2036 Deutschlands Freiheit wird im Linzgau verteidigt

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Aber ja, das war der reine Stumpfsinn! Du zähltest die Tage runter, vom ersten an. Da wollten alle gleich weg, wie vorher von der Schule. Und doch habe ich die Bundeswehrzeit nicht so erlebt, wie Leute sie erzählen, die selber aber nicht dort waren.

Weil es bei uns in der Basler Ecke keinerlei deutsches Militär gab, außer ein bisschen Luftwaffe, wo später mein Bruder hingekommen ist, aber Luftwaffe ist selten, ist elitär, dafür langte es bei mir nicht, hatte man mich weitab nach Pfullendorf verschoben, dort allerdings, da ich Abitur gemacht hatte, zur edlen Stabsbatterie. Pfullendorf ist eine ehemals badische Kleinstadt im Linzgau. Das ist in der Nähe von Sigmaringen, wo Winfried Kretschmann geboren wurde. Und wenn ihr sie sprechen hören könntet, würdet ihr sie für Schwaben halten, obwohl es badische Katholiken von nördlich vom Bodensee sind. Eine Batterie ist dasselbe wie eine Kompanie, nur eben bei der Artillerie, also denen mit den sehr langen Rohren. Seinerzeit lagerten auch Atomsprengköpfe der amerikanischen Freunde irgendwo draußen im Wald. Wir sahen sie nie. Wir sahen unsere Artillerie auch einmal feuern, aber das waren keine Atomsprengköpfe.

Ich war zwar in der Stabsbatterie, aber nicht wirklich in den Büros der Offiziere, sondern beim Funktrupp des Stabs, den dieser allerdings nur im Krieg benötigt hätte. Wenn überhaupt, denn außer uns Sprechfunkern, Bravo, Charlie, Delta, Echo, besaß der Stab auch noch Schreibfunker, verschlüsselt und unverschlüsselt. Und Telefone samt Kabeltrommelaffen. Weil ich bei oliv gestrichenen Funkmaschinen saß, die in Unimogs herum gefahren wurden, was mir beim Einrücken die Erlangung einer ins Zivile überschreibbaren Fahrerlaubnis in Aussicht gestellt worden. Jedoch blieb es ein ganzes und ein weiteres Vierteljahr immer nur bei dieser Aussicht. Aber ich war der Verantwortliche über zwei Wehrpflichtigen, weswegen ich am Ende zwei Pommes frites auf der oliven Schulterklappe hatte, sie nur einen.

Im Krieg hätten wir unter einem eingepflockten Tarnnetz gestanden und Nachrichten gefunkt. Mit dem Manöver kam auch mal dieses Netz und das Funken, aber wirkliche Nachrichten verschickten wir kein einziges Mal in der ganzen Zeit. Wir fuhren aus der Halle oder sogar hinaus aus der Kaserne und warfen das stinkende Stromaggregat an, kratzten mal wieder die Rostflecken unter den Blasen in der Tarnfarbe hervor und erfanden fantasiesprachige Sprüche, die niemand auffing.

Die Armee, wie ich sie kenne, da tun alle, zumal diejenigen, die tatsächlich dafür bezahlt werden, ewig so, als würden sie Arbeit leisten. Dabei sehen sie angestrengt den Zeigern nach, wie sie mit menschenfeindlicher Zähigkeit gegen 17 Uhr rücken.

In der Kantine gab es kurz nach 17 Uhr, Tageszeiten sind das wie im Altersheim, Schweinskopfsülze mit Bratkartoffeln sowie Pfefferminztee. Das Licht in den Stuben wurde um 22 Uhr ausgeschaltet. Sehr viele wohnten aber gleich um die Ecke, hinter Ostrach in Oberschwaben. Die konnten um 17 Uhr noch essen gehen oder gleich heim pesen. Die Heimschläfer.

