Reuenthal s - Der schlimme Finger

von Klaus Mattes
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Monate vergingen. Peter und Helmut, sein Kumpan, trafen sich mittlerweile wieder alle Nächte im Park. Sie genossen Wundernächte des Sommers, wenn um halb drei ein interessanter Neuer noch auftauchen konnte. Den September, wenn man auf dem Rasen sitzen und meinen konnte, ganz kalt würde es dieses Jahr nicht mehr werden. Doch es kamen die Wintermonate, in denen sie fast immer die Einzigen waren. Wenn bei Minustemperaturen oder Neuschnee Peter aus seiner Bude floh, wenn der Mann dachte, droben wird zwar keiner sein, doch diese Luft wird mir guttun, dann war ein Spaziergänger fast immer da, selbstverständlich Helmut. Sie gingen umher und rauchten und redeten. Wenn sie froren, setzten sie sich in Helmuts BMW. Helmut fuhr zur Tankstelle, kaufte sich eine Dose Jim Beam, dann fuhren sie zurück. Ihre Fußstapfen waren immer noch die einzigen.

Johannes war nicht nach Saudi-Arabien gegangen, sondern er arbeitete in Ägypten, schon seit mehreren Monaten. Das Land sei ein Polizeistaat, berichtete er, als er über Weihnachten Urlaub hatte, allerdings müsse man sich keine Sorgen in sexueller Hinsicht machen.
„Ich sag’s doch, mit den Arabern hab ich die besten Erfahrungen. Die nehmen dich in ihre Familie auf, die stellen dich als Freund aus Deutschland vor. Die Deutschen sind beliebt, weil der Hitler was gegen die Juden unternommen hat.“

Der ewig palavernde, ansonsten wie angestochen den jeweils Jüngsten hinterherjagende Alfred, er war ihnen oft arg auf die Nerven gefallen, erschien im Winter kaum noch. Falls doch einmal, hatte Alfred garantiert wieder seine Ärschle-Heldenstücklein vom Bossa auf der Platte. Helmut behauptete danach, das wäre nur verlogen.

„Ich bin im Bossa oft g’nug. Er kennt ja viele Leut. Aber ich seh dann, wie der hinrennt, die Hand gibt und quasselt. Als Nächstes ist er wieder allein. Wenn er was abkriegt im Bossa, dann in der Dunkelkammer.“

Im Herbst hatte der Mann es zwei Mal noch mit dem Sherlock Holmes getrieben. Zum Glück wusste Helmut davon nichts.

Vieles war gleich geblieben, dennoch veränderten sich manche Dinge auch. Das bekannte Paar Reinhard und Klemens gab es nicht länger. Reinhard hatte den Schwabbel rausgeworfen, sich einen ganz jungen Gehörlosen angelacht, der inzwischen dort auch wohnte, wie vorher Klemens. Helmut sagte immer nur „der Behinderte“. Der behinderte Junge war blond, sah durchschnittlich gut aus, wenn man das Alter bedachte. Er hatte einen schiefen Mund. Er versuchte immer, sich mit kuriosen Lauten zu verständigen, die aber niemand verstehen konnte. Er kriegte das meiste auch nicht mit, weil er oft seine Hörhilfe abgestellt hatte, obwohl Lippenlesen in der Dunkelheit schwierig war.

„Der Tobi hat jetzt seinen Freund“, zog Helmut einen Strich unter eine der Geschichten, als habe der allmächtige Geist es ihm eingegeben.
„Wie soll der Tobi einen Freund haben?“, rief Peter. „Der will nur Junge, aber Junge wollen ihn nicht. Kein Geld, keine Arbeit, keine Wohnung und ungewaschen, wie der rumläuft, ‘ne Schönheit ist er auch nicht.“
„Aber wenn die länger hier gewesen sind und dann auf einmal nie wieder, bedeutet das, sie haben einen. Du wirst das sehen.“

Der Mann dachte an Timo, der eine Zeitlang bei ihm gelebt hatte. Er sagte nichts.

