Entscheidungen - Eine Novelle von Gabriel Saadi Becker - Page 6

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Jahren, die zu viel Solarium genossen hatte. Und ihr gegenüber ein kreidebleicher, junger Mann mit Pferdeschwanz und gigantischer Hornbrille, mindestens Dioptrin Zehn. Ohrmuschelkopfhörer und von mir leise wahrnehmbare Musik erklärten seine rythmischen Kopfbewegungen und die dazu völlig unpassenden Armwischer, die er in abwechselnd schnellem und dann wieder langsamen Tempo performte. Leicht irritiert stand die Solarium-Tante auf und setzte sich in einem anderen Vierer neben eine junge Blondine, welche eine ungeheure Menge Makeup aufgetragen hatte. Gleiches zu gleichem, dachte ich nur.

"Nächster Halt: Schwabstraße, Ausstieg in Fahrtrichtung rechts" Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln war immer wieder ein Spaß. Ich lief ein Stück die Schwabstraße herunter, als ich allmählich Möwen kreischen und ein Schiff trompeten hörte. Ich war am Pier 17 angekommen. Zu sehen gab es allerdings weder Schiffe, noch Möwen. Pier 17 war der Name eines Cafés inmitten Stuttgarts im Hafenstil. Eine kleine Badewanne im Schaufenster mit einer Gummiente darin verdeutlichten die Groteske, Samples vom CD-Spieler sorgten für Hafenflair, wie man ihn aus Hamburg oder anderen Hafenstädten aus Erzählungen kennt. Als ich die Tür öffnete, läutete eine Klingel, welche oben am Türrahmen befestigt war. Ein Dutzend Sitzbänke waren vorhanden, Domenique saß ganz hinten im Eck, wo wenig Licht von draußen hinkam. Er bemerkte mein Näherkommen, sodass er den Blick von seiner Zeitung auf mich gleiten ließ. Ich setzte mich hin. Keiner sagte etwas. Mir wurde es unangenehm, sodass ich das Gespräch zum Laufen brachte: "Du wolltest mit mir reden?" Domenique nickte. "Tschuldigung wegen gestern. Zwischen Bianca und mir ist es momentan etwas schwierig." - "Sie sagte, ihr habt euch gestritten." - "Ja, ja das haben wir. Im Grunde wie bei allen wegen Belanglosigkeiten." Lüge. Aber ich ließ ihn reden. Er machte eine Pause und blickte aus dem Fenster. "Bianca und ich kennen uns schon sehr, sehr lange. Da kommt es schonmal vor, dass wir uns in die Haare kriegen. Aber das ist nicht weiter schlimm", verdeutlichte er mir mit einem überzogenen Lächeln. "Nun, warum bist Du hier? Das ist doch die eigentliche Frage, die Dir sicherlich schon auf der Zunge liegt. Ich hab Dich herbestellt.", er grinste, als erzählte er einen wahnsinnig guten Witz und könnte die Pointe nicht abwarten. Ich verzog keine Miene, sodass er einlenkte. "Gut, hör zu: Du sagtest gestern, Du wärst in der Lage, Informationen von Leuten in Erfahrung zu bringen, ganz gleich, was für Leute. Und Du seist in der Lage, diese Informationen auch zu veröffentlichen." - "Nein, das sagte ich ganz sicher nicht. Ich sagte lediglich, dass ich über Dinge schreibe, die normalerweise nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Ich bin Detektiv und decke Geheimnisse auf. Allerdings im kleinen Rahmen. Kaum jemand außer meinen Klienten erhält die Informationen." - "Aber was wäre, WENN Du in der Lage wärst, Informationen über Leute in Erfahrung zu bringen, ganz gleich, was für Leute. Und WENN Du in der Lage wärst, diese Informationen auch im großen Stil zu veröffentlichen?" Er schaute mich mit einem bohrenden Blick an. "Um dazu in der Lage zu sein, brauche ich eine gewisse Absicherung, sozusagen eine Lebensversicherung." - "Mit