich kann so nicht weitermachen. Ich weiß, dass ich zu Höherem berufen bin, da geht mehr. Was ist die Lösung?" - "Raphael!" Das war mein Name. Domenique hatte sich an ihn erinnert! Ich drehte mich um und sah ihn mit zwei hübschen Mädels im Schlepptau. "Was machst Du denn hier draußen ganz alleine? Lass mich Dir diese zwei wunderschönen Damen vorstellen, wir wollen zusammen was trinken. Komm schon Raphael, das ist das Mindeste, was ich für Dich tun kann." Halb verlegen schüttelte ich einer Anna und einer Jessica die Hand. Zwei Tequila und zwei Longdrinks für jeden, dann gingen wir alle zusammen raus. "So Leute, was haltet ihr davon, wenn wir zu mir gehen? Bei mir steigt gerade ne feine WG-Party. Die Damen nickten und liefen ein Stück vor uns, ich selbst hatte zwar keine Lust auf diesen Domenique, gegen eine kleine Feier und den damit verbundenen Alkohol war aber nichts einzuwenden. Er schaute mich an und fragte: "Was machst du beruflich?" Ein bisschen Smalltalk, warum eigentlich nicht?

Ich würde mich sehr über Kritik jedweder Art freuen, um mich zu verbessern. Haut es frei heraus:-)

Seiten

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.