Lebenskünstler B: Versackt

Bild von Klaus Mattes
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Das Loch ist die Kellerkneipe am Schwabentor. Eher klein ist das Loch. Eine als Barmaid aufgemotzte Alte hinter einer viereckigen Theke in der Mitte. Ich halte mich fest am Bier und peile. Es sind wenige Männer da, unscheinbare Schattengestalten. Sie können nichts dafür, ich weiß doch. Im Loch versumpft man, hatte ich gehört, von Leuten in der Gruppe.

Angefüllt mit Zuhältern, Draufgängern, Transen, Paradiesvögeln und Pest hauchender Schönheit hatte ich es mir ausgemalt. Mitten in der Arbeitswoche im Loch zu versacken, kurz nach elf, auf eine bessere Idee konnte ich wieder mal nicht kommen. Es sind nur Bobbele da.

Als Bobbele wird der Freiburger bezeichnet. Bobbele sind Kinder einer ansehnlichen Stadt, in der es sich ausgezeichnet leben lässt. Verwaltungsstadt, Sitz eines Regierungspräsidiums, einst Hauptstadt eines habsburgischen Landes. Über Glaube und Anstand wacht der Erzbischof. Die Alma Mater pflegt Humanismus. Touristen schlendern an schmalen Kanälchen entlang durchs Städtle, süffeln Gutedel unterm schönsten Kirchturm der Christenwelt.

Jedes Bobbele weiß, dass es an einem guten Platz hockt, um den viele es beneiden. Obwohl vom übrigen alemannischen Menschenschlag das Bobbele kaum was unterscheidet, jene Agrartechnologen und Tourismusingenieure am Kaiserstuhl, in Markgräfler Land und Hochschwarzwald, hält jedes sich für Besseres, spricht keinen Dialekt, sondern die dem Schriftdeutschen genäherte Stadtvariante des Alemannischen. Obwohl die Mehrzahl der Bobbele in mehr oder weniger unbedeutenden, wenn auch auskömmlichen Diensten für Obrigkeit, Kirche und Universität wurstelt, fällt Schein aus ragender Höhe aufs Haupt dieser Bobbele, hier Deez genannt.

Nicht weit entfernt von mir sitzt so ein Bobbele und trinkt das berüchtigte Bier von einer Privatbrauerei. Anfang vierzig dürfte dieses Bobbele schon sein, eine mollige, untersetzte Figur. Rosenfrische Gesichtsfarbe und schütteres Braunhaar. Trägt gebeulte Jeans, gelatschte Halbschuhe. Unter dem dunkelgrünen Wollpullover schaut am Bauch sein Hemd heraus mit braun-grauem Karomuster. Hinten am Hocker hängt die wattierte Jacke. Das Bobbele dreht sich und charmiert, angefüllt mit Liebe zur Menschheit, in diesem speziellen Fall: zu mir.

Ich schaue auf die Seite und denke: Du merkst, wie ich wegsehe! Halte dich dran! Nur Prolls, diese einsamen Männer mittleren Alters, die einander alle ja eben auch nicht wollen, mit Grund. Schon ist mein Pils leer. Die Geschminkte rauscht herbei, bei dieser Gelegenheit will sie ihr obligatorisches Willkommensgespräch abhaken, fürchte ich. Das schweigende Lokal kann lauschen. Aber sie hat kaum Lust. Sagt: „No eins?“ Stellt es hin und verzieht sich wieder zu zweien, mit denen sie gewispert hat.

Das Bobbele steht auf und geht zum Klo. Es kommt zurück, die Hand am Reißverschluss, bleibt kurz noch neben mir stehen, bevor es sich auf seinen Hocker setzt. Ich starre auf kopierte Geldscheine, sie zieren, hinter ein Drahtgeflecht gepackt, das Gewölbe des Kellers. Derweil schmachtet Christian Anders nach Nirgendwo. Wo Schwule mit Geschmack an diesem Abend sind?

Ich spicke links, das Bobbele scheint nichts zu merken, schaut aufs unechte Geld und ins Privatbier. Ich sehe auf die Uhr. Und ich weiß, ich müsste gehen, wenn ich zu „Geschlechterrollen in der griechischen Antike“ morgen was sagen will. Warum aber sollte ich das wollen?

