Der Herr der Zeit

Bild von Ian Reichl
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6:30 Uhr der Wecker klingelt. Versuchend einen Grund zu finden aufzustehen, fängt das tägliche pokern an, wie viel Minuten man noch schlafen kann. Mit dem Gefühl der Herr der Zeit zu sein, geht man all-in und entschließt sich, weitere zehn Minuten zu schlafen.
6:45 Uhr, panisches erwachen, bereit Höchstleistungen zu erbringen um den um 7:00 Uhr kommenden Bus noch zu erwischen. Das Aufstehen vergleichbar mit einem 100 Metersprint, gipfelnd mit dem hinterherrennen des bereits abgefahrenen Busses, endet mit dem Gefühl des Stolzes als man es ein weiteres Mal in den überfüllten Schulbus geschafft hat. Dieses Gefühl des Stolzes wird jedoch schnell von dem Anblick des Alcatraz die Schule niedergeschmettert.
Der Gang zur Schule, gleicht den Gang in den Zellentrakt, versuchend sämtlichen Lehrern aus dem Weg zu gehen, die wie Zombies hungrig auf die Schüler warten. Das Betreten der Schule, quasi eine originalgetreue Nachspielung der Serie: „the walking Dead“ stürzen sich die Lehrer auf mich und überfluten mich mit Fragen die den Tsunami in 2004 lachhaft wirken lassen. „Denkst du an deine GFS nächste Woche?“, „hast du die Hausaufgaben schon gemacht?“, „Morgen schreiben wir Klausur!“. Das rettende Klassenzimmer unmittelbar vor mir, gerettet vor den Fluten, ein kurzer Moment der Ruhe, die keine zwei Minuten anhält, bis mich das Gefühl erschleicht etwas vergessen zu haben. Ja richtig ein Essay schreiben über Zeit, nein, über das Thema: „der Herr der Zeit“.
Ich lasse den morgen revue passieren und denke vertieft über Zeit nach. Was ist dieses Ding was wir Zeit nennen? Ist die Zeit diese eine konstante, ja genau die Konstante in unserem Leben? Ist Zeit der Faktor, der alles bestimmt? Wenn man versucht sich eine Welt ohne Zeit vorzustellen, wird relativ schnell deutlich, dass die Zeit in jedem erdenklichen, ja noch so kleinem Szenario eine Rolle spielt. Ich versuche also für mich eine Definition zu finden jedoch scheitere ich in dem Versuch kläglich. Ich wage trotz alle dem einen Definitionsversuch, „ Zeit, Zeit ist der Faktor, der alles beschränkt und endlich macht“. Dieser Definitionsversuch erscheint mir jedoch zu Schwach denn Zeit ist viel mehr als ein Faktor. Ja ich würde sogar so weit gehen, dass Zeit das wertvollste Gut der Erde ist, aber selbst die Erde ist abhängig von der Zeit. Wenn also die Zeit über der Welt und der Erde steht, ist die Zeit dann etwas göttliches? Aufgehalten von diesem Gedanken fange ich an mit diesem Gedankengang zu spielen. Ich fasse für mich zusammen: Zeit ist schwer definierbar, Zeit spielt in jedem erdenklichen Szenario eine Rolle. Mir gefällt der Gedanke immer mehr gestützt von weiteren Assoziationen die mich zu einer interessanten Fragestellung führen. Zeit ist nicht nur schwer definierbar und spielt in jedem Szenario eine Rolle, sondern die Zeit schafft es auch 7,47 Milliarden Menschen dazu zu bringen, dass sich diese bedingungslos an ihr orientieren und ihr folgen. Ist Zeit also eine Religion, ja sogar die mächtigste Religion aller Zeiten?
