Lebenskünstler R: Mehrere günstige Gelegenheiten - Page 2

von Klaus Mattes
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fürs Busfahren reicht’s nicht. Kannst nicht sagen, dass der schlecht aussieht. Ralf, guck ihn an! So Hungerhaken, so Schwarze, täusch ich mich, ist doch ein Fall für dich. Guck nur, das Gsichtle, die Härle, die tun, als wär’s ein richtiger Bart. Hat ja was, gell? Der sieht viel jünger aus wie er ist.“

An und für sich sei sechsundzwanzig hart an der Grenze, vor allem für einen, der sich so schön findet, dass man zahlen muss.

„Aber du hast’s oft nicht streng genommen, Ralf. Guck, der Thomas weiß selber, wie das ist. Wenn man kein Geld hat und Rechnungen ins Haus stehen. Mit dem kann man doch handeln, der Preis ist noch zum drüber Schwätzen. Bei deiner Situation, Ralf, da kommt er dir entgegen. Dir macht er’s für dreißig. Das stimmt doch? Ich seh‘s richtig, Thomas? Schüler, Studenten, Sozialhilfe, die alle für die Hälfte.“

Die ganze Zeit sagen Thomas und ich kein Wort. Knut handelt einen Preis aus, damit ich schlafen kann mit Thomas, und er schlafen kann bei mir.

Als Knut mal eine Pause macht, frage ich: „Du, sag, wo kommst du her? Du bist nicht von Unterschüpfheim. Du klingst anders wie die Gegend.“
Er sei von ganz unten, von der Schweizer Grenze, sagt Thomas.
„Hab ich gemerkt. Schweizer Grenze, da bin ich ja auch her. Hat man selten hier.“

Thomas ist von Haagen, ob ich Haagen kenne, bei Lörrach sei das. Klar, kenne ich das. Nicht bei Lörrach ist es, es gehört doch dazu, ist ein Stadtteil von Lörrach.
„Die Gegend kenn ich wie meine Westentasche. Bin da aufgewachsen. Weil am Rhein, Friedlingen, Dreiländereck.“
„Jetzt seid ihr zwei auch noch Landsmänner!“, blökt Knut. „Das wird ja was mit euch. Jetzt sag ihm endlich, dass dreißig voll okay sind! Beim Ralf kannst du dich mal ausschlafen. Essen hat er. Macht dir einen Hühnerschlegel heiß.“

Thomas hopst von der Bank.
„Vierzig also. Dann ab, geh’n wir!“
Stumm bleibe ich hocken. Aber plötzlich weiß ich, was ich bislang nicht wusste, dass ich mit diesem Thomas Sex haben möchte, dass es was kosten darf. Vierzig ist okay. Dreißig wäre gemein. Auch wenn ich den Buben wohl kaum bumsen werde. Knut würde das auch nicht machen, kommt mir vor.

Knut allerdings würde ihn bekommen und zwar für dreißig.

„Boah, du raubst den aus, den Ralf! Mensch, hast es nicht kapiert, Ralf ist am Knapsen! Mehr wie dreißig ist da nicht drin. Normal zahlt er nix. Kann ich dir beeiden. Den freut’s ja auch schon, wenn er mit Hässlichen kann. Hat er seinen Spaß. Da raucht der Schlot. Der kriegt bestimmt mehr Abgänge wie du kleine Frühjahrszwiebel.“

Ich stehe auf, stelle mich neben Thomas, sage: „Knut, merkst du nicht, dass nur du das bist? Die ganze Zeit bist du am Verkuppeln, Leute, die nicht wollen. Ich bin eben nicht sein Typ, der will nicht mit mir. Zumindest nicht für dreißig Mark und mehr kann ich nicht geben. Ich finde, das war ‘ne Zeit lustig, aber jetzt reicht’s. Jetzt gehen wir brav heim. Da passiert hier sowieso nichts mehr. Du springst ausnahmsweise über deinen Schatten und lieferst den Thomas daheim ab. Die fünf Kilometer zusätzlich! Hast gehört, der muss schaffen, der kann nicht ausschlafen. Du selber bist über deiner Zeit.“

Knut greift sich den Arm von Thomas.
„Stopp mal! Du würdest mitgehen. Du lässt mit dir handeln. Also, dann machen wir einen Knopf dran. Ich nehm dich nicht mit. Auf keinen Fall. Schmink dir‘s ab! Ich entscheide, wen ich in mein Auto lass. Und wenn’s schneien und stürmen tät wie Harry. Dich würd ich hier hocken lassen. Strich du weiter, bis der mit seinem Hunderter antanzt. Musst dran glauben, dann werden alle Wünsche wahr. Ralf hier, das ist ein netter Kerl, bist den Dreck nicht wert unter dem seinen Fingernägeln. Ralf sagt: Ich nehm ihn, bei mir kann er pennen. Ist nicht weit. Da ist es warm. Er hat ein großes, bequemes Bett. Er gibt dir was zu essen und hinterher noch Frühstück. Er gibt fünfundzwanzig Mark. Nur dafür, dass du ihn das Ding reinschieben lässt, was du doch sowieso willst. Hältst du uns für blöd? Entweder du sagst auf der Stelle, dass es läuft, fünfundzwanzig und alles, oder wir zwei sind weg und du der Einzige, der wo da ist. Weil, den Ralf bring ich ja heim. Nur dich nicht, du Schmarotzer! Ich will ein einziges Wort hören: Ja oder ja?“

„Fünfunddreißig! Ich geh bis fünfunddreißig! