Kino 2014: Eine Top Twenty - Page 2

Bild von Klaus Mattes
Bibliothek

Seiten

Broadway. Der für sein effektvolles Melodramenkino, aber auch geschmäcklerische Pseudo-Kunst („21 Gramm“, „Babel“) bekannte Mexikaner hat mit Michael Keaton eine Komödie gedreht. Außerdem dabei sind Zach Galifianakis, Naomi Watts, Edward Norton, Emma Stone - keine üble Besetzung! Michael Keaton, verblichener Batman von einst, ist ein ehemaliger Superheldendarsteller, der anlässlich eines Comebacks als „ernstzunehmender Künstler“ seine Flüge durch den Himmel noch einmal versucht. Um Raymond Carver, den Autoren des vom Birdman inszenierten Stückes, geht es gar nicht, - außer dass man tut, als sei das Gezeigte so menschlichkeitsgewaltig wie eine klassische Carver-Story. In Wirklichkeit eine ziemlich vorhersehbarer Schauspieler-Glanzstückchen-Kollektion. Was alle Vorgängerfilme noch nicht hatten, ist jene „Rope - Cocktail für eine Leiche“-Idee vom komplett ohne einen einzigen Schnitt durchlaufenden Film. Bei „Birdman“ geht das unter Einschluss des Verstreichens mehrerer Tage, dem Wechsel von Sonne und Nacht, über Erdgeschoss und Dachterrasse. Kameraflug von hinter der Bühne über dieselbe hinweg, in den Zuschauerraum hinaus, auf die Straße, um den Block, in eine Kneipe, von dort wieder zurück. Nur per Software ließ sich das hinkriegen. Sieht toll aus, mehr als Gimmick ist es nicht.

The Salvation (Kristian Levring)

„Spiel mir das Lied vom Tod“ wird nach 46 Jahren nicht unbedingt glaubhafter, wenn man es jetzt noch einmal einspielt, sieht aber nach wir vor „richtig geil“ aus. Levring, ehemaliges Mitglied des Dogma-Zirkels um Lars von Trier, in der Zwischenzeit mit nur wenigen Spiel-, dafür vielen Werbefilmen erfolgreich, hat sich nicht gegruselt, das eigentlich jedes Mal wieder neu zum Flop verurteilte Western-Genre zu wagen. Er hat Glück mit Besetzung, Ausstattung, Musik und Bildgestaltung. Genau so haben wir uns den klassischen High-Noon-Spätwestern gedacht. Mads Mikkelsen als dänischer Siedler im rauen Amerika, eine Zeit kurz vor dem ersten Automobil. Nachdem der Bruder des lokalen Grundbesitzer-Diktators ihm Sohn und Frau genommen hat, steckt er in der Rolle des einsamen Rächers und Volksbefreiers. Hinzu tritt die kühlst äugende Katzenfrau dieser Zeit, Eva Green, als ihre Loyalität umschmeißende Witwe des Mörders. Jeffrey Dean Morgan, ein eher unbekannter Amerikaner, als böser Ölquellenusurpator, hält den Vergleich mit Henry Fonda aus. Dazu sieht man noch Jonathan Pryce („Brazil“-Held, „Evita“-Diktator) als tückischen Richter und Sargtischler.

Boyhood (Richard Linklater)

Darling der politisch korrekten Intelligenzblatt-Schreiber. Meiner eher nicht. Ist grad so noch reingeschrappt in diese Liste. Denn es ist was Besonderes, wenn man angesichts eines siebenjährigen Kindes beschließt, dieses als Hauptfigur einer Folge fiktiver Familienkurzgeschichten zu casten, den Film über zwölf Jahre Entstehungszeit verteilt zu erschaffen. Bei annähernd drei Stunden Dauer sah ich bisweilen auf die Uhr, wunderte mich etwas, dass ein Film, der seinen Jungen im Titel schon hat, so viel mehr von den Seelennöten einer Mutter handelt: Trennung vom unzuverlässigen Vater des Kindes, Suche nach neuem Ehemann, nicht ungefährliche Abkoppelung von diesem, als er sich mit der Zeit als verlogener Alkoholiker und gewalttätiger Kinderpeiniger herausstellt. Lieber hätte ich da noch was mit dem schelmischen Sohn-Erzeuger und Tunichtgut Ethan Hawke erlebt. Leider auch sehr ausgiebiges Gerede über Alltäglichkeiten - wie doch bei jedem Linklater-Opus, Authentizität durch Gequassel. Weil’s am Schluss ein Happy End braucht: Wanderung des Jugendlichen ins Abendlicht hinaus. Mit der ersten Freundin im Schlafsack nebenan. Zum Einschlafen schön.