Mein Bobbele quatscht los. Unvermeidlich war das, ich wusste es die ganze Zeit. „Nit viel los heut, gell?“ Mit dem sich hoch singenden Tonfall, als wären sie alle noch Kinder. „Bisch aus der Stadt?“ Obwohl ich mein Gesicht nicht einen Millimeter zu ihm rüber geschoben habe.

Das Bobbele hat mir nichts getan. Er kann nichts dafür, dass er ein üblich übles Bobbele ist. Wir reden. Das Bobbele heißt irgendwie und es arbeitet irgendwas. Richard könnte es heißen. Die Falschparker aufschreiben für die Stadt. Oder in der Art. Zweifellos will er mich entern. Er rutscht den Hocker näher, lehnt sich her, legt eine Hand auf meinen Arm. Mit treuherzigem Augenaufschlag versichert mir Reinhold, ob immer so wenig los sei, wisse er nicht. Die Szene sei ihm zu oberflächlich, er wäre lieber daheim in seiner Wohnung, sehr nett habe er es dort. Der häusliche Typ wäre er, der sich’s gemütlich mache, was ich drüber denke. Mehr der Parkgänger-Typ bin ich. Dieses Bobbele habe ich im Park draußen noch nie erblickt.

Das Wort „schwul“ bringt er nicht über die Lippen. „So Leut wie mir zwei“ und „unsre Sorte halt“ heißt das. Meistens debattiert er das kommende Bächle, das die Stadt sich bald leisten will. Hoffnung dräut aus seinem Mondgesicht. Ich schweige weg. In der Zwischenzeit sind wieder welche gegangen. Das Beste, was zu kriegen wäre, ist genau dieses hier, das Bobbele. Außerdem ist er ein Kerl, ein Schwanz muss dran sein. Spielen mit der Männerbrust und seinem Männerarsch lässt er mich dann. Warum den Rühr-mich-nicht-An geben, wenn ich nur nicht glauben will, dass ich das, was mir zusteht, nicht ein einziges Mal bekomme? (Ist bei allen so, weiß man.)

Ich sage eher nichts mehr. Vielleicht fällt ihm das auf, dann lässt er das Gesülze und kommt zum Punkt, um den es sowieso immer schon geht. Ralf oder Rolf meint, ich wäre nicht besoffen genug. Er gibt mir erst noch einen aus. Vielleicht, fällt mir ein, glauben diese Typen das wirklich, dass, wenn man ihre Spendierhosen leer gesoffen hat, man sich schuldig fühlt und was zurückgeben will.

Auf einen Sprung zu ihm, einen sehr guten Tropfen habe er, könnten wir noch, deutet er an. Endlich, denke ich, hast dich genug geziert. Die Schabracke enthält sich einer ziselierten Spitze. Ihn kennt die wohl so wenig wie mich. Draußen nimmt mich dann Wunder, dass Rudi zu Fuß geht. Ganz schön weit ist das. Durch die Innenstadt, unter der Bahn hindurch, an den Schienen lang, weiter hinten in eine der Parallelstraßen. Eine sehr ruhige Gegend. Alle Häuser sehen gleich aus, gestreckte, zweistöckige Wohnblöcke aus den Dreißigern. Die Treppenstufen knarren und knacken. Bei meinen Vermietern sind die Stufen auch so, wenn man in der Nacht mit Begleitung kommt.

Seine Tür mit Milchglasscheibe ist neu gestrichen, ein geblümter Vorhang hängt dran und es scheint immer noch nach Lack zu riechen. Unterwegs hat das Bobbele in einer Tour von dieser Wohnung palavert. Ich muss also loben, obwohl die Bude mir schnurz ist. Alles ist blitzsauber und pingelig arrangiert. Knarrende Bohlen im Flur, Linoleum im Wohnzimmer, niedere Decken. Die Möbel hat er geerbt, die Eltern sind tot. Ein Vertiko mit Rauchglaslikörgläsern.

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