„Von dem Ding, wie hat er g’heißen, du weißt, wen ich mein, hast du von dem was g’hört?“
„Welchen meinst du denn?“
„Der bei dir g’wohnt hat. Der schwarze, der kleine Gangster.“
„Ach so, du spricht von Timo. Dem seine Haare sind nicht schwarz, sondern braun. Von dem hab ich nichts gehört.“

„Nachtrauern scheinst du nicht.“
„Was erwartest du? Wenn was vorbei ist, ist es vorbei.“
„Typisch. Du bist kalt. Schon, wie du mit ihm zusammen warst, hat man den Eindruck g’habt, dass es dir eigentlich egal ist.“
„Hätt ich kleine Herzle in die Bäum schnitzen sollen, damit er nicht so viel an Nutten denkt?“

„Ach, du verstehst nicht. Auf eine Art beneide ich dich sogar. Du bist halt en Einzelgänger, du kommst schon klar. Wahrscheinlich willst du gar nicht mehr. Du hast aufgegeben. Ich mein, wenn ich einen hab, bleibt der ständig bei mir und dann mach ich alles für den.“
„Hast nicht du gesagt, dass ich ihn rausschmeißen soll?“
„Weil das ein Zigeuner war. Kein Vergleich zum Roman! Aber dir hat er doch gefallen, du hast ihn haben wollen. Würd ich zwei Monat mit einem im Nescht liegen und er haut mir ab, das würd mir dann wehtun. Dir hat’s nichts ausgemacht!“

„Weil ich ihn selber rausgeschmissen hab. Es war sinnlos.“
„Eben.“
„Was eben?“
„Komm, wechseln wir das Thema.“

Dann wurde es Frühling.

Alfred kam jetzt wieder fast jeden Abend. Klemens dann auch. Den Holmes ließ Peter vorbeilaufen wie irgendeinen von den Alten. Anderen lief er nach und verfluchte sein schlechtes Sehvermögen bei dem Zwielicht. Alles die Üblichen, die aus ihren Löchern hervorschauten.

„Wem du nachrennst! In letzter Zeit scheinst du’s ja nötig zu haben.“
Dabei hatte auch Helmut es nötig. Das Ventil, Prag und die Jungs, funktionierte nicht mehr. So viele er auch anquatschte, er fand keinen mehr, der ihn dorthin begleitet hätte. Beim letzten Mal war er in Prag überfallen und beraubt worden, jetzt hatte er Angst alleine.

„Du wirst sehen, jetzt geht’s nicht lang und wir sehen den Tobi wieder.“

Das stimmte zwar nicht, aber beim nächsten Mal zog Helmut Klemens immerhin einige Würmer über das Ende der Beziehung mit Reinhard aus der Nase.
„Ach, das mit dem Reinhard war eine astreine Zeit“, schwärmte Klemens. „Das könnt alles noch sein, wenn er nicht auf Leute g’hört hätt, die Scheiß erzählt haben über mich.“
„Was denn?“, fragte Helmut.
Klemens überging die Frage.

„Wir reden schon noch. Mit dem Taubstummen, mit dem er zusammen ist, ist er nicht glücklich. Der Taubstumme macht viel Probleme. Es tut ihm schon leid, dass wir Schluss gemacht haben. Der Taubstumme macht ihm Terror mit seiner Eifersucht. Bei dem darf Reinhard gar nichts. Das ist eben das, wenn sie so jung sind und behindert auch noch.“

„Ja, die Jungen sind anspruchsvoll“, seufzte Helmut. „Was ist aus dem Tobi worden? Hat der einen?“
„Den hab ich ewig nicht gsehn.“
„Die kommen jetzt alle nicht mehr. Früher war’n viel Junge drin. Der Roman, der Taubstumme, der Tobi und der Mike. Mit einem Mal ausgelöscht und es kommt nix mehr.“

