Lebenskünstler U: Aufgehende Lichter

von Klaus Mattes
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Ralfs Karriere war nie in Gang gekommen, zuletzt hatte er seine Arbeit verloren. Als seine Mutter ihren fünfundsechzigsten Geburtstag feierte, war der unverheiratete und nunmehr arbeitslose Ralf das einzige von ihren Kindern gewesen, das sie zum Essen ausführen konnte. Als sein Vater einen Monat später ebenfalls einen runden Geburtstag hatte, schickte sie ihm einen Umschlag mit einem Fünfzigmarkschein darin. Die Logik seiner Mutter kam ihm etwas schleierhaft vor, aber das Geld war wie stets willkommen.

Zufällig war er für den Abend jenes Samstags, an dem er in seinem Briefkasten diese Finanzspritze gefunden hatte, für eine Nacht im Blue Bossa mit Knut verabredet. Knut wohnte seit fast einem Jahr schon im aparten Universitätsstädtchen Dammstadt, von der wesentlich größeren, potthässlichen Industriestadt Freindersheim nur ein paar Kilometer entfernt. Das weltberühmte Blue Bossa war in Freindersheim. Sie hatten vereinbart, dass Ralf mit dem Zug kommen würde. Schon die einfache Hinfahrt hätte mehr gekostet, als er von allen Konten hätte zusammenkratzen können. Das Geschenk seiner Mutter hatte ihn gerettet.

Im Blue Bossa war er bis vor wenigen Jahren oft gewesen, nahezu jeden zweiten Samstag. Dann seltener und seit zwei Jahren kein einziges Mal. Auch an diesem Abend wäre er daheim geblieben, zumal er kein Auto besaß. Aber Knut hatte gemeint, jetzt, da er umgezogen sei, eine neue Wohnung habe, leider nur spärliche Kontakte im unwirklichen Dammstadt, könnte Ralf, sein Bekannter aus der Szene, ihn mal besuchen kommen. Gleich hatte er seine Einladung mit der Versicherung verbunden, natürlich würden sie nicht den ganzen Abend in seiner Bude hocken, sondern rüber ins Blue Bossa gehen.

Ralf überschlug die finanziellen Belastungen. Wenn er sich nicht irrte, würde Mutters Fünfzigmarkschein ihn bis Dammstadt und anderntags auch wieder zurück bis Reuenthal tragen. Versehen mit seiner BahnCard könnte er den Fahrschein zum halben Preis kaufen, neun Mark vierzig, einfache Tour, wären das. Fünf Mark gingen vor der Abfahrt für eine 20-er-Packung Marlboro Lights drauf.

Knut wartete auf ihn im Hauptbahnhof Dammstadt. Kurz ging es in Knuts Wohnung hinauf, ein sonnabgewandtes Kabuff, welches Knut augenscheinlich für Schlaf und Fernsehen benutzte. Außer Bett, Tisch, zwei Stühlen, einem Schrank war der einzig auffällige Gegenstand ein Televisor. Stehend, rauchend, hastige Schlucke vom starken Kaffeegebräu nehmend, fieberte Knut der Ausspielung der Lottozahlen entgegen. Knut gewann nichts, also konnten sie düsen.

Während sie Freindersheim, wo das Blue Bossa sich in einer stillgelegten Weberei eingenistet hatte, zurollten, erklärte Knut, der Ablaufplan habe einer kleinen Änderung bedurft. Da er zum Sonntagsdienst eingeteilt worden wäre, was ihm gar nicht unlieb sei, verdiene er sonn- und feiertags doch mehr, müsse er mitten in der Nacht weg, direkt vom Blue Bossa an die entlegene Arbeitsstelle. Er könne Ralf nicht bis Dammstadt zurückbringen, folglich könne Ralf sich in Knuts Klause leider nicht hinhauen und ausschlafen. Aber ein Problem sei das nun nicht. Im Blue Bossa komme Ralf ohne Anstandswauwau gut zurecht und könnte einen der zweifellos zahlreich erscheinenden Reuenthaler gegen Morgen als Chauffeur anheuern, was die Bahnfahrt und also Kosten ersparen werde.

