T 152: In der Buchhandlung Rot

von Klaus Mattes
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Hallo Thomas,
von Buddhismus habe ich kaum eine Ahnung. Kommt aber vielleicht noch. Inzwischen war Mitarbeiterbesprechung in der Buchhandlung Rot. Bei der sie einen Pressetext vorlas, der in der örtlichen Werbepostille kommt, als (bezahlter, räusper) „Artikel“. Von mir - nach Rots Briefing. Scheint, ich werde wieder Werbetexte verbrechen. Bisher tat es Herr Heerdt, das ist Rots Mann.

Vorab wurden wir auf Inhalte dieses Artikels eingeschworen. Rots Buchhandlung ist ein Team. Dieses Team hat eine Vision. Die Vision ist identisch mit jener der Magalie Rot. Es ist uns nicht um Belletristik in erster Linie zu tun, sondern um so Dinge wie Zen, Weisheiten der Tibeter, Teezeremonie, Feng Shui, Yoga, Meditation, Astrologie, Naturmedizin, Ayurveda, Bach-Blüten, Bergkristall, heilkräftige Steine, Schildkröten und den „Segen, den ich über den Laden hänge, man muss nicht daran glauben, aber es wirkt“. So geht nämlich Frau Rots Sicherung gegen Einbrecher.

Das haben die mir im Vorstellungsgespräch nicht gesagt! Die gemeine Kundin weiß nicht wirklich, dass sie sich im Reiche des Wabernden bewegt. Die sucht „etwas, das man einer Elfjährigen schenkt“, den Polyglott für Sachsen oder ein Erbauungsbüchlein, „Ich wünsche dir ... Glück für alle Tage“ vom Kreuz- (ev.) respektive Herder- (kath.) Verlag.

> Mit Finanzamt geredet?
Nöö. Dachte, oder eher: hoffte, every other day könne der große Knall kommen und die Rot würde mich zurückschicken. Mit der Begründung, ich sei als Bücherkenner und Texter gut, als Kundengesprächler und Bucheinwickler brauchbar, aber als Lehrling zu unflexibel, vergesslich, als Buchhalter eine Katastrophe. Aber der Knall kommt nicht. Frau Rot (und ihr Mann) scheinen vom allerersten Tag an überzeugt gewesen zu sein, dass ich der Richtige bin. Neulich, nach meinem Beinahe-Zusammenbruch, scheinen sie Angst gekriegt zu haben, ich könnte gehen. Glaube, es hat was mit meiner Wirkung nach außen zu tun. Rot braucht eine zweite Kraft, die ihren Kunden gegenüber wie ein gestandener Buchhändler wirkt, sie aber nicht dieses Geld kostet.

In dem Artikel steht auch, ich wäre im zweiten Ausbildungsjahr. Das schließt sie daraus, dass die an sich dreijährige Lehre bei mir um ein Jahr gekürzt wird, weil ich Abitur habe. Ich war noch keinen einzigen Tag in einer Berufsschule. Das Ausbildungsjahr geht erst nach den Sommerferien los. Dennoch schreibt Rot mich ins zweite hinein. Auch, dass ich Germanist wie Anglist wäre. Ihr Mann, Heerdt, ist aber ihr gänzlich Angetrauter, hat mit Digitalkamera fotografiert. So kommen wir auch noch ins Internet.

Es hat damit zu tun, wie ich bei Leuten ankomme. Wucherpfennig, der Alte von den „Relations Advance“, hatte so seine Neigung, loszuschwätzen ohne erst nachzudenken. Einmal: „Würd’ man nicht denken, Sie wirken so ...“ Im Sinnzusammenhang, den es hatte, konnte man das Wort „langweilig“ telepathieren, er schluckte es eben weg, ließ den gewiefteren Sohn Pommerenke (alles interessante Familien, wo jeder anders heißt) diesen Satz zu Ende bringen: „seriös. Seriös wirkt er wirklich.“ Genau dieses nun, ob seriös, ob langweilig, wünscht die Rot sich vom Lehrling. Olaf Steller gibt zu wenig her.

Ich verspiele mein Image dann wieder, wenn mein Redeschwall einsetzt. Bei Frau Rot ging das aber ja noch nie. Sie hört sich gern selbst zu und ist exobitant weitschweifig. Ist auch immer zu viel Arbeit, um sich zu unterhalten. Der Kundenverkehr ist nur Spitze eines Eisbergs. Sechs Siebtel bestehen aus Bürokratie und Papierkrieg. Lieferlisten abstreichen, vergleichen, stempeln, suchen, reklamieren, nachzählen, nachrechnen. Noch und nöcher.

Meine nächste ist schon wieder die letzte Praktikumswoche. Bereits ist ein Ausbildungsvertrag unterschrieben - mit Datum vom 4. Juni. Schon wurde mir Urlaub eingetragen: 22. Juli bis 11. August. Danach gibt‘s keinen von Anfang September bis Ende Januar. Der große „Schulbuchauftrag“ zuerst! Dann das wahre Weihnachtsgeschäft! Dass bei all dem der Zusammenbruch nicht kommt und ich bis in Juni 2005 durchhalte, mögen viele wohl glauben - außer mir. Aber was tun? AQF sagen, die Idee mit der Ausbildung in meinen Vierzigern war halt eine Schnapsidee. Lieber ins Lager?

Steuern kriegt man rückwirkend erstattet vom Finanzamt, die man zuvor gezahlt haben sollte. Bisher zahlte ich doch keine. Auch in Zukunft werden es nicht viele. Wenn ich denke, dass ich mindestens 50 Euro für die Monatskarte zahlen muss! So was erstattet mir das Finanzamt nächstes Jahr, möglicherweise. Aber keinen Computer!

Zu geben scheint es was namens „Ausbildungsbeihilfe“. Das kommt vom Arbeitsamt. Olaf Steller kriegt es, der sich immerhin sein Auto leisten kann. Ob ich auch Chancen habe? Bis jetzt hieß es, vom Arbeitsamt kriege ich nichts, was immer ich noch anfange.

Übrigens war das eine falsche Info: Olaf Steller ist erst 25. Ein altersloser Typ, den man aber auch für 32 halten könnte. Steller hat studiert und sein Studium abgebrochen, also keinen Abschluss. Etwas andere Vorgeschichte. Meine 32 oder 34 Jahre hatten sich auf einen von ihren Wunder-Auszubildender-Vorgängern bezogen.

Er war Koch, welcher auch schon Psychologie studiert hatte, dann den Buchhandel lernte und hinterher doch wieder Koch wurde und jetzt sein eigenes Sternlokal führt. Demnächst im TV. Fernsehen haben Rot und Heerdt übrigens nicht, weswegen sie mir ihre Buchhändlerinfo nicht geben konnte, ob dieser eine und einzige Pracht-Küchenkunst-Luxus-Band, den wir stehen haben, von einem dieser angesagten Fernsehstarköche ist.

Wollte ich einfach nur was besprechen mit dem Arbeitsamt, müsste ich einen Termin eintragen lassen, müsste ich um einen halben Tag Urlaub bitten. Das würde sie mich mit Wochenenddienst wieder rein arbeiten lassen. Habe dieses Problem gerade wegen dem Heizungsableser. Willst du am 21. Juni von 17.30 bis 18.30 Uhr für mich die Wohnung hüten?

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