9022 Die Bullenwiese

Bild von Klaus Mattes
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Er ist noch in der Phase seines Lebens, wenn beim Sex ein allergrößtes Potenzial von Lebendig sich abzeichnet, das ansonsten redundanter wird. Mit der Zeit gibt sich das bei jedem. Denke selbst nur dich einmal als einen 78-jährigen Mann. Jetzt denkst du an die 78-Jährigen, die du schon gesehen hast. Das waren nicht wenige. Nur denkt man sich nie als 78-Jährigen. Als 78-Jährigen würde man sich allerdings sexlos denken. Man hätte es irgendwann unterwegs wohl sein lassen.

Ihn aber mit seinen eben erst überschrittenen vierzig Jahren sehe ich in stolzer Einsamkeit über die Bullenwiese schreiten und allen Billigangeboten entkommen. Das Ding, der schwule Kontakthof, nachts, man spricht möglichst nicht viel miteinander, heißt in Hannover eben Bullenwiese. In Ludwigsburg heißt sie Bärenwiese, doch die Bären sind zur Strecke gebracht. Ich sehe, wie er ein Handy zückt und von unten angestrahlt wird. Wie er weghört, wenn man Hallo sagt. Wie er sich neben ein wichsendes Dreiergrüppchen stellt und keine Regung zeigt, wenn einer ruft: „Hau ab!“ Wie er die wenigen Leute, von denen er sich was verspricht, in ein kurzes Gespräch verwickelt und vom Grüngelände abzieht, damit es ihm nicht ähnlich geschieht. Schön ist, wenn es junge Migranten sind, die längst nicht so viel verdienen, wie sie konsumieren wollen. Den Fünfziger ist es ihm wert. Damit regiert man sie wahrend den entscheidenden paar Minuten, die folgen.

Ich erkenne in ihm den Körperfaschist, der unbestechlich aussortiert, was schwammiger, dickarschiger, zahnlückiger, mundgeruchiger, verschwitzter, schuppiger, abgerissener, tabakfleckiger, segelohriger, vernarbter, bebrillter, kahler, grauer, tattriger, angesoffener, buckliger, stotternder, hinkender, gesundheitssandaliger, kurz- oder schlappschwänziger, runzliger, fleckiger ist als er. Fast alle. Oder Plastiktüte trägt. Oder laut spricht. Oder Arschgeweih-Tätowierungen. Elite ist selten. Aber eigentlich ist der schwule Körperfaschist der Normalfall bei solchen informellen Zusammenrottungen. Sie entwickeln oft ihre Mechanismen von Dysfunktionalität, bis sie sich selbst ausgemerzt haben. „Das kommt mir zu, denn ich bin A-Typ, die anderen sind wieder nur Material.“

Vom Prinzip her mag ich den Park durchaus. Man muss überhaupt nie hingehen. Aber man kann das ganze Jahr hingehen, an allen Tagen, wenn auch nicht vor Sonnenuntergang und solange Frauen ihn für ein Freizeitareal ihrer Kinder halten. Man braucht weder eine spezifische Laune, noch eine genaue Motivation. Man schaut nur mal. Man muss keinen nett finden, man muss keinen kennen, man muss sich um keinen mühen, vor allem nicht mit sympathischen Reden oder hübschen Geschenken. Man muss nicht irgendwie angezogen sein. Man muss nicht mal gewaschen sein. Man darf ruhig stinken. Man darf die Kippen auf den Teer schmeißen und vor aller Augen drüber pissen. Man darf anfassen, was man gerne hätte. Die Körper von Männern, einen, andere dann auch noch, das Fleisch, die Sekrete. Leider muss man am Ende oft das nehmen, was man angefasst hat. Die anderen haben es irgendwie clever angestellt, sich gegenseitig zu finden und von mir nicht mehr gefunden zu werden. Gut, dass ich schnell noch einen angefasst hatte.

Geht allerhöchstens eine Viertelstunde, die eine kleine Welt für sich enthält. Dann sollte man weggehen. Beim nächsten Mal muss man sich nicht mal kennen, wenn man das nicht mehr möchte. Keine Verpflichtung, keine Schuld. Fortwährendes Probieren.