Geld kannst Du alles kaufen. Ob es ein Bodyguard ist, den Du kaufst, oder ob Du Deinen Feind bestichst, spielt dabei keine Rolle." Er hatte mich. Jedoch wollte ich noch nicht sofort zusagen. "Um eine Entscheidung zu treffen, werde ich mehr Informationen brauchen." Sofort griff er mit seiner Hand in eine Tasche, die an seinen Füßen lehnte und legte ein Foto auf den Tisch. Darauf zu sehen war eine blonde Frau mittleren Alters im Business-Rock, Sonnenbrille, Blick argwöhnisch Richtung Kamera gerichtet. "Das ist Anne Schmitz, die Vorsitzende des Dawson & Janson Investorenverbands. Ihre Firma leitet an gewinnversprechende Projekte Gelder weiter. Sobald das Projekt erfolgreich ist, erhalten die Investoren je nach Vereinbarung vierzig bis sechzig Prozent des Gewinns." Domenique stützte sich auf dem Tisch ab und neigte seinen Kopf näher zu mir, dabei wurde sein Ausdruck ernster. "Wie Du schon weißt bin ich Filmproduzent. Mein letztes Projekt "Jonathan Stoner" habe ich mit Geldern der Dawson & Janson-Investoren finanziert. Als der Film Erfolg erwirtschaftete, bekam der Verband das Geld, was ihm zustand. Aber als auch noch nach Monaten Gewinne generiert wurden und der Film hierzulande höhere Erträge als ein Schweighöfer-Film in meine Kassen spülte, wurden sie gierig."
Domenique lehnte sich zurück. "Ich habe mich ein wenig umgehört. Ich weiß, dass das kein Einzelfall ist. Zum Wohle der Filmschaffenden möchte ich, dass du über den Dawson & Janson-Investorenverband etwas ... schmutziges in Erfahrung bringst." - "Aber warum gehst Du nicht rechtlich gegen sie vor? Immerhin wurden sie vertragsbrüchig." Er lächelte. "Wie viel verdienst Du?" - "Wie meinst Du das?" Er wiederholte seine Frage:"Wie viel verdienst Du?" Ich musste nicht lange überlegen. Es war momentan nicht sonderlich viel. "Um die 1700 Euro letzten Monat." Seine Gesichtsmuskeln zuckten kurz, es war unverkennbar, dass 1700 im letzten Monat in seiner Welt Peanuts waren. "Und Deine Kunden? Wen bedienst Du?" - "Regionale Tageszeitungen, Privatkunden, die möchten, dass ich ihre Ehefrau bespitzel, oder der Kleinwarenverkäufer, der seinen Konkurrenten auspionieren möchte. Warum willst Du das alles wissen?"
Domenique verzog keine Miene und fragte weiter: "Und hattest Du dir jemals Sorgen um Deine Bezahlung machen müssen?" - "Nein, nein musste ich nicht. Meine Kunden haben immer rechtzeitig bezahlt. Das gehört sich, ansonsten wird die Ehre angekratzt." - "Die Ehre, richtig. Eine letzte Frage: Warum schreibst Du keine größeren Veröffentlichungen? Mischst ein bisschen bei den Großen mit und veröffentlichst irgendeine These, die doch sowieso schon belegt ist. Ich mein', sind wir mal ehrlich. Wer wusste denn bitte nicht, dass der BND gegen uns arbeitet? Da wäre es doch von Vorteil, als findiger Schreiberling einfach die Brotkrümel, die überall verteilt herumliegen aufzusammeln und das Offensichtliche für sich zu nutzen, um Karriere zu machen." - "Weil ich als einzelne Person keine Sicherheiten habe. Um mal Dein Beispiel aufzugreifen: Welcher Staat würde mir Schutz bieten, wenn ich im selben Atemzug, in dem ich um Hilfe schreie, auch "Das sind sie, die miesen Schweine, tötet sie!", rufe? Die haben die Macht. Das heißt, selbst wenn ich eine Waffe habe, um sie zu töten,

Ich würde mich sehr über Kritik jedweder Art freuen, um mich zu verbessern. Haut es frei heraus:-)

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