Entscheidungen - Eine Novelle von Gabriel Saadi Becker - Page 8

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Ihre Telefonate handelten von Kundengesprächen mit Firmen, die viel Geld abwerfen, aber dafür auch höhere Darlehen benötigen. Jedes Mal, wenn ein Telefonat abgeschlossen wurde, rief der Mitarbeiter laut: "Sieben auf einen Streich". Alle applaudierten. Dann ging eine Sekretärin zu einer großen Zahlentafel und veränderte die Ziffern. Oben stand als Überschrift: Dawson & Janson Geld im Umlauf.

Plötzlich war mir unwohl.
Ich kam mir vor, als wäre ich ertappt worden, noch bevor ich die Straftat überhaupt begangen hatte. Um die Ecke kam eine große Frau, in schwarzem Businessrock mit schwarzer Bluse, üppigem Decolleté und roten Haaren. Ich hörte eine Rute, die sie laut in ihre Handfläche knallen ließ, aber ich sah keine. Der kalte Schweiß lief an meinen Schläfen herunter. Gegen diese Frau war meine Tarnung machtlos. Sie hatte mich gesehen, sie lief geradewegs auf mich zu, die Rute im Anschlag. Klatsch, Klatsch. Langsamen Schrittes, aber bestimmt, kam sie näher. Und ich stand wie angewurzelt da. Nun gut, meine Tarnung war zwar aufgeflogen, aber meine Eloquenz könnte mir aus der Patsche helfen. Also was würde sie mich wohl als erstes fragen? Was ich hier suche? Und darauf werde ich aufgebracht antworten: "Ihre Mitarbeiter der Dawson & Janson Gruppe sind Schuld daran, dass ich so aufgebracht bin. Sie haben mich unwürdig behandelt. Obwohl sie wussten, dass ich einen Termin mit Frau Schmitz habe, schickten sie mich auf Stockwerk 11! (Dann würde ich zuerst heftig den Kopf schütteln und sie danach fix anschauen) Ich verspreche Ihnen, ihrer Abteilung eine Negativbewertung zu verpassen, wenn sie mir nicht das richtige Stockwerk unverzüglich zeigen." Dann wird sie nervös werden und mir alles sagen, was ich wissen muss. Nun stand sie tatsächlich vor mir. Sie sagte: "Was suchen Sie hier?" Ich lächelte.
Eine Minute später ging sie mit mir zum Aufzug, entschuldigte sich nochmal überschwänglich und gab den Geheimcode zum Freischalten des vierzehnten Stocks in das Panel ein.
Ich kam in einer gläsernen Halle in Form eines dreidimensionalen, hochkant stehenden Caros an. Hinter dem Glas waren marine-blaue Vorhänge, sodass das Areal recht dunkel war. Ich schaute mich in den zahlreichen Spiegeln an. Ich trug einen schwarzen Business-Smoking. Der Anzug sah denen der Mitarbeiter ähnlich aus, allerdings hatte er bei genauerem Hinsehen verfeinerte Ärmel- Knopf- und Gürtelelemente in blau. "Manchmal ist ein Outfit von der Stange die richtige Tarnung", sagte ich mir laut, die blauen Elemente außer Acht lassen, als wollte ich mich selbst mit meiner Tarnung täuschen. Langsamen Schrittes ging ich eine breite Treppe hinauf, welche in ein etwas kleineres Areal innerhalb der gläsernen Halle führte. Von der bestimmt zehn Meter hohen Decke hing ein Trennvorhang aus halbtransparentem Stoff. Hinter ihm konnte ich vage eine weitere Treppe erkennen, welche zu einem helleren Areal führte. Unmittelbar hinter dem Vorhang stand ein großer, schwarzer, eckiger Schreibtisch. Ich vergewisserte mich, dass ich alleine war, dann trat ich näher. Der sehr ordentliche Arbeitsplatz – das entnahm ich einem Namensschild – gehörte einer Frau Katrin Detlef. Vermutlich Sekretärin. Ich musterte die verschiedenen Unterlagen, alle zu Stapeln – sieben an der Zahl – zusammen gelegt. Ich wunderte mich, dass hier überhaupt Unterlagen so offen lagen und kam zum Schluss, dass dieser Stapel bestimmt gleich gebraucht würde. Dementsprechend würde ich nicht mehr lange allein sein. Hastig begann ich, die Papiere zu überfliegen: Der erste Stapel bearbeitete eine Bitte für ein Darlehen in Höhe von 50000 Euro an den Kleinunternehmer Eckenborg und Sohn aus Eppingen. Dieser betrieb ein kleines Staubsaugerzubehörlager. Das Geld war wohl für Investitionen, Ausbau des Lagers oder ähnliches. Ein in rot geschriebenes "ABGELEHNT" prangerte auf der ersten Seite.
Im Kleingedruckten stand: Veruntreuung von Geldern, Imageschaden, absolute Zahlungsunfähigkeit.
Der nächste Fall behandelte ein gegebenes Darlehen in Höhe von 500000 Euro, eine Null mehr. Die halbe Million ging an ein Berliner Privattheater. Für Sanierungszwecke. Es stand auf der zweiten Seite in rot geschrieben: "Neue Informationen. Neue Errechnung der Ausgangslage zur Gewinnbereinigung." Hochgestochenes Beamtendeutsch! Können die nicht einfach schreiben, dass das Theater mehr Geld einbringt als sie dachten und deswegen jetzt ihren Gewinn neu berechnen lassen? Dieser Auftrag war auffällig. Ich nahm ihn zur Seite, um ihn zu fotografieren. Sicherlich würde er mir bei der Belastung von Dawson & Janson behilflich sein. Doch dann sah ich etwas viel, viel interessanteres: "Domen Betz. Produzent und Event-Schirmherr. Darlehen für Filmproduktion. Fünf Millionen." Vergleichsweise wenig für eine Filmproduktion. Üblich sind Beträge ab 50 Millionen, oft viel höher. Aber wenn der Film boomt, kommt ein Vielfaches wieder rein. Wir reden hier von vielleicht vierhundert Prozent.
Ich widmete mich der nächsten Seite des Berichtes von Domen Betz. In roter Schrift stand geschrieben: "Zwangsenteignung von Betz' Besitztümern aufgrund von Zahlungszurückhaltung trotz anhaltender, großer Gewinne durch Filmproduktion "Jonathan Stoner" ". Weiterhin stand unten: "Es wird vermutet, dass Betz' die Gelder veruntreut und zu seinem privaten Genuß verwendet hat. Das obere Gremium geht davon aus, dass keine Gelder mehr vorhanden sind und Domen deshalb nicht auf die Mahnungen antwortet. Daher ist es erstens absolut notwendig und zweitens auch vom Landesgericht Mannheim explizit beschlossen worden (Siehe Seite drei, Absatz "Sondergenehmigung"), Domenique alias "Domen" Betz unverzüglich in Gewahrsam zu nehmen, sofern er gefunden wird."

Auf der nächsten Seite gab es Informationen zu diversen Immobilien. Hypotheken, Miethöhe, notierte Zahlungsrückstände. Meine Güte, dieser Betz hat ordentlich Dreck am Stecken, dachte ich.
Ich fotografierte interessiert alle Seiten. Tiefe Emotionen verspührte ich nicht. Nicht tief genug war meine emotionale Bindung zu Domenique. Ich machte hier einfach nur meinen Job. Nichtsdestotrotz interessierte mich dennoch, ob etwas an Domeniques Beschuldigungen, dass Anne Schmitz nicht ganz sauber war, dran war. Ich schlich mich also auch die letzten Stufen ganz nach oben. Ein weiterer Vorhang. Ich nahm ihn zur Seite, hinter ihm war ein Raum ganz in weiß gehalten. Weiße Decke, weiße Wände, weißer Boden, weißer Tisch. Ein weißer Schrank stand noch im Raumabteil, das war dann aber auch schon das ganze Mobiliar.

Ein ebenfalls weißer Laptop lag auf dem Tisch. Doch ich wusste genau, dass mir die Zeit nicht reichen würde, ihn hier zu knacken. Dreist sein, Raphael. Für die Story, welche Dich in die erste Liga katapultiert. Diese Entscheidung war hart. Ich

Ich würde mich sehr über Kritik jedweder Art freuen, um mich zu verbessern. Haut es frei heraus:-)

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