Text 170: Vulcano

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Wenn ich den Vulcano-Text über die neue Heiligbrunner Schwulengruppe (sie besteht aus vier Leuten und sie flaniert im Stadtpark jeden Abend) und ihren Anführer bzw. das Lokal, in welchem dieser arbeitet, lese. (Oder gearbeitet hat, er könnte nicht Abend für Abend im Park flanieren, wenn er es weiter täte). Bis vor Kurzem kannte ich diesen Menschen noch gar nicht. Muss irgendwie so aufgepoppt sein. Passt aber gut hier ins Terrain rein. Charly Muth, den anderen von den zwei Gruppegründern, kenne ich Jahre. Er gab früher dieses Szeneblättchen - nur für unsere kleine Gemeinde - heraus, die ihren Protestbrief an Vulcano schickten. Knapp umrissen: Muth ist eine tückische Trümmertunte, die sich schon auch ertragen lässt, gewisse Formen und Spielregeln im machiavellistischen Vorgehen hält er ein.

Wenn ein Blatt sich doch noch nie geeinigt hat, für wen es produziert wird und was es sagen möchte, muss denn ich, dessen individueller Natur es zuwiderläuft, so einen Konsens freiwillig vorweg- und auf mich nehmen, nach welchem ich gehalten wäre, anderthalbseitige Häppelein zu schreiben, die kapiert werden von jedem Sonderschüler, deren Inhalte sich auf Aktionen und Sonderangebote der Karlsruher Szene stürzen (Kneipen, Discos, Saunen, Sexshops, Kinos), wobei sie positiv dargestellt werden ohne Ausnahme, das Elaborat von einer Woge aus Fröhlichkeit und Optimismus getränkt? Muss ich dann denken, dass wir alle miteinander Ende zwanzig, Anfang dreißig sind und auf Boys von Ende zwanzig, Anfang dreißig stehen? Oder habe ich noch eine Chance, einen Freiraum zu erkennen, den es sonst kaum noch irgendwo gibt? Weil es bei Vulcano keine Chefs gibt, kann mir auch keiner was vorschreiben. Weil ja alle Amateure sind, darf ich für mich definieren, wie Journalismus zu gehen hat.

Guggemada! Inoutch liefert dieses Mal seine höchst private Ich-und-meine-Sexerlebnisse-Story! Von welcher jetzt keiner sagen möchte, sie wäre „doch eher wenig allgemeingültig“ und dafür „eitel“!

Weil mir kein einziger Leser was bezahlt, muss ich nicht nach Schnauze eines hypothetischen Durchschnittslesers texten. Spätes Lob auf der Wanderer-Frankenexkursion: Ein Neuzugang meinte, Pierrot Nevers habe er immer gerne gelesen, inzwischen vermisse er ihn. Es ist Unterschied zwischen Kunst und Journalismus, dass Journalismus klar hinschreibt, was er mitteilen möchte, während Kunst fast keine ist, wenn sie alles für jeden auf die Hand legt. Dass ich gegen die Gesetze des Journalismus verstoßen habe, war mir schon klar. An Kollegen vorbei habe ich meine Gesetzesverstöße ins Blatt geschmuggelt. Darauf kam es bei einem Blatt, das vor Verstößen überfloss, auch nicht an. Hast du jetzt wieder die niedlichen Grammatikfehler bemerkt?

Diskutieren ist zwecklos. Ich stehe einfach auf dem Standpunkt, dass in Vulcano zu viele Dummbeutel zu oft zu viel zu sagen gehabt haben. Natürlich werden andere Dummbeutel ebensolchen Kalibers solche Dummbeutel-Produkte gigantisch finden.

> Künstler, der sich einen Dreck kümmert um den potenziellen Leser?
Auf „Vulcano“ und mich übertragen, stimmt das nicht. Habe zum Beispiel Fremdwörter vermieden (so in der Journalistenschule gelernt), erst in späterer Zeit wieder eingesetzt, als bewussten Regelverstoß, mit einem gewissen Spaß. Wenn ich wollte, könnte ich um mich werfen mit Fachsprache. Was Kalle Krücklein mittlerweile als „Doktors Sprechstunde“ im Internet abzieht, da käme ich allerdings nicht mehr ran.

Man kann als Leser schon vorher sehen, wie viel Text ein Artikel enthalten wird. Soll man’s doch lassen, wenn’s zu viele Buchstaben sind! Man soll so schreiben, dass es der zwölfjährige Sonderschüler, der sich Mühe gibt, verstehen kann. Aber man soll bitte nicht anfangen zu denken wie ein zwölfjähriger Sonderschüler!

>> Bücher über Schwule schreiben, welche Schwule denunzieren.
Homos kennen Homos halt besser als Heteros das tun. Wer sich im Kultursektor umtut, braucht eine heterosexuelle Mehrheit unter den Rezipienten. Sonst kann man verhungern. Das Publikum goutiert es, wenn unsere Geschichten ihm erzählen, was es sich schon gedacht hatte. Sonst halten sie es für In-Group-Klamauk, kehren einem den Rücken. Jene zehn Prozent hast du dann noch, das schwer Fassbare zu verklickern. Nachher wird schon einer kommen und es ein „schonungslos ehrliches Buch, erschütterndes Zeugnis“ nennen.

Vor Hitler geflohene Juden mussten Dumpfdeutsche und Mörder im Hollywoodkino darstellen. Guck dir „Die jungen Rebellen“ an von deinem Sándor Márai! Da will er was über Liebe vom einen zum anderen Jungen schreiben. Geht aber nur, wenn der schmierige, sadistische Jugendverderber dazu auch noch aufs Tapet kommt. In seinem Fall mal wieder ein Schauspieler, Benno Sperr wäre entzückt.

>> Von Herbsten, Blättern, Bäumen gibt es Millionen, es kommt wieder.
> Aus einem Werk, das ich kennen sollte?
Nee. Das ist ein angegammelter Gedanke von mir. Er kam mir, als ich in kalter Novembernacht unter einem der schönen, hohen Laubbäume des hiesigen Parkgeländes auf der Bank einsam saß.

Vier Wochen ist es her, dass ich von meiner Mutter am Telefon hörte, dass bei meinem Vater ein inoperabler Gehirntumor, ein sogenanntes Glioblastom, diagnostiziert wurde. Da kam mir dieses Blatt-vom-Baum-Bild in den Sinn. Literarisch wohl eher ein abgedroschenes Motiv.

Fußt auch noch auf einen Song von der Schweizer Mundartpopband „Rumpelstilz“, aus den siebziger Jahren: „Na, na, na, na, i bin es Blatt im Wind, wenn er rueft, dann muess i go.“ Der Oberrumpelstilzer hieß Polo (Paul) Hofer und war ein Berner. Alle Schweizer Musiker sind Berner. Er tut sich noch um, dieser Polo, wenn auch mit höherer Peinlichkeitsrate.

Vorerst eine Woche des Horrors noch. Dann mein Urlaub.
Gruß vom
Rolf

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