Entscheidungen - Eine Novelle von Gabriel Saadi Becker - Page 5

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den Achseln. Plötzlich fing der alte Vize neben mir laut an zu labern: "Ach übrigens: Meine Frau hat von dem Projekt Wind bekommen und hat sich gedacht: So nicht Freundchen, wenn Du nicht Deinen Teil der Abmachung einhältst, platzt der Deal und Du musst vor Gericht. Sie hat sich dann umgehend mit dem Vorstand beraten."
Und auf einmal war ich hellwach. Ich hatte zwei super interessante Gespräche in meiner direkten Umgebung. Einmal eine heiße Schnitte, die anscheinend Eventmanagerin war und mit jemandem über einen Gig diskutierte und dann ein Geschäftsmann, der mit seinem Schüler aus dem Nähkästchen der Entscheidungsebene irgendeiner Firma plauderte. Ich war Teil des Geschehens, und gleichzeitig war ich nicht da. Sie nahmen mich nicht wahr. Sofort sensibilisierte ich mein Gehör und erhöhte die Schreibgeschwindigkeit meines Gehirns, um überhaupt zwei Gespräche simultan mitnehmen zu können.
"Nein jetzt hör mir mal zu! Wenn morgen Abend nicht der Robin die Rede hält, sondern Lilly Wood & The Prick, dann wird das ein Riesen Flop. Ich kenn den, ich weiß wie der tickt. Heute Vormittag noch rufst Du ihn an und klärst das. Schmier ihm Honig um den Mund, ist mir doch egal, wie du 's hinkriegst. Die Hauptsache ist, dass er die Rede hält. Ja. Und wegen der anderen Sache, diese Scheiße mit Sony Music Entertainment: Glaub mir, es ist besser neben Marteria zu sitzen, weil Sony einen Fotografen stellt und so. Damit wir alle zusammen auf dem Foto sind."
Mich belustigte die Dissonanz zwischen der absoluten Schönheit der Frau und ihrer Sprache, die sowas von unterirdisch war. Aber ich dachte mir schon, dass so eine derbe Sprache in ihrer Branche wahrscheinlich erstens nicht nur von Nutzen ist, sondern zweitens auch vonnöten, um zu bestehen.
Dann hörte ich den zwei Männern zu: "Ich wusste gar nicht, dass ihre Frau so eine hohe Stelle hat." - "Tja, aber es ist nicht einfach, das Gremium mauschelt hinten rum über sie. Too young, not ugly enough, sie wissen schon, Hahaha. Aber das ist ihr egal. Sie greift so oder so voll durch." - "Sie haben eine tolle Frau." - "Ja dankeschön. Sie ist echt ein Arschloch. Aber das Geschäft floriert wie nie zuvor. Meiner Meinung nach braucht jede Firma ein Arschloch als Chef. Ein Chef, der sich nur um Profit kümmert und dafür alles tut. Einfach nur geil, meine Frau. Wissen Sie, was Sie vorhat? Ich werde es Ihnen erzählen. Sie ist schon länger am Recherchieren, um diesen Typen, von dem ich Ihnen erzählte, dingfest zu machen. Sie hat mir versichert, an ihm ein Exempel zu statuieren. Danach wird sie der Vorstand als Führung wählen. Keine Frage." - "Sagen Sie mir Bescheid, wenn diese Geschichte ihr gerechtes Ende nimmt?" - "Ja, das werde ich gerne tun. Nun, wie steht es eigentlich bei Ihnen? Ich habe gehört, sie haben die Stelle bekommen. Glückwunsch. Was denkt Ihre Freundin darüber?" - "Sie ist schon besorgt, was man da so alles mitkriegt..." - "Ist wahr. Ein einziger, dekadenter Schuppen. Alle Vorstandsmitglieder handeln eigennützig. Aber das wussten Sie ja bereits. Sie finden nirgendwo sonst eine besser bezahlte Stelle." - "Ja. Ich kriege jetzt mehr Geld, deswegen war mir meine Freundin egal." - "Gute Entscheidung. Glauben Sie mir: In ein oder zwei Jahren haben Sie die Kleine vergessen. Meine Frau habe ich vor vier Jahren auf einer wilden Feier von meinem Geschäftspartner kennengelernt, das geile Stück. Als ich so alt war wie Sie, hätte ich bei so einer keine Chance gehabt. Das Geld machts halt." - "Ich verstehe."
Ich konzentrierte mich auf die engelsgleiche Erscheinung. Für einen Moment blendete ich aus, was ich hörte. Wie benommen ließ ich mich von ihrem Aussehen betören. Unschuldig und verrucht zugleich. Schnell aber stumm bewegten sich ihre Lippen. Du Kind Gottes, was ist nur bei Dir schief gelaufen? Du bist der lebende Beweis, dass nicht alles glitzert, was Gold ist.
"Fick die Hurensöhne. Wir verlangen mehr. Einhunderttausend. Scheiße es ist Robin Schulz, wir können alles verlangen, was wir wollen. Sorg nur dafür, dass das nicht so ne abgefuckte Scheiße gibt wie mit Kylie. Wir hatten nur Ärger, die Lutscher wollten nicht zahlen. Kann ich doch nix für, wenn die inkompetenten Eventspackos das verkacken."
Ich beobachtete die Geschäftsmänner. Sie lachten grässlich, ihre Rachen waren gierig. Das Verlangen nach mehr war ihnen auf die Stirn geschrieben und ihre Augen funkelten golden.