Mir wäre das recht, wenn es so wäre. Aber schon wird es Winter und alle haben ein Internet im Handy, wo man so viele bessere Trips verpassen könnte, wenn man die Fäden für die Netze der Illusion nicht in alle Ecken spannt. In meinem Park sind nur zehn Personen. Manchmal sogar gar keiner außer mir. Übrigens wird man nicht jedes Mal verprügelt, wenn man alleine ist, beileibe nicht, aber wenn man verprügelt wird, war man jedes Mal alleine.

Neun Männer außer mir. Ich gehe sie ab und erkenne sie ausnahmslos wieder. Unsere Geschichten, im Allgemeinen solche der Anödung und des Überdrusses, gehen viele Jahre zurück. Bin ich denn etwa Körperfaschist, ich schon auch? Will ich nicht. Will ich nicht. Will ich auch nicht. Und den da will ich ganz genauso nicht. Ach der, ein Idiot, hasst mich seit Jahren, ich habe ihm nie was getan, muss mich irgendwann bei irgendwas verwechselt haben. Ach, wäre doch egal, geht nur darum, ob man mit dem Körper was los machen kann. Und man kann. Ich habe halt diese ewige Neigung zu langen dürren Gliedern und herausstehenden Brust- und Wangenknochen. Wo ist das Problem, andere finden sie hässlich deswegen! Aber er will mich nicht. Die anderen acht will ich nicht.

Zehn Uhr nachts. Eine gute Zeit. Wenn ich jetzt hinginge, wäre jemand dort, obwohl es kalt und zugig und unbelaubt ist. Leider weiß man daheim nicht, wie es dort gerade ausschaut. Google Earth zeigt es einem nicht. Obwohl sie einem jeden Baum und Busch von senkrecht oben und sämtliche Wege korrekt anzeigen. Das würde jetzt langweilig, wenn ich hin zeigen und zu jedem Blatt noch den Tropfen berichten würde, der mal drauf gefallen war.

Man muss immer zuerst hin, dann sieht man schnell, wie es heute aussieht. Ich will ja meistens überhaupt nicht mehr, sobald ich das dann gesehen habe. Kann aber nicht gleich gehen. Der Weg hat eine gewisse Mühe bereitet und es kann sich jede Minute ändern. (Kann es nicht, ich weiß das nur zu gut, aber man sagt es sich an dieser Stelle, kann sich alles noch ändern heute.) Ein Körperfaschist geht da und wischt sich die imaginären Lover vom Display. Wenn man es nicht wüsste, könnte man meinen, nachher, wenn er die alle gemustert hat, setzt er sich nebenan, damit ich ihn anfasse.

Einfach nur so reden, klönen, palavern, geht auf keinen Fall. Das macht man mit denen, mit denen man es seit Jahrhunderten macht. Die sind heute zum Glück nicht gekommen. Ist immer dasselbe. Die wollen auch alle dasselbe wie ich. Sie wollen ausgemergelte Bohnenstangen mit Stottern und Zahnlücke? Nein, wollen sie nicht. Aber sie wollen alle ausgesprochen Junge. Ausgesprochen jung wollen alle. Warum darf ich das nicht wollen, wenn alle es sowieso wollen? Ich weiß auch ganz genau, was Körperfaschist will. Zahnlücke, Stottern und picklige Hohlwange will er nicht. Aber eben.

Kommt einer von den anderen und fängt an, mit mir zu sprechen. Schon weiß ich, der will ficken. Ich sage ihm offen, dass ich heute nichts mache. Ich mache mit ihm nie wieder was, ich sage es aber freundlicher: „Heute mache ich nichts.“ Er versteht sofort. Er macht weiter im Gespräch. Der will heute Nacht noch einen Schwanz kriegen und wenn es meiner ist!

In letzter Zeit, obwohl es ewiger Winter ist, sitze ich oft allein am Fluss unten auf einer Bank und mache mir eine Dose Bier auf. Da laufen die Frauen mit ihren Hunden und manchmal scheißt von oben ein Vogel. Das ist schon sicherer so. Dort kann man auch entspannen. Da verlangt ebenfalls niemand was von einem. Stick rein und Ambient-Musik gehört, Soundtracks, Alexandre Desplat.

(Da sich nachts im Park heutzutage natürlich nicht mehr die normal-menschlichen Schwulen begegnen, sondern nur die systemaussortierten Schwulen, also keine Lebensformen und Identitäten, einfach nur die Loser, finden sich nach und nach sämtliche übergeschnappten Schwulen der Region da ein. Einer ist mir drei Runden lang nachgelaufen und hat mir gesagt, dass ich Ohrstöpsel drin habe. Als ich immer noch nicht reagiert hatte, hat er auf mich eingeschlagen und es so begründet, ich wäre von der Polizei. Hätte er das aber selbst geglaubt, hätte er niemals auf mich eingeschlagen. Jeder weiß, dass Polizei immer mindestens zwei Mann hoch einläuft, vorzugsweise mit Stablampen wie der Blick der Kobra.)

Ich bin schon an dem Punkt, wo mir die ewige Sex-Obsession der Schwulen monoton und lachhaft vorkommt. „In Ruhe diese eine Dose Bier und den Wellen nachsehen. Das reicht.“ Auch das noch musste ich im Park lernen, dass man das mit Bier so wenig macht wie mp3-Hören. Sie kommen her und schimpfen einen, ob man also vorhabe, weiter hier zu sitzen und Bier zu trinken. „Das kannst du mir glauben, wenn sie Bier getrunken haben, steht er nachher nicht mehr. Vom Bier ist noch nie einer potenter geworden.“ Das von dem Typ aus der O&G-Abteilung von meinem Markt, der seit, weiß nicht wie vielen, Jahren gefickt werden will, aber dann jedes Mal weg gezuckt ist, weil man ihm nicht glaubhaft versichert hat, dass man gesund wäre. Er geht weg. Er kommt zurück. Er dreht sich herum. Er lässt sich fingern. Als Kompromiss will er geleckt werden. Dabei ist er dort unten schrecklich haarig und auch nie wirklich frisch.

Man muss sich diese schwulen Dialoge übersetzen, um sie zu verstehen. Er: „Lieber trinkst du Bier, dabei würde ich dir meinen kleinen Arsch geben.“ Ich: „Du hast es erfasst. Lieber das Bier.“ Er: schrecklich verletzt, in seiner Ehre gekränkt. Auch dies ist er nur, weil es bei den anderen genauso läuft. Ginge es mit einem von den anderen, er wäre nicht gekommen, um Hallo zu sagen.

Ob ich heute oder morgen oder wenigstens übermorgen dann Sex habe, sagt nicht, ob mein Leben mir glückt. Unser spezielles Park-System ist jetzt so ausgehöhlt und verrottet. Der Körperfaschist, wäre er nicht weit von hier, auf der Bullenwiese, hätte das hinter sich gelassen. Der hat auch noch Alternativen. Und dann kommt der Sommer mit den Pokémons. Japanische Spielfiguren, die nicht mehr ganz jugendliche Heterosexuelle in Schwärmen und paarweise überall hin im städtischen Bereich lotsen, wo man um die Serpentinen einen Kreis drehen, dann scharf abbiegen und gleich noch mal zurückgehen kann, ohne beim Starren auf den farbigen Kleinbildschirm von einem SUV zerrissen zu werden. Die Schwulen im Sommerland sind nicht mehr die Allerjüngsten und schon haben sie Angst, man will sie umzingeln und einsperren. Obwohl die Pokémons zu wirklich gar keinem auch nur ein einziges Wort sagen.

Mein letzter Blick (der Körperfaschist, wie gesagt, hat uns abgeschworen) gilt den alltäglich aufgereihten Sonderangeboten. Sie machen immer und immer so weiter wie bei Samuel Beckett in den Mülltonnen. Einer der Müller hebt seinen Müllschwanz aus der Tonne und winkt mir. Müll-Schwanz ist immer noch besser als kein Schwanz. Wir könnten uns mal alle anfassen, auch wenn wir von diesen Überbleibseln nicht steif werden können. Fremder Schwanz zwischen den Fingern ist schließlich besser als eigener. Seit 28 Tagen sind wir untot. Die Bewegungen laufen weiter. Besser Sex als sonst kein Leben.

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