Festgebissen an diesem Gedanken, schweife ich ab und denke an den Verlauf meines morgens. Blind gesteuert von der Zeit wurde ich aus dem Schlaf gerissen, zum Schulbus gehetzt und von Lehrern mit Fragen überflutet die mich an die Präsenz der Zeit erinnern sollten. Zurück bei dem Gedanken, die Zeit also Religion zu sehen wurde ich durch diese Abschweifung in meinem Gedankengang gestärkt. Eine Religion will überzeugen und bedingungslose Anhänger ihrer Ideologie finden. Die Zeit schafft dies besser als jede existierende Diktatur oder Religion. Die Menschen treiben sich selbst in den Wahnsinn um der Zeit zu folgen und jede spürbare Sekunde der Wahrnehmung von Zeit auszunutzen. Nach der Formulierung dieses Satzes denke ich immer an diese eine Assoziation. In der Assoziation sitzt ein Junge auf einer Parkbank mitten in Frankfurt. Er sitzt ganz ruhig da ohne sich zu bewegen und beobachtet seine Umgebung. Die Menschenmassen die sich durch die Straßen prügeln, die Autofahrer die wie auf Koks versuchen aus dem VW-Lupo mit schüchternen 65 PS ein Renngefährt zu formen mit denen sie bis jetzt unerreichte Geschwindigkeiten erreichen. Das Lenkrad fast gefressen und den Schaltknüppel vergewaltigt, stieren die Autofahrer auf diese rote Ampel. Durch das veranstaltete Hupkonzert versucht man die Ampel dazu zu bringen auf grün zu schalten. Die Ampel schaltet auf gelb, die letzten Menschenmassen, die einer wild gewordenen Büffelherde gleichen, retten sich über die gerade rot gewordene Fußgängerampel. Das Grün werden der Ampel vergleichbar mit dem Black Friday Säle beginnt das hirnlose Wettrennen der Autofahrer um den Preis der Pünktlichkeit. Der VW-Lupo der mittlerweile 7 Gänge hat prescht nach vorne. Der Fahrer, ohne Rücksicht auf Verluste, fährt mittlerweile mit 120 km/h durch die Stadt bis zum Ziel, dass Ziel die Kreissparkasse an der er eine Vollbremsung einlegt hoffend, dass die Achse des VW-Lupo das mitmacht. Das Auto ist noch nicht zum Stillstand gekommen als der Fahrer schon aus dem Auto hechtet und in die Kreissparkasse sprintet. Das Personal, kurz davor den stillen Alarm auszulösen, da der Fahrer wie ein geisteskranker Richtung Schalter rennt. Angekommen am Schalter, gibt der Fahrer eine Überweisung ab und sprintet zurück zum VW-Lupo wo die wilde Fahrt weitergeht.
Ich schmunzle, jedoch hält dieser Moment der Belustigung nicht lange an. Was mir da durch den Kopf ging war die reinste Realität. Menschen mit dem einen Ziel, immer ja egal was kommt pünktlich sein. Die Zeit zwingt jeden Menschen in die Knie. Krampfhaft versuchend ihr gerecht zu werden jedoch immer das Scheitern. Abends im Bett liegen und schon planen, wie ich die Zeit am nächsten Tag effizienter nutzen kann. Was sind wir Menschen ? Sind wir Menschen nicht einfach Sanduhren die bei unserer Geburt umgedreht werden und wir versuchen jeden ja wirklich jeden einzelnen Sandkorn auszunutzen? Und ja die Zeit, die Zeit ist die mächtigste Religion jedoch auch die schrecklichste. Sie hetzt und sie zwingt uns sie lässt uns nicht ruhen, sie treibt uns bis in den Wahnsinn und schlussendlich bis in den Tod bei dem wir uns paradoxerweise wünschen mehr Zeit gehabt zu haben. Und den Herr der Zeit gibt es nicht. Der Herr der Zeit wäre die Person, die sich von allem zeitlichen löst jedoch ist diese Person auch nur eine Sanduhr die den Kampf gegen die Zeit verlieren wird wenn alle Sandkörner gefallen sind.

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Kommentare

18. Sep 2019

Ich habe einen Teil meines Lebens in Ländern verbracht, da spielt Zeit keine Rolle, aber Geduld.
Der Homo Sapiens ist doch lernfähig.

LG Jürgen

18. Sep 2019

Ich denke die Zeit wird immer eine Rolle spielen, die Präsenz von Zeit ist zu keinem Zeitpunkt wegzudenken