Ameisen

von Bärbel Meier
Mitglied

Der Mann starrt seine Kopie an. Der Mann, gekleidet mit Jacket, Jeans und einem schwarzen Hut. Die Kopie, nackt im Schneidersitz auf dem Boden. Eigentlich ist die Kopie nicht anstarrenswürdig, sie sitzt doch jeden Tag in seinem Zimmer. An ihr schaut er auch nicht runter, es sind nur die Ameisen, die er mit Entsetzen beobachtet. Kurz unterhalb des rechten Schlüsselbeins ist ein kleines Loch zu sehen durch das Ameisen rein und raus schlüpfen. Sie entfernen sich nicht weit, bleiben in der Nähe des Loches, dessen etwa 2cm großer Radius gefüllt ist mit schwarzen Leibern. Nur Einzelne sieht man an anderen Stellen den glatten Körper erkunden. Mit einer hypnotischen Wuseligkeit bewegen sich die Ameisen an der einen Stelle, selten bricht eine aus.
Da er nach minutenlangen Starren nichts Neues entdecken kann, richtet der Mann sich auf, bleibt trotzdem einen Moment lang stehen und lässt den Blick nicht von der Kopie. Er verlässt langsam sein Zimmer, doch eilt dann durch den kurzen Flur in den Gemeinschaftsraum. Der Alte sitzt dort, wie so oft, seit sie dem Garten die Schutzkuppel genommen haben und blickt durch das Fenster in die nebeligen Überreste desselben. Den Rücken hat er dem Mann zugewandt, man sieht den Dampf des heißen Kaffes an der Schulter vorbeiflirren.
"Ich habe ein Ameisennest in meinem Körper", beginnt der Mann das Gespräch. Der Alte wendet sich dem Mann zu und blickt ihn prüfend an.
"Nicht hier, in dem Anderen", stellt diese hastig richtig.
"Das ist gar nicht möglich", sagt der Alte und dreht sich wieder seinem Getränk zu.
"Doch, ist es. Da ist ein Nest unter der Schulter."
"Die können da nicht reinkommen", murmelt der Alte, für den Mann kaum verständlich.
"Sie sind es aber", erwidert dieser mit einer verzweifelt lauten Stimme."Sieh es dir doch an."
"Lass mich meinen Kaffee trinken", brummt der Alte etwas lauter. "Ignoriere das einfach, es ist nicht möglich." Wortlos starrt der Mann den Alten an, wie kurz zuvor die Ameisen, dann dreht er sich um und geht zurück in sein Zimmer.
Während seiner Abwesenheit hat sich der Nebel draußen gelichtet, und Sonnenlicht fällt durch das Fenster auf den Rücken der Kopie. Dorthin haben sich die Ameisen inzwischen verteilt. Das rechte Schulterblatt ist komplett mit dunklen, eng aneinander drängenden Ameisen bedeckt. Trotzdem ist sie nicht vollkommen schwarz, denn viele der Ameisen tragen strahlend weiße, ein etwa halbes Reiskorn große Eier bei sich.
Zweifelnd starrt der Mann die Ameisen an.
"Es ist nicht möglich", hört man ihn flüstern. Dann schlüpft er in die Kopie. Als er sich langsam aufrichtet, spürt er das aufgeregte Bewegen von Beinchen am gesamten Oberkörper. Ob der Schmerz in der Brust echt ist oder nur eingebildet, kann er nicht erkennen.

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