Am Sonntag bist Du tot (John Michael McDonagh)

Und noch ein katholischer Film, der katholischte von allen. Aus Irland. Das Christliche merkt man dann am Schluss. Vorher glaubt man, es mit einem bizarren Priester-Krimi zu tun zu bekommen. Ich sah den Film zwei Mal und es ist so: Man erkennt, wenn er im Film erstmals mit seinem Gesicht und nicht nur der Stimme auftaucht, den Mann vom Beichtstuhl nicht, der Father James gedroht hatte, Sonntag in einer Woche werde er ihn ermorden. „Weil es mal was anderes ist. Einen guten Priester ermorden, in einem Land, das viele böse hat.“ Diese Woche führt der beleibte, graubärtige James Gespräche mit mehr oder minder kauzigen Leutchen des Ortes. Ein sterbender Schriftsteller, der sein letztes Buch abschließt. Ein suizidaler Finanzhai, der, von allen verlassen, in seinem Schloss auf ein Holbein-Gemälde pisst. Ein Kneipenwirt, der dem Klerus die missbrauchten Kinder verübelt und deshalb zum Baseballschläger greift. Eine Französin, die die Leiche ihres Mannes holen kommt. Ein Metzger, den seine Ehefrau mit einem Afrikaner betrügt, von dem sie beim Sex geschlagen wird. Ein Geistlicher, der Gemeindearbeit mit Beamtenarbeit verwechselt. Die eigene Tochter (denn die Berufung kam spät, erst nach dem Tod seiner Ehefrau), zu Besuch aus London, nachdem ihre Beziehung gescheitert ist. Ein Vergewaltiger, der Father James mit einer Aufschneidergeschichte von seinen Taten zu schocken sucht, als der Geistliche ihn im Knast aufsucht. Ein kaltherziger Arzt auf der Jagd nach Sex und Drogen. Wir denken, es ginge darum, den Mörder zu identifizieren. Seine Kirche brennt ab, Vater James legt sich eine Pistole zu. Aber er hatte ja seinem Bischof bereits gesagt, er wisse, wer ihn bedroht, und er werde sich nicht wehren. James ist der gute Hirte, weil er jedem zuhört, keinen verurteilt, nie etwas anordnet, offen sagt, wenn er keine Lösung kennt, vor allem ist er immer da, wenn man einen Menschen sucht. Warum so einen umbringen?

Zeit der Kannibalen (Johannes Naber)

Film, den Sie im Fernsehen doch noch ansehen sollten, obwohl man ihn wahrscheinlich als „schwierig“ bezeichnen wird. Kammerspiel mit (nur) drei Schauspielern Devid Striesow, Katharina Schüttler und Sebastian Blomberg und einem artifiziellen Bühnen-Setting. Es geht um weltreisende Wirtschaftsberater, die Neoliberalismus, Profitmaximierung, Kostensenkung in die ärmeren Staaten des Erdballs verteilen wie andere Leute Bibeln. Asien oder Afrika, die Pappschachtel-Hochhäuser hinterm Fenster des klimatisierten Hotelzimmers sehen identisch aus. Die deutschen Beraterhelden versuchen mit geradezu kriminellen Tricks, einander aus dem Rennen zu werfen um den kommenden Teilhaberposten in der Firma daheim. Jemand ruft an und behauptet, die Firma gehöre ihm; ein Gangster. Sie greifen ihren Sex beim Personal ab oder stauchen es zusammen, wenn der Service nicht stimmt. Per Handy versuchen sie, die Frau daheim festzuhalten und die Achtung ihrer Kinder nicht zu verlieren. Eines Tages sind sie im falschen Land zur falschen Zeit, denn da ist gerade Genozid. Und sie sterben.
Bösartig wie deutsches Kino sonst ja nie.

American Hustle (David O. Russell)

Wahrscheinlich war „Silver Linings“, David O. Russells voriger Bradley-Cooper-Jennifer-Lawrence-Streifen, noch etwas bezwingender. Wir wollen nicht behaupten, dass die Wiederkehr

Seiten