„Der Timo hat sein Fett ja weg. Du lieber Herr Gesangverein!“
„Timo, der Schwarze?“
„Der schnauft jetzt g’siebte Luft.“
„Im Knast ist er?“, ging Peter dazwischen.
„Du hast ihn auch gekannt. War er nicht bei dir?“
„Ja“, gab Peter zu.
„Oh, Herr Gesangverein, du kannst von Glück sagen, dass dir nix passiert ist! Der ist unberechenbar.“
„Wieso, was hat er gmacht?“, drängte Helmut.

„Wisst ihr’s nicht? Der Timo und die Reiselfingerin haben einen vertrimmt. Die sitzen jetzt in Stammheim drunten.“
„Welche Reiselfingerin?“, fragte Helmut.
„Heinz. Der, bei dem er g’wohnt hat, bevor er zu mir kam“, erklärte Peter.
„Du lieber Herr Gesangverein, sei du froh, dass du ihn losg’worden bist! Der Timo, das ist ein schlimmer Finger.“

„Was hat er ausgfressen?“
„Die zwei sind zum Bodo und haben den gekidnappt.“
„Wieso denn gekidnappt?“
„Weil sie die Kohle wollten von dem Bodo. Was sonst?“, winselte Klemens.

„In der eigenen Wohnung festgehalten haben sie ihn, mehrfach verschlagen, damit er sagt, wo er das Geld hat. In seinem Blut haben sie den Bodo liegen lassen, in seinem Blut liegen lassen! Jetzt sind sie dran. Erpresserischer Menschenraub mit schwerer Körperverletzung. Unter paar Jahr’n kommst du bei so was nicht weg.“

Klemens lachte entzückt.
„Ja, der Timo, der Timo! Der braucht das mal. Dem sein Kopf hat viel graucht.“
Klemens sprach es „graacht“ aus.
„Dem Heinz hätt ich das nicht zutraut, dass er sich in so Sach reinziehen lässt. Der Heinz ist okay. Der ist dem Kleinen hörig gwesen. Das ist ‘ne arme Sau. Der Timo hat immer schon gwusst, mit wem er’s machen kann.“

Helmut kicherte und stieß Peter am Arm an.
„Stell dir vor, der hätt mit dir auf den Fischzug gehn wolln. Da hätt’st du dir in die Hose gschissn.“
Klemens regte sich auf: „Nein, Helmut! Mit so was macht man keine Späß. Der Peter hat den Timo nicht so gut gekannt, wie ich den kenn. Der wär sonst nicht bei ihm reinkommen. Mensch, du hast Glück g’habt. Der hätt schon lang mal auf Mulschach ghört.“

„Und? Was sagst du?“, fragte Helmut, als Klemens fort war.
„Die Hintergründe müsste man wissen. Weißt du, Bodo, das ist dieser Typ, bei dem der Timo gewohnt hat, bevor er zu der Reiselfingerin gwechselt ist. Bodo hat den Timo, angeblich, so hat er’s g’sagt, wie er noch keine sechzehn war, beim Warten an einer Bushaltestelle aufgegabelt.“

„Vielleicht hat er sich revanchieren wollen, dass er ihn schwul gmacht hat. Das war klar, dass das ein Verbrecher ist. Du hast ihn aber haben wollen. So Junge willst du immer, aber nach Prag willst du nicht. Nach Freindersheim auch nicht. Komm am Samstag mal wieder mit! Das ist jetzt alles viel größer worden. Solche wie der Roman, viele von denen, von dieser Art in etwa. Ganz super!“

„Timo hätt mir so was nicht angetan.“
„Ach, du hast Glück ghabt.“
„Wie er das Wochenende verschwunden war, hat ein Messer auf’em Tisch g’legen.“
„Davon hast du noch nie was gsagt.“

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