Entscheidungen - Eine Novelle von Gabriel Saadi Becker - Page 3

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"Einerseits schreibe ich. Ich bin Autor." - "Ein Künstler, wie ich! Und über was schreibst Du?" - "Das hat mit meinem eigentlichen Beruf zu tun. Ich bin Detektiv. Sagen wir also einfach, ich schreibe von Dingen, die normalerweise nicht an die Öffentlichkeit gelangen." Domenique spitzte seine Ohren. Er wollte gerade etwas sagen, als eines der Mädchen seinen Arm um ihn warf. "Jessica, wusstest Du, dass Domenique Drehbücher schreibt? Er hat ganz klein bei Bavaria Films als Setrunner angefangen und sich ganz nach oben gearbeitet. Ich liebe seinen Film Jonathan Stoner. Sein nächstes Drehbuch ist für einen Hollywoodfilm. Das ist sowas von heiß, findest Du nicht auch?" - "Ich bin beeindruckt. Wovon handelt Dein Drehbuch?" Domenique reichte mir sein Handy und bedeutete mir, meine Handynummer einzutippen. "Ja, es geht darum: Ein junger Mann muss mit ansehen, wie seine Frau niedergestochen wird. Er ist machtlos und leidet sehr an seinem Versagen. Er gibt sich selbst die Schuld. In dem Drehbuch habe ich mich besonders auf die Ausarbeitung seines Kontrollverlustes konzentriert. Er versteckt seine Gefühle vor seiner neuen Freundin, doch tief im Inneren ist er zerrissen. Diesen Zwiespalt für die Zuschauer zu veranschaulichen, das war mir wichtig." - "Das ist toll! Ich bewundere übrigens Menschen, die ihre Kreativität ausleben. Ich selbst bin auch kreativ tätig. Und zwar... -" ...
So nahm das Gespräch seinen Lauf. Ich schaute mich ein wenig um und sah den Flyer in groß auf einer Litfaßsäule. "Jonathan Stoner. Der nächste Streich von Domen Betz jetzt im Kino. Ich wanderte mit meinen Augen auf eine Großprojektion an der Wand des Stadthauses. "Jonathan Stoner von Domen Betz. Jetzt im Kino". Domen Betz. Irritiert blickte ich zu Domenique. Er griff in seine Hosentasche und holte eine Visitenkarte heraus, welche er eines der Mädchen gab. Domen Betz stand darauf. Jetzt hatte auch die letzte Zelle meines Körpers verstanden, wer er war, sodass ich aufmerksam dem Gespräch lauschte und vorallem die Reaktionen der Mädels beobachtete. Die eine leckte sich schon die Lippen nach ihm, die andere rang nach Worten der Umgarnung. In meinem Kopf spielte sich die Szenerie mit Kinostreifen und treibender Musik ab. In Detailaufnahmen zitterte eine Zunge, in einer anderen waren feuerrote Augen bildschirmfüllend. Die Musik begleitete uns zum Höhepunkt, nur noch Sekunden, bis sie über ihn herfallen würden. Es war soweit.
"Angekommen", sagte Domenique. Wir standen vor einer Haustür. Die Raubtierfütterung würde warten müssen. Als wir im Treppenhaus nach oben gingen, wurden dumpfe Bässe immer lauter. Domenique klopfte an einer Tür und ein stämmiger, großer Mann öffnete uns. Wir traten in eine gemütlich beleuchtete, geräumige Wohnung ein. Jedoch war nicht viel Platz da, um sich privat zu fühlen, denn überall saßen kleine Grüppchen und erzählten, süffelten Bier und rauchten Kippen. "Meine Mitbewohner feiern ein bisschen. Fühlt euch von denen nicht gestört. Nehmt euch ein Bier aus dem Kühlschrank da hinten, wir haben Snacks auf der Theke und Schnaps kriegt ihr bei dem Typen da hinten". Domenique deutete zu einem schlanken Mann mit Bart und vielen Tattoos. "Das ist Jonathan, er brennt ihn selbst, aber pscht, sonst gibts Ärger". Jonathan, der Mann vom Flyer - unweigerlich die Hauptperson von Domen Betz' Actionfilm "Jonathan Stoner" – brannte Schnaps. "Mädels, ich zeig euch mal eine meiner Arbeiten."
