Vorstoß H/ Der Autor Thomas Bernhard stellt das mit der Homosexualität mal richtig

von Klaus Mattes
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Wir fallen immer wieder herein auf eine uns lockende Vorstellung, so Reger, berichtete Strauch, schreibt Moritz in der Studie, flüchten uns hinein wie in ein Rettendes, begehen hierbei unseren kapitalsten und tatsächlich verhängnisvollen Fehler, dem wir zum Opfer fallen und dann verschlungen werden, weil wir glauben, Unsersgleichen, Unsersgleichen unterstrichen, die so genannten Schwulen, würden uns beistehen, falls wir als so genannte Geistesmenschen die in unseren Gehirnen versammelten, uns längst aber zerquetschenden Erkenntnisse, Erkenntnisse unterstrichen, mitteilen und also teilen mit jenen Unsersgleichen, den anderen oder übrigen Schwulen. In Wahrheit ist alles Schwule, welches im stumpfsinnigen und stumpfwilligen Heineinstöpseln des männlichen Glieds in eine männliche Afteröffnung sich austobt und entwertet, dem Geistigen - wie auch dessen eigentlichem Ort, dem Kopf, diametral entgegengesetzt. Jeder, der berechtigt wäre, sich einen Geistesmensch nennen zu dürfen, aber viele nennen sich Geistesmensch, ohne die Berechtigung zu besitzen, erkennt, wenn er es wagt, seine Augen weit aufzumachen, es leuchtet ihm ein, es liegt ihm auf der Hand, dass das Schwule jener Teil seines Charakters drinnen ist, der ihn vom Geistigen nurmehr abzieht und fernhält. Trete hierauf der Seinesgleiche, der zweite Schwule, dem Geistesschwulen gegenüber, dann begreife der geistige Schwulenmensch mit einem Mal die Inferiorität und Infernalität des schwulen Vollzugs. Die Inferiorität und Infernalität, sie drohen ihn in der tiefsten Natur zu zerreißen, zerreiben und auszulöschen. In ebendiesem Augenblick fange der Schwule an, Seinesgleichen, den zweiten Schwulen, als Ungeistesmenschen wie als Geschlechts-Verirrten und Vernarrten aufzudecken und zu entlarven. Um selber am Leben und Dasein weiterbleiben zu können, müsse er es auf so eine Art anfangen. Er wolle den ihm eigenen Wahnsinn, die Widerlichkeit seines Daseins, stets weiter und ferner hinausschieben um einen Tag, eine einzige Stunde noch, sodass er den gewohnheitsmäßigen schwulen Vollzug also jetzt offen bloßstelle, während er ihn bei sich selber, wo er naturgemäß schon die Geschwüre getrieben habe, leugne und abstreite. Mir, soll Reger dann angefügt haben, schreibt Moritz in seiner Studie über die gesammelten den Reger betreffenden Aufzeichnungen Strauchs, ist der Männerschwanz jahrzehntelang hineingesteckt worden und immer hat man mir gesagt, es müsste so sein, es hätte sich so zu verhalten, meiner schwulen Natur nach hätte ich das nicht anders zu wollen. Indem ständig der fremde, andere Männerschwanz des anderen Schwulen hineingesteckt worden wäre in ihn, sei die grauenhafte Dämlichkeit und unausstehliche Geistigkeit der allermeisten anderen Schwulen ebenfalls hineingesteckt worden in ihn, Reger. Er wisse es nicht, soll Reger gesagt haben, wenigstens schreibt Moritz so in seinem Werk über alles, was Strauch aus Regers Existenz noch hat retten können, wie es zugegangen wäre, aber eines Tages sagte ich, also Reger, zu mir, laut Moritz, gemäß Strauch: Von jetzt ab werde ich nurmehr den einzigen Schwanz hineingesteckt bekommen und das kann nur meiner sein, herausgestreckt muss vielmehr werden, der schwule Schwanz, also heraus, hinaus und nicht mehr hinein, nie mehr hinein. Bis dahin wäre hinein, ab heute werde nur hinaus aus ihm, so Reger. Sind die anderen Schwulen vorher oben gelegen und hatten sie in mich hineingestreckt, dem Geist entgegen, einen geistlosen Schwanz, war beschlossene Sache, sie würden ihn nur noch herausstrecken, ihren darum allerdings nicht etwa geistreicheren Schwanz. Zwei Jahrzehnte, nachdem er sich entschieden gehabt hätte, hat Reger erklärt, wisse er sicher, dass dieser Beschluss es gewesen sei, der ihm sein Leben und mit ihm die Existenz als geistiges Wesen gerettet und im allerletzten Augenblick doch noch erhalten habe, wie man so sagt. Alles andere hätte ihn ruiniert, wie es in den anschließenden zwanzig Jahren jeden Schwulen verrückt gemacht oder ruiniert hätte, der diese Regersche Kraft nicht auch gehabt hätte und keine Umdrehung vorgenommen hätte bei sich. Allenthalben tritt Verlottertheit an den Tag und kann von niemand mehr bestritten werden, so Moritz in einer seiner Anmerkungen zur Studie über die von Strauch zusammengetragenen Realien aus Regers Dasein. Hineinsteckenlassen vernichtet uns vom Grund auf, soll Reger erregt gerufen haben, es sei nur das Herausstreckenlassen eines fremden schwulen Schwanzes, das uns möglicherweise auf Zeit zu retten in der Lage wäre, aber naturgemäß kann uns schon nichts mehr retten, auch nicht der Schlag Obers, den er, Strauch oder sogar Reger, sich im Angesicht des Untergangs noch kommen lassen wolle.

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