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Der Professor und das Mädchen

Bild von frederik
Bibliothek

Der Schnee knirschte leise unter seinen halbhohen Schuhen. Er nahm das Geräusch sehr bewusst wahr und blieb stehen. Der Mond schaute hell in den Innenhof hinein. Er ließ den Blick über die verzierten Steine schweifen und erinnerte sich daran, wie ehrfürchtig er den penibel getrimmten Rasen und die hohen, gotischen Bögen bewundert hatte, als man ihn vor Antritt der Assistenzprofessur das erste Mal durch das College geführt hatte. Er war damals mindestens eine halbe Stunde lang vor der Liste seiner zukünftigen Kollegen gesessen und hatte nicht aufhören können zu kichern. Zwei Männer gingen ihm gegenüber zügig durch die Nacht. Vor den warm beleuchteten Fenstern konnte er ihren Atem sehen. Er zog seinen Mantel enger um sich und ging weiter. Er war nun in Gedanken versunken. Ihm grauste vor den kommenden Tagen. Die all-jährliche Interviewzeit begann. Nervöse, ehrgeizige und strebsame siebzehn- und achtzehnjährige würden nach Cambridge kommen, um zu beweisen, dass sie es verdient hatten, an eines der Colleges aufgenommen zu werden. Und es lag an ihm zu entscheiden wer es schaffen würde, und wessen Ambitionen fürs erste gedämpft würden. Manchmal schickten enttäuschte Eltern ihm wütende Beschwerdebriefe. Aus den meisten Briefen konnte man die verherrlichende Meinung über das eigene Kind aus jeder Zeile riechen. Eine Mutter hatte ihn einen 'engstirnigen, elitären und verklemmten Konsenssucher' genannt. Der Brief hatte ihn amüsiert und er hatte ihn aufbewahrt – dafür, dass die Dame ihn nie persönlich getroffen hatte, war es eine überraschend gute Einschätzung gewesen. In seiner Wohnung angekommen, schenkte er sich ein Glas Cognac ein. Er legte seine Brille zur Seite und presste fest auf die Stelle zwischen Nase und Augen, wo sie normalerweise saß. Im Spiegel meinte er zu erkennen, dass sich die Geheimratsecken schon wieder etwas weiter ausgeprägt hatten. Er spürte, wie eine tiefe Müdigkeit bis in seine Arme und Beine kroch.

Das Interview-zimmer war gediegen im Stil des englischen Landadels eingerichtet. Drei Sessel standen in einer Art halbrund auf dem dichten, rötlich braunen Teppich vor dem marmornen Kamin, in dem ein müdes Feuer glomm. Alle Stunde etwa, rechnete er, hatte er einen schweren Holzscheit nachgelegt. Bis zum Nachmittag war kein herausragender Kandidat dabei gewesen. Alle waren sie akzeptabel gewesen, aber niemand hatte wirklich seine Aufmerksamkeit erregt. Er und seine Kollegin ließen sich einen Tee bringen. Er bot ihr Milch an, aber sie lehnte dankend ab. Sie waren beide erschöpft und unterhielten sich kaum. Er bemerkte die eingefallenen Backen seiner Kollegin, sie sah kränklich aus, fand er. Wie immer saß er frontal vor dem Feuer, die Kollegin zu seiner Linken, die Kandidaten zu seiner Rechten. Er stand auf und rief die letzte Kandidatin des Tages. „Please come on in Hanna.“ Ohne sie wirklich wahrzunehmen drehte er sich wieder um, und installierte sich in seinem Sessel. Seine Kollegin begann den informellen Teil des Interviews, das gab ihm Gelegenheit, kurz über die Bewerbungsunterlagen zu schauen. „Thank you very much. Please sit down Hanna.“ „Thank you, very happy to be here.“ Die Stimme war ungewöhnlich selbstbewusst, er schaute interessiert auf. Hanna nickt ihm offen zu. Ein schöner Mund, lange offene Haare, sehr helle Haut und ein knielanges, schwarzes Kleid. „This is Dr. Georg Schwartz and I am Dr. Mary Evans.“ Hanna nickt wieder. Dr. Evans führte Hanna souverän durch die ersten Schritte des Interviews. Hanna begründete warum sie Soziologie studieren wollte und warum ausgerechnet am King's College, Cambridge. Ihre Beine lagen dicht aneinander. Etwas angewinkelt, damit das Kleid nicht nach oben rutschte. Sie hatte ungewöhnlich hohe Schuhe, bemerkte er. Ein schwarzer Lederriemen mit feiner silberner Schlaufe, legte sich um ihre Knöchel. Ihre linke Hand lag vorsichtig auf den Oberschenkeln, genau an der Stelle an der das Kleid endete. Um die Lenden war das Kleid eng, oben schloss es fast bis zum Hals. Mit der rechten Hand strich sie sich immer wieder eine Strähne aus dem Gesicht, einmal berührte ihr Zeigefinger überlegend ihre Lippen. Er rutschte ungemütlich auf seinem Sessel umher und versuchte sich zu konzentrieren. Er war stolz auf seine analytischen Fähigkeiten und ohne große Mühe gelang es ihm, mental einen Schritt Abstand zu gewinnen. Er überlegte, ob ihm das schon einmal passiert war. Sicherlich bemerkte er, wenn eines der Mädchen hübsch war. Aber, das jetzt? Ihm viel nichts ähnliches ein. Interessant. Aus seiner sicheren Distanz schaute er Hanna noch einmal bewusst an und ihm war nicht klar, was an ihr außergewöhnlich sein sollte. Dr. Evans zeigte auf ihn und erklärte Hanna, dass ihre Fähigkeit zu argumentieren nun überprüft würde. Zu diesem Zweck würde Dr. Schwartz einige Fragen stellen. Er stellte eine vage, offene Frage über Ungleichheit und soziale Organisation. Hannas linke Hand fuhr über den Saum ihres Kleides, während sie begann eine Antwort vorzubereiten. Sie antwortete kompetent, aber ohne zu brillieren. Dr. Schwartz fragte mehrmals nach, bat sie bestimmte Argumente zu überdenken und andere zu vertiefen. Die vorgesehene Zeit war schon fast zehn Minuten überschritten, als Dr. Evans intervenierte. Sie dankte Hanna für die sehr interessante Diskussion und stand auf. Hanna schüttelte beiden die Hand. Dr. Schwartz spürte nach dem sanften Druck ihrer zarten, glatten Hand, wie ein angenehmer Schüttelfrost seinen Körper erfasste. Durch das Fenster, in Richtung der King's Parade, konnte er sehen, wie Hanna einer Frau und einem Mann in die Arme fiel, sobald sie das College verlassen hatte.

