Entscheidungen - Eine Novelle von Gabriel Saadi Becker - Page 4

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mich. Neugierig zu erfahren, wer dieser Mann war. Für ein paar Sekunden beobachtete ich das Geschehen aus der Ferne. Soeben hatte ich die Rolle getauscht. Hauptrolle: Raphael als der Geheimnisvolle. Sie schaute ihn direkt an. Ich wusste, dass er sich entblößt fühlte. Er fühlte sich wie ein enttarnter Spion. Und dennoch hatte er keine Chance auf Flucht. Er musste sie einfach jede Sekunde, die er konnte, ansehen. Sie grinste. "Kann ich jetzt meine Hand wiederhaben?" Schwupps war ich wieder da. Ich ließ sie los und ging verlegen einen Schritt zurück und hob mein Glas. "Lass uns auf etwas anstoßen." Bianca führte ihr Glas zu meinem. "Lass uns anstoßen auf" – "auf alte Liebschaften und neue Bekanntschaften. Prost." - "Wie kam es denn zu eurem Streit?" Sie zögerte kurz, begann dann aber zu erklären: "Das ist nicht so einfach. Du musst wissen, ich kenne meinen Freund schon sehr, sehr lange. Wir sind zusammen aufgewachsen, wir waren vom Schicksal zusammengeführt worden, uns zu lieben. Ich weiß nicht, ob ich eine andere Wahl als die hatte, mit ihm zusammenzukommen." Mit einem zarten Lächeln erinnerte sie sich an die Vergangenheit. "Er sagte immer zu mir: "Solnyschko. Das heißt Sonnenschein auf Russisch. Solnyschko, Du bist dazu bestimmt, meine Prinzessin zu sein. Und ich bin dazu bestimmt, Dir ein treuer Prinz zu sein, der Dich vor dem Bösen beschützt und Dir ein gutes Haus baut, mit einem Baum, den ich in unseren Garten pflanzen werde. Und dann werden wir zusammen alt." Sie seufzte und grinste mich dann an: "Kitsch pur. Aber es hat bei mir funktioniert". Ihr Lächeln verschwand. "Dann wurden wir älter und er veränderte sich. Plötzlich schien ihr ein Riegel mit einem großen Verbotsschild vor dem Mund zu hängen. "Macht es Dir was aus, wenn wir über etwas anderes reden. Es ist mir... nun... unangenehm." Unzweifelhaft war es das. Nervös blickte Sie zur Balkontür, ihr Gesicht war leicht gerötet. "Klar, können wir. Frag mich doch etwas."
"Gut. Wie hast Du heute hierher gefunden?" - "Ja das weiß ich selbst nicht so genau. Ich war in einem Club an der Bar und plötzlich rempelt mich so ein Typ an, sodass ich mein Bier über uns verschütte. Naja, später kommt der Typ wieder zu mir, mit zwei Frauen im Schlepptau und dann hat er mich als Entschuldigung hierher mitgenommen." - Sie lachte herzhaft. "Du bist mit Robert hier? Er ist so ein Schussel. Aber er weiß, wie's mit den Frauen läuft" - "Mit Robert? Nein." - "Aber mit wem dann?", fragte sie stutzig. "Mit Domenique." - "Domenique?!" Sie war außer sich, doch plötzlich eine Stimme aus dem Off:"Hallo Bianca." Wir drehten uns um, Domenique stand im Türrahmen. "Ich möchte mit Dir reden." Er schaute zu mir: "Raphael, oben warten zwei Frauen auf dich. Als Wiedergutmachung für den Rempler vorhin." Gib doch zu, dass die zwei für Dich waren!, dachte ich im Stillen. Mit diesem Satz hatte er mich aus dem Spiel geschossen. Auf ein Techtelmechtel mit zwei Fremden hatte ich jetzt am wenigsten Lust, lieber verließ ich die Party. Ich blickte zwischen Domenique und Bianca hin und her. Allmählich begriff ich. Bianca war die Freundin von Domenique und sie hatten sich vorhin gestritten. Ich war wieder die Nebenfigur. Wie auf Schienen fuhr ich nach hinten. Das Geschehen entglitt mir, die Balkontür schloss sich vor mir, die Menschen rauschten an mir vorbei, die Haustür schloss sich vor mir und ich kam zum Stehen. Was war geschehen? Ich hatte mich nur zwei Minuten mit Bianca unterhalten und schon in sie verliebt. Aber das war bedeutungslos. Sie gehörte noch ihm und das Spiel war vorbei.
Game Over.

Desillusioniert lief ich nach Hause, als mein Handy vibrierte: "Raphael. Hi, hier ist Domenique. Habe ich richtig verstanden, dass Du Informationen über bestimmte Personen in Erfahrung bringen kannst? Triff mich morgen in Stuttgart um 9 Uhr am Pier 17, kennst Du das?" - "Ja." - "Gut. Ich habe einen Auftrag für Dich." - "Ok."
Ein Auftrag. Ich erhoffte mir nicht zuviel davon. Aber mit Domenique als meinen Geschäftspartner war ich wieder ein Stück näher an Bianca. Die beiden hatten sich immerhin gestritten, vielleicht war dies meine Chance, beim Big Game mitzuspielen. Leicht lächelnd schlenderte ich durch die leeren Straßen Mannheims und freute mich auf morgen.

Kapitel 2

Regen. Trüb, grau. Kein schöner Tag. Es war der 20. März um 7 Uhr 30 – eine Zeit, die nicht für mich gemacht war – und ich war gerade in den ICE von Mannheim nach Stuttgart eingestiegen, um dort Domenique zu treffen. Im ICE setzte ich mich in ein Viererabteil. Meine gestrige Freude war verflogen. Ich war schlecht gelaunt und wollte nur meine Ruhe. Doch dann stieg eine Braut ein, wie es sie nicht nochmal gibt: Zehn von Zehn Punkten auf der Skala. Sie setzte sich in den Vierer schräg gegenüber von mir, sodass ich sie ein wenig beobachten konnte. Jedoch fielen mir recht bald die Augen zu. Selbst zu müde zum Flirten, der Tag war wirklich für die Katz'. Zwei Geschäftsleute liefen den Gang herunter in meine Richtung. "Locker irgendein Vize mit seinem jungen Schützling", dachte ich mir noch, als sie sich doch tatsächlich zu mir setzen wollten. Nun fing die Frau an zu telefonieren und die Männer führten langweilige Geschäftsgespräche. Die Braut, so schön sie auch gewesen sei, wurde zu meiner Hassliebe, und was die zwei Geschäftsmänner anging, muss ich sagen, dass ich mit dem Feuerlöscher als Mordwaffe liebäugelte. Der Feuerlöscher war zu weit weg. Schade. Ignorieren war aber keine Lösung, unmöglich. Scheiße.

"Ja, ich hab mich darum gekümmert. Ich hab schon mit Ryan telefoniert." Ich bekam ein paar Gesprächsfetzen von der Braut mit. "Ja ich bin auf dem Weg nach Ulm zu einer Veranstaltung, dann gehts weiter nach München. Da müsste ich so ca um sechs ankommen." Meine Augen fielen allmählich zu. "Nein wir setzen uns neben Marteria, weil es angenehmer mit jemandem ist, der keine Panik schiebt." Was hatte sie eben gesagt? Ich war ganz Ohr, und sogar die zwei Geschäftsmänner hoben kurz ihre Blicke und geilten sich an ihr auf, zuckten dann aber mit

Ich würde mich sehr über Kritik jedweder Art freuen, um mich zu verbessern. Haut es frei heraus:-)

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