Läuterung 028 : Mit Krebs zum Nichtraucher

Bild von Klaus Mattes
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Ein alter Mann hat Lungenkrebs. Er steht im Morgenrock vor dem Krankenhaus und raucht eine Zigarette. Die Passanten empören sich. „Wie kann der das tun? Gerade er müsste es kapiert haben!“

Leute glauben, wenn man gesund lebt, wird man hundert Jahre. Sie, die nie geraucht haben, werden mindestens siebzig, wie er da, der doch alle Tage seine Schachtel vernichtet hat. Leute meinen, er, der im Morgenmantel, könnte immer noch achtzig werden, wenn er seine Qualmerei endlich ließe. Leute erwarten, sie werden neunzig werden, weil sie doch nie geraucht haben, nur selten Alkohol trinken, wertvolles Gemüse knackig im Wok zubereiten. Sport an kühler Luft, Radfahren. Inlineskating. Mountainbike Singletrail S2. Für mindestens zweiundachtzig Jahre sollte das reichen. (So alt wurde der Großvater bei Bier und Blutwurst.)

Seinen Lungenkrebs überlebt dieser Morgenmantel-Mann, falls der restlos entfernt werden kann. Hat der Krebs die Lymphknoten erreicht, ist das nicht mehr möglich. Kleinzelligen Krebs entdeckt man selten, bevor er sich an den Lymphknoten festsetzt. Den nicht kleinzelligen Krebs überleben ja viele. Fünf Jahre später ist die Hälfte aller Patienten weiter am Leben. Mit kleinzelligem Krebs sind es nur zehn Prozent.

Leute glauben es noch nicht, auch sie werden einst sprechen: „Ich sterbe.“ Wer das sagt, der ist weg. Leute glauben, sie würden mit dem Rauchen aufhören, wenn sie es je wüssten. Martin Luther turnt am Pflaumenbaum.

Zehn Jahre länger als Raucher leben die Nichtraucher. Auch Raucher, wenn sie es 30 Jahre durchgehalten haben, können zehn Jahre plus noch immer schaffen. Wer mit sechzig zum Nichtraucher wird, erlebt drei Jahre plus.

Man sieht die fleckige Hand, die zittrigen Finger dieses Alten. Er hustet und spuckt draußen vor der Tür. Der Mann kennt den Befund und er raucht. Bald wird er aber aufhören, denn dann ist er tot.

Noch ist ein Junge neunzehn Jahre alt und quicklebendig. Eines schönen Tages wird er aber achtzig sein und die Freuden jedes seiner letzten Tage auskosten, wenn er sich nur jetzt keine Zigarette anmacht. Es gehört allen neunzehnjährigen Jungen in ihr freches Gesicht gepatscht: „Schmeiß deine Fluppe jetzt weg!”

Ihm hatte man es mit neunzehn Jahren auch vorgeschlagen. Aber er hatte leise gepfiffen. Mit neunzehn hatte er gedacht, mit neunundzwanzig werde er sich aufknüpfen an Luthers Pflaumenbaum. Bald werden wir anderen die Gesundheitskosten zahlen müssen.

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26. Aug 2019

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HG Olaf