In den Stuben gab es acht bis zehn Betten, wobei meist nicht alle vergeben waren, Stockwerkbetten, teils sogar drei übereinander. Zu jedem Bett einen verkratzen braunen Holzspind mit Vorhängeschloss, darüber hinaus einen Tisch, an welchem zwei Menschen Platz nehmen konnten, und ein oder zwei Blumentöpfe. Während der Freizeit hielt sich in diesen Stuben fast nie einer auf. Vielmehr erledigte man nach dem Abendessen noch dies und das, um sich schließlich, wie jeden Abend, unter dem Fernseher in der Kantine zu sammeln, wo es Bier gab und jede Sportübertragung eingeschaltet wurde.

Ich dagegen war abends oft draußen auf dem Feld und ging alleine spazieren. Die Kaserne lag abgetrennt von der Kleinstadt, an sich auf der Höhe, man musste vom Ort her aufwärts gehen, doch nur mit ihren technischen Bereich und Parkplatz der Zivilautos der Mannschaft sowie dem benachbarten Übungsplatz ganz auf der Hochebene, ansonsten in einen hinauf führenden Einschnitt versunken. Da man sie nur durchs Haupttor verlassen durfte, mussten wir vom hoch liegenden Stab erst hinab, dann um den eingezäunten Bereich herum wieder hinauf, um Freiland zu erreichen. Im tieferen Bereich war ein wenig Wald, doch oben kamen nur noch Felder und der Übungsplatz. Allein schon diese Topografie sorgte dafür, dass von den Soldaten fast nie einer ins Grüne oder auch ins Reichsstädtchen hinunter ging.

Ich hatte mir im Sommer eine Wolldecke aus BW-Beständen mitgenommen und meinen Kassettenrecorder, das war in einer Zeit vor Walkman, mich lang gelegt und hörte vielleicht Supertramp: „Even In The Quietest Moments I wish I knew what I had to do.“

Als der ganz normale hochschulreife Heterosexuelle hatte ich damals wohl so viele ebenso normale Jungensfreunde wie noch nie vorher und danach auch nie wieder. Dieses als Hinweis, warum es keine schlimme, sondern eine schöne Zeit war. In so einer Kaserne geht es gar nicht lange, bis man seinen festen Platz gefunden hat. Man weiß auf Monate hinaus exakt, wie alles geht und läuft. Ab da kann man sowohl Länderspiele gucken wie Anton Tschechow lesen, es gibt und nimmt sich nicht viel.

Eingesperrt und ihres strotzenden Lebens beraubt sind an solchem Ort ja alle und mit diesen anderen Leuten zusammen will auch keiner wirklich sein, aber so ist das eben und das eint einen. Später im Leben musste ich mir immer Vorwürfe machen für all die wertvolle Zeit, die immer nur ich verschwendete.

Einmal in der Woche war Staatsbürgerlicher Unterricht beim Batteriechef. Das war ein erzreaktionärer Macho. Er stauchte die jungen Männer mit Löwenstimme zusammen, pickte sich die Empfindlicheren heraus und demütigte sie vor der Menge. Soweit ich noch weiß, bin ich kein einziges Mal dran gewesen. Ich bin damals nicht aufgefallen. Offenbar hielt unser Herr sich höheren gesellschaftlichen Standes für würdig, hätte inmitten von Wesen stehen müssen, von denen er nur in der FAZ lesen konnte. Studieren hatte er nicht können, während dies doch die Stabsbatterie war. Viele von denen, denen er seins und, fairerweise sei es gesagt, auch das west-östliche Weltbild der FAZ eintrichterte, würden in Kürze genau das sein, junge Studenten in der Universitätsstadt, gefördert durch Mittel der sozialistischen SPD-Regierung.

In zornentflammter Wechselrede mit dem Schweigen seiner Abiturienten-Wehrpflichtigen lief er zur Hochform auf. Die Nicht-Abiturienten waren ihm hämisch lachendes, aber eigentlich unbedeutendes Publikum im Rachefeldzug seines Lebens. Du wusstest, dass dies immer nur zwei Stunden deiner Woche waren. Ansonsten spielte der Chef

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