Die folgenden Stunden bis zum Abendessen verbrachte er mit administrativen Aufgaben, zu anspruchsvollerem fühlte er sich nicht in der Lage. Am Abend, im Bett, ließ er den Tag und die Kandidaten Revue passieren. Er listete ihre Stärken und Schwächen auf, verglich sie. Aber es kostete ihn eine unendliche Anstrengung nicht bei Hanna zu verweilen. Schließlich gab er auf und schloss die Augen. Es war ein leichtes sie wieder auf dem Sessel sitzend zu sehen, die linke Hand spielte mit dem Saum des Kleides, berührte ihre Lippen. Er zitterte. Nachdem er sich befriedigt hatte, fühlte er sich schmutzig. Er duschte lange, aber schämte sich weiter. Um auf andere Gedanken zu kommen, setzte er sich an seinen Schreibtisch und las noch einmal den Artikel, an dem er seit mehreren Monaten arbeitete. Wütend strich er einen schlechten Paragraphen durch und machte sich Notizen mit Korrekturvorschlägen. Etwas ausgeglichener legte er sich schließlich ins Bett. Am nächsten Morgen wachte er verschwitzt auf. Er schaute sich gehetzt in seiner Wohnung um. Erleichtert ließ er sich wieder in die Kissen fallen und schloss die Augen, aber nur um genau das selbe Bild wieder vorzufinden, dass ihn im Traum begleitet hatte. Er stand mitten im Innenhof des Colleges und unterhielt sich mit vier älteren Kollegen. Neben ihm steht Hanna, ihr kleiner, beringter Finger ruht locker in seiner Hand, zu subtil, um von seinen Kollegen wahrgenommen zu werden. Er aber spürt nur die Berührung ihrer Haut. Er versucht seine Hand mit einer schwächlichen Anstrengung wegzuziehen. Als Reaktion lässt Hanna ihre Hand seinen Arm hochfahren. Schließlich umfasst sie seinen Oberarm. Es ist nun für jeden in der Umgebung klar zu sehen, dass das junge, attraktive Mädchen ihn berührt, aber er kann sich nicht lösen. Sie nimmt wieder seine Hand und dreht ihn zu sich, er gehorcht. Vor aller Augen küsst sie ihn auf den Mund und streichelt ihm dabei mit ihrer rechten Hand die Backe.

Drei Tage später saßen Dr. Schwatz und Dr. Evans, jeweils eine Tasse Tee vor sich, in Dr. Evans' Büro. Da sie seit mehreren Jahren gemeinsam die Interviews führten, hatten sie ein gutes Gefühl dafür, wie der andere einen Kandidaten einschätzte. Nur selten waren sie unterschiedlicher Meinung. Dr. Evans sah erholter aus, stellte er fest. Es galt sechs Kandidaten auszuwählen. Vier standen schon fest, als sie die Liste noch einmal von vorne durchgingen. „What was the concern with Hanna?“ fragte Dr. Evans, ohne von ihrer Liste aufzuschauen. Da er nicht sofort antwortete, fuhr sie fort „She seemed quite smart. Not exceptional, but I don't think anyone of the remaining candidates convinced me more.“ Er räusperte sich umständlich „I agree, she wasn't exceptional.“ Dr. Evans stützte ihr Kinn auf ihre linke Hand „Ok, I'll add a little note 'Intelligent but not outstanding' and we'll go through the whole list one more time.“ Dr. Schwartz nickte und kratzte sich über dem rechten Ohr „Didn't you think that she dressed...well..just a tad too...how would one say? sensual?“ Immer noch ohne aufzuschauen blätterte Dr. Evans eine Seite um „Not really. What exactly do you mean? That's how girls dress nowadays Georg. She was extremely pretty though I thought. What did you think about Peter Allum?“