„Oder, fällt mir gerade ein“, Knut klang derart fidel, dass Ralf zusammenzuckte, „du kommst mit nach Kaiserslautern. Ich nehm dich mit auf Streife und nachher bringe ich dich zurück bis Dammstadt.“ „Nachher“ würde am morgigen Abend sein. Ralf sah sich schlaftrunken aus Knuts Wagen wanken und versicherte eilig, die erste Variante sei ihm genehmer. Weiter widmete er sich dem Verzehr der fünf Mark Marlboro.

Genau besehen, war es besser, wenn er Knut nicht die Nacht durch in seiner Nähe hatte. Nicht, dass sie, obwohl sie einen vergleichbaren Männer- oder besser Jünglingsgeschmack pflegten, sich jemals ins Gehege gekommen wären. Knut hatte aber eine lästige Angewohnheit, immer und überall als Chef aufzustampfen. Mit Knut auf Achse blieb man zweite Garnitur. Knut war ein Proletarier, Ralf hatte studiert, zwar mit fatalem Ausgang, jedoch immerhin. Obwohl auch dies zu Differenzen zwischen ihnen noch nie Anlass gegeben hatte, blieb die Tatsache, dass sie verschieden waren, dass Knut oft genug ein öder Schwätzer sein konnte, mit steigendem Alkoholpegel derb und derber, am Ende meist unausstehlich wurde. In solchen Nächten schämte Ralf sich dieses Freundes. Er hätte gerne ein Schild hochgehalten: „Ich gehör‘ nicht dazu. Sieht nur so aus“.

Bedenken, Knuts Dabeisein könnte nachteilige Auswirkungen auf die Eroberung schnuckeliger Buben haben, hatte Ralf keine mehr. Seine Hintergedanken waren weg. Gut, vor zwei Jahren, als Knuts Kumpel Mike die Frage auf ihn abgeschossen hatte, „Du hast also Hintergedanken, wenn du hierhin kommst?“, als Ralf geschildert hatte, wie er etliche Jahre das Blue Bossa besucht, kein einziges Mal einen kennen gelernt hätte, damals, vor zwei Jahren, hatte ihn das getroffen. Hintergedanken hatte Ralf seinerzeit tatsächlich gehabt. Er hatte spekuliert auf Wohlgefallen bei einem reizenden Mann aus einer fremden Stadt, dem er sonst nirgendwo hätte begegnen können als hier im Blue Bossa. Hatten nicht alle solche Gedanken? Und erlebten nicht Samstag für Samstag Dutzende von Boys seiner Bauart eine Erfüllung ihrer jeweiligen Wünsche, während ausgerechnet er, Ralf, dem es sein ärgster Feind ab und an mal gegönnt haben mochte, so was nie erlebt hatte. Damals Mike, der tat, als verbiete der Gedanke sich, als sei dem Leerausgehen anheimgegeben, wer ihn fasse.

Den Terminus Abschleppquote, ein Begriff, den er Knut gegenüber laut nie ausgesprochen hätte, hatte Ralf dergestalt definiert, damit sei die Zahl von Personen männlichen Geschlechts gemeint, die er in Lokalen und an anderen Orten, die im Ruche standen, der Anbahnung gleichgeschlechtlicher zwischenmenschlicher Beziehungen dienlich zu sein, kennen lernte, ob willkürlich, berechnend, vollkommen zufällig oder gegen seinen eigenen Willen, woraufhin mit solcher Bekanntschaft erotisch gefärbte Verwicklungen und Höhepunkte einhergehen könnten, die, der Einfachheit halber, mit dem Ablegen von Kleidungsstücken und durch erotische Manipulationen hier provisorisch charakterisiert werden sollen, ungeachtet des Zeitpunktes, wann dergleichen je einträte, ob nach erfolgtem Kennenlernen sogleich oder ... Aber, Kennenlernen, was hieß denn das überhaupt?

Heute, in der Nacht, würde er sich mit der Abschleppquote nicht mehr plagen. Das Endergebnis hatte er im Geiste bereits vorweggenommen, wusste genau, keinem würde er das Auge zuwerfen. Ralf zerschlug innerlich kühn die Illusion, die sehnenden Blicke solcher Schönen könnten ihm jemals gelten. Kalten Herzens würde er dem Bossa-Trubel beiwohnen, trinken, die Marlboros rauchen, plauschen mit Knut, nachher ausschlafen, wenn Knut arbeitete.

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