Die zwei Frauen verschwanden mit Domenique nach oben. Das war mir übrigens sehr recht, mir war gerade nicht nach Belanglosigkeit. Ich war etwas melanquolisch und nachdenklich gestimmt. Einen kalten Luftzug spürte ich, vorne war ein weitläufiger Balkon, von dem gerade eine Frau nach innen getreten war. Das war jetzt genau das richtige, alleine Luft schnappen und genüßlich einen Schnaps trinken. Doch da draußen war noch jemand. Ich öffnete die Tür und sah sie:
Ein burgunderfarbenes, enges Kleid schmiegte sich um ihre Kurven, beige Pumps wurden zu Cinderellas Glasschuhen, ein Haarkleid, schwarz wie Ebenholz, von Schneewittchen gestohlen, ihr Parfüm atmete ich tief ein, durchdrungen wollte ich davon sein. Als spürte sie meine Anwesenheit, drehte sie ihren Kopf leicht nach rechts. Im Anschnitt sah ich ihr blasses Gesicht, ihre roten Lippen wölbten sich vor Prallheit.
Langsam realisierte mein Körper, dass sie mich bemerkt hatte. Allmählich merkte auch ich es. Ich war wahnsinnig nervös, entschlossen und panisch zugleich. Das war meine Chance, die mir mein Schicksal bestellt hatte. Einmal nur die Hauptperson sein. Doch ein einfaches Hi würde nicht reichen, das wusste ich. Ich schnappte mir also zwei Gläser und ging mit dem Schnaps unterm Arm langsam zu ihr. Ich stürzte mich über das Balkongeländer in die Tiefen der Nervösität. Huch, beim Diktieren verlesen. Ich meinte natürlich: Ich stützte mich am Geländer, stellte die Gläser auf einen Tisch rechts von mir und füllte sie langsam. Ich musste etwas sagen. "Hi." Verdammt Raphael!? Du Vollidiot! Alles nur kein "Hi." Oh... sie schaute rüber, lächelte mich an und erwiderte das "Hi". Wow, ok, es hat funktioniert, wie auch immer, aber jetzt mach weiter. "Darf ich Dir etwas Gesellschaft leisten? Ich hab zwei Gläser und Schnaps." - Sie musterte kurz meinen fragenden Blick und nickte dann. "Gerne, den kann ich gut gebrauchen." Ich wollte nicht zu forsch sein, auch, wenn es mich brennend interessierte, warum sie ihn gerade jetzt gebrauchen konnte. "Ja, zuweilen hilft Alkohol. Nicht, dass ich oft welchen trinken würde, heute bin ich lediglich auf den Geschmack gekommen." Mit traurigen Augen sah sie herüber. Ich gab ihr das Glas ohne Worte. "Ich habe mich heute mit meinem Freund gestritten. Da hilft normalerweise erstmal garnichts. Auch nicht der Alkohol." Ich sah sie wissend an. "Reden hilft." Sie sah mir in die Augen. "Also bei mir hilft es immer. Ich will Dich aber zu nichts drängen." Sie lächelte und blickte dann nach vorne. "Nein nein, Du hast Recht. Es ist nur so, dass ich Dich ja gar nicht kenne. Stellen wir uns doch für den Anfang erst mal vor. Ich bin Bianca." - "Raphael." Ihre Hand war zart und kalt, sie spürte meine warme, raue Haut. "Ein Engelsname, wie schön." - "Ja, wie schön." Wir blickten uns tief in die Augen. Hinter ihrer Trauer versteckt sah ich ein neugieriges Mädchen. Neugierig auf

Ich würde mich sehr über Kritik jedweder Art freuen, um mich zu verbessern. Haut es frei heraus:-)

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