"Liebe Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir unser nächstes Fahrziel Stuttgart Hbf, sie haben sofortigen Anschluss zu den Fernzielen München, Karlsruhe und Paris. Die Straßenbahnen erreichen sie über die Rolltreppen ins Erdgeschoss. Danke, dass sie mit der Deutschen Bahn gereist sind. Ausstieg in Fahrtrichtung links." Das war mein Stichwort. Ich machte mich sichtbar. "Entschuldigung." Erschrocken drehten sich die Geschäftsmänner zu mir um. "Ich muss hier aussteigen, könnten Sie mich bitte rauslassen?" Perplex schauten sich die zwei an. Sie realisierten gerade, dass ich alles mitgehört haben muss. Sie wunderten sich darüber, mich vorhin nicht bemerkt zu haben. "Oh. Ja natürlich, warten Sie." Er stand auf und strich sich nervös durchs Haar. "Ich sollte dieses Schwein wohl beruhigen", dachte ich mir. "Zum Glück gibt es Ansagen bei der Deutschen Bahn. Durch die ganze Pendlerei werde ich immer so schläfrig." Sichtlich erleichtert stimmte er mir zu. Sein Gesicht war gewahrt. Im Weggehen bemerkte ich, dass die zwei Männer ihre Sachen ebenfalls packten und Richtung Ausgang gingen. Und ich hörte der Kleinen zu: "Hi Mama. Schön Deine Stimme zu hören, ja bei mir ist alles gut. Die Arbeit läuft blendend. Die neue Stelle gefällt mir sehr. Da kommt meine diplomatische Seite zur Geltung." Wie ein Engel, dachte ich mir. Ich verließ den Zug Richtung S-Bahn und dachte über meine Gabe nach. Meine Gabe, nicht begabt genug für die Hauptrolle zu sein.
Lächelnd betrat ich die Bahn und vergaß, was ich soeben im Zug gehört hatte. Ich hatte keine Lust, zu reflektieren. Stattdessen erfreute ich mich an allerlei grotesken Charakteren, die im lustigen Schauspiel des Lebens eine Rolle ergattert hatten. Zu meiner linken saß eine ältere Dame, die bei genauerem Betrachten gar keine Dame war. Es war eine Frau in den mittleren

Ich würde mich sehr über Kritik jedweder Art freuen, um mich zu verbessern. Haut es frei heraus:-)

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