Hock bei der Startrampe E - Die Gesetze der Frau Henkenhaf

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Der erste Monat ist vorbei. Niemand hier hat bis jetzt eine Arbeit gefunden.
Was wir allerdings bekommen haben, sind weitere Pflichten. Nie groß gesprochen hat man davon in diesen vier Wochen, aber sie sind jetzt da. Mit unserer Unterschrift für den Vertrag mit der Startrampe hatten wir so einem Regelwerk noch nicht zugestimmt. Auf dem Jobcenter war nichts davon gesagt worden. Aber jetzt sind sie enthalten, mehr Pflichten und Gesetze.

Wir werden, wenn wir dann eine Stelle gefunden haben und aus der Maßnahme ausscheiden, das folgende halbe Jahr im Betreuungsbereich der Startrampe verbleiben. Natürlich, Achtung Missverständnis!, heißt dieses nicht, dass die Frau Henkenhaf bei unserem Chef, den wir gefunden haben werden, eines Tages anruft und fragt, wie wir uns so machen, ob wir faul sind oder motzig. Es besagt nicht, dass jenes Unternehmen, das uns dann einstellt, einen Vertrag mit der Startrampe schließt, der es zum Einhalten irgendwelcher Standards verpflichtet oder dazu, die Stippvisiten der Frau Henkenhaf in seinen Räumen zu dulden. Es heißt, dass Frau Henkenhaf hin und wieder abends bei uns anrufen wird, dass man eine Gelegenheit bekommt, über möglicherweise auftretende Schwierigkeiten sich mal auszutauschen.

Vorgesehen sei, enthüllt Frau Henkenhaf eines Morgens, dass alle Erstkontakte zu Firmen übers Telefon laufen. Wir haben unser Telefontraining gehabt und wissen, dass man nach dem Namen fragen soll, falls man ihn nicht genannt bekommt, dass man ihn aufschreiben muss, dass man lächeln und am besten stehen und sich bewegen soll, dass man einen Zettel mit den entscheidenden Fragen vor sich sehen soll, dass man niemals auflegt, ohne dem anderen Menschen etwas Nettes gesagt zu haben. Man schickt nicht irgendwo x-beliebig seine tausendste Bewerbung hin, weil man gesehen hat, die suchen Leute. Sondern man schafft sich seine Gelegenheit, einen unvergesslichen günstigen persönlichen Eindruck in Szene zu setzen. (Was Auftrag des Fühlungsaufnahme-Telefongesprächs ist.)

Seltsam quer und sperrig zu dieser Regel steht die vorher bekanntgegebene andere Forderung, dass die Teilnehmer nicht einfach anrufen, sondern der Kontakt jedes Mal über die Startrampe, Frau Henkenhaf, vorbereitet wird. Sie ist die ganze Zeit heftig am Suchen, ob nun in den Nachmittagsstunden, wenn der Kurs das Netz nach Angeboten abgrast, oder in ihren Abendstunden, wo sie auch schon mal einen Vorstellungstermin mit Tag, Ort und Uhrzeit fest vereinbart und dem fraglichen Glücklichen am anderen Morgen erst mitteilt, dass ein Arbeitsplatz sich aufgemacht hat, ihn zu erreichen.

Was man in den ersten Tagen allerdings gesagt hatte, war, dass, falls einer je krank werden würde, die Bescheinigung vom Arzt noch am ersten Tag bei der Startrampe vorgezeigt werden muss. Am besten um acht Uhr Frau Henkenhafs Handynummer wählen, dann zum Arzt, ins Wartezimmer. Eine Gesetzmäßigkeit, die sie uns nach Wochen offenbart: Man darf zwar krank werden, aber es wird keine Stunde geschenkt. Im Gegensatz zu Zeiten, die für Vorstellungstermine (und Reisen zu solchen) anfallen, wird von Krankheitszeiten alles nachher wieder reingearbeitet mittels Kursteilnahme. Wo pro Woche zwei Tage Kurs anfallen und wir sonst alle arbeitslos sind, geht das problemfrei. Man wird an einem der drei anderen Werktage einbestellt, wenn Frau Henkenhaf oder ihr Kollege im Haus, Herr Leiser, eine andere Maßnahme begleiten oder in den Büros tätig sind. Da sitzt man und wird irgendwie beschäftigt. Das findet sich, sagt Frau Henkenhaf, eher vage. Bisher ist Nacharbeiten noch nicht fällig geworden, denn für die erste Startrampen-Woche, die volle fünf Tage ging, sind jedem von uns drei Tage Zeit gutgeschrieben worden.

Über die Bewerbungsaktivitäten ist eine Liste zu führen, die zum Monatsende eingesammelt wird. Angeblich wird das ans Jobcenter weitergereicht. So gesehen kein großer Wechsel gegenüber dem üblichen Langzeitarbeitslosenleben. Man unterschreibt dort alle paar Monate eine EV (Eingliederungsvereinbarung), da steht drin, wie viele Bewerbungen man pro Woche raushauen soll. Auch das wird dann auf Listen dokumentiert und eingesammelt.

Allerdings, sagt Frau Henkenhaf, sei es hier nicht erwünscht, dass man sich direkt bewirbt, auch schriftlich, ohne Telefonvorgespräch, wenn sie, Frau Henkenhaf, nicht darüber informiert worden ist. Gar so streng will sie das nicht halten, man kann nicht alles regulieren. Schön findet sie, was der syrische Herr Sidi da tut. Ganz unauffällig und still klaubt Sidi seine in Frage kommenden Programmiererstellen zusammen, ruft in der Pause immer schon an, hin und herlaufend auf dem Hof, Telefon in der Hand. Bis jetzt alles Absagen.

In jedem der verschickten Anschreiben muss ein Hinweis auf die Startrampe samt Frau Henkenhafs Telefonnummer und Mailadresse stehen. Es ist sowieso geschickt, jedenfalls, wenn man lange in einer Beschäftigung nicht mehr drin war, jemanden zu kennen, der bürgt für einen, der eine Referenz erteilt. In der vorigen, dieser hier nicht voll identischen, aber artverwandten Trainingsmaßnahme sei das oft genutzt worden, von Arbeitgebern wie von Teilnehmern.

Urlaubstage gibt’s in der Startrampe keine. Vorerst dauert diese Maßnahme (das Wort auf gar keinen Fall in der Bewerbung verwenden, klingt schrecklich) ein halbes Jahr, sechs Kalendermonate, zwei Tage die Woche, bis Ende August. Das Paket von der Maßnahme ist aber schon für zwölf Monate voreingekauft seitens der Arbeitsagentur. Sodass, bei entsprechendem Bedarf, bis Ende August noch entschieden werden wird, bei wem die Verlängerung sinnvoll sein kann.

Herr Weise, unser Aufgeregtester und Umtriebigster, hat schon vor Monaten für eine aufwändige Familienfeier in seiner alten Heimat, im Osten, fest zugesagt. Das geht mehrere Tage und es wird in zwei Monaten sein. Ist das jetzt noch drin? Aber, strahlt Frau Henkenhaf, die Startrampe sei flexibel. (Wobei, bei dieser Gelegenheit: Die Vokabel „flexibel“ nie ins Bewerbungsanschreiben setzen! Flexibel muss sowieso jeder heute sein und jeder behauptet es von sich, den Satz, ich bin flexibel, sagen nur Deppen, die anderen vermitteln es durch ihr Auftreten. Was man übers ehrenamtliche Engagement erzählt und so weiter.)

Die bei der Startrampe fest Angestellten, die meisten Dozenten sind nämlich freie Honorarkräfte, aber Frau Henkenhaf und Herr Leiser sind Jahre im Haus, die kriegen aber schon auch Urlaub, auch im Sommerhalbjahr. Deswegen werden wir nach Ostern beim Kollegen Leiser in die Schule gehen. Leiser ist dieser Typ, Anfang fünfzig, Brille, rappermäßiges Kapuzenshirt, der fast jeden Tag wenigstens einmal in die Stunden der Frau Henkenhaf einfällt. Dann redet er wie der Wasserfall, sagt nie gleich, was er will, führt zuerst eine Comedian-Nummer vor, die wohl den Tag lockern soll. Gerne macht er deutsche Dialekte nach, Fränkisch, Wienerisch, Hessisch und natürlich Säggsch waren schon, alles falsch.

Diese Maßnahme ist keine von denen, die mit einem Praktikum geplant sind. Es gibt so Geschichten über Kurse, da wird man in unbezahlte mehrwöchige Praktika geprügelt, muss, mehr oder weniger ungecoacht, die doofsten Hilfsarbeiten erledigen, weil diese Firmen herausgefunden haben, dass sich die Arbeitsverwaltung über jeden Chef freut, der eine gratis Arbeitskraft über seine Schwelle lässt. Schwarze Schafe kommen überall vor.

Ungeachtet dessen steht fest, dass ein Praktikum die 1A-Chance ist, den Chefs zu zeigen, dass man am Beruf noch immer Freude hat, dass man gerne was leistet, motiviert ist, sich Fertigkeiten aneignet. Wenn bei irgendwem der Bedarf nach einem Betriebspraktikum aufkommt, soll der sich freuen, hier ist er richtig. Nur für die Vermittlungsmaßnahme für Schwerbehinderte hat die Arbeitsagentur eine Ausnahmeregelung durchgehen lassen, dass Praktika bis zu 12 Wochen dauern dürfen. Sonst geht über vier Wochen raus gar nichts mehr bei der Arbeitsagentur. Frau Henkenhaf wird nur zustimmen, falls sie sich überzeugt hat, dass die feste Absicht zur Festeinstellung vorhanden ist, eine Tätigkeit mit ordentlicher Sozialversicherung. Eventuelle Praktika als Probe für Minijobs, Zeitarbeit oder Werkverträge sind mit Frau Henkenhaf nicht zu machen.

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Kommentare

06. Aug 2016

Hier wird in Reih und Glied marschiert
und "strammgestanden" exerziert,
und an der Hosennaht die Hände -
dies führt zu der Beschäftigungswende!