*

Hanna umarmte ihre Eltern. Im Gehen drehte sie sich noch einmal um. Ihre Mutter versuchte angestrengt einige Tränen zu verdrücken, während ihr Vater, stolz über seine beiden Frauen, einen Arm um die Schulter der Mutter gelegt hatte. „Süß, die Beiden“ dachte Hanna, als sie durch das große College Tor ging und dem Portier, dessen Zylinder sie amüsierte, zunickte. Sie hatte Glück gehabt und ein Zimmer mit Blick auf den Fluss bekommen. Sie lehnte sich an den Fenstersims und beobachtete die Punter, die mit ihren langen Stöcken elegant ihre hölzernen Bötchen die Cam entlang trieben. Sie konnte es immer noch nicht wirklich fassen, dass sie jetzt drei Jahre lang hier studieren und leben durfte. Genau unter ihrem Fenster lag eine Wiese, die bis zu einer Steinumrandung führte. Auf den Steinen standen einige Bänke auf denen Studenten saßen und lachend den Touristen auf den Booten zuwinkten. Zu ihrer Rechten ließen einige alte Tannen ihre Zweige müde im Wasser ruhen. Wenn sie sich weit genug vorlehnte konnte sie den Fluss bis zur breiten Fassade des St. John's College herunterschauen. Sie bemerkte, wie sie ihre Heiterkeit auf die Natur und die Gebäude übertrug. Alles schien zu strahlen, zu glänzen und zu leben.

Nach der ersten Vorlesung trat Dr. Schwartz an sie heran. Er fragte, ob sie sich noch an ihn erinnere. Natürlich, antwortete sie. Sie bedankte sich für das stimulierende Interview damals. Dr. Schwartz nickte, wünschte ihr alles Gute und meinte, sie solle nur nicht zögern, falls sie Fragen irgendwelcher Art habe. Er sah genau so aus, wie sie sich einen Cambridge-Professor immer vorgestellt hatte. Mit seiner schweren Brille, dem braunen Tweedjacket und dem gütigen, intellektuellen Gesichtsausdruck, passte jeder Stereotyp bestens zu ihm. Montagnachmittag unterrichtete er. Die Vorlesungen gefielen ihr. Es amüsierte sie, wenn er über Marx, Weber und Giddens sprach, als wäre er persönlich bestens mit ihnen bekannt. Als wenn er ihre Gedanken lesen könnte. Ihre Freundinnen fragten sie, ob sie schon bemerkt habe, dass Dr. Schwartz nur sie anschaue während der Vorlesung. Sie lachte, aber als sie in der nächsten Woche darauf achtete, bemerkte auch sie es. Er sprach nur zu ihr, hielt oft lange Augenkontakt. Sie war vielleicht eine der wenigen, die interessiert zuhörten, erklärte sie ihren Freundinnen. Sie kokettierte ein Wenig mit der Aufmerksamkeit. Sie stellte schwierige Fragen, die sie sich im vornherein überlegt hatte, und genoss das Lächeln, das sich über Dr. Schwartz Gesicht ausbreitete.

Im Dezember wurde es kalt. Samstagabend vor dem zweiten Advent war das jährliche Weihnachtsdinner für Professoren und Studenten des Colleges. Sie wollte sich schick machen, passend zu dem gediegenen Rahmen, in dem das Dinner stattfinden würde. Die Professoren saßen etwas angehoben an der High Table, die Studenten an drei langen Tischen unterhalb. Es gab großzügig Wein. Sie lachte laut mir ihren Freunden. Es war ihr unangenehm, als Dr. Schwartz nach dem Essen, in der Bar, zu ihr trat. Umständlich begann er eine Unterhaltung über die bevorstehenden Weihnachtsferien. Sie ärgerte sich. Dr. Schwartz lud sie auf einen Cognac ein. Er schaute sie so ernst an. Sie konnte sehr genau sehen, dass er sie mochte. Sie sagte ihm, dass sie noch ein paar Freunde außerhalb des Colleges treffen würde. Er begleitete sie über den Hof. Da es regnete, hielt er seinen schwarzen Schirm über sie. Niemand sonst war bei diesem Wetter im Hof. Sie schaute ihn von der Seite an. Seine spärlichen Haare, die große Nase und der sanfte Blick. Seine schmale Hand, die den Schirm hielt. Kurz vor dem hohen Tor, drehte sie sich zu ihm und küsste ihn. Auf die Backe, aber doch fast auf den Mund. „Enjoy your holdiays Professor.“

Nach den Weihnachtsferien kam Hanna leicht verspätet in die Montagsvorlesung. Dr. Evans erklärte der Klasse gerade, dass sie den Kurs ab jetzt von Dr. Schwartz übernehmen werde. Hanna nahm es etwas überrascht zur Kenntnis und begann dann sich flüsternd mit ihren Freundinnen über die Erlebnisse der Weihnachtsferien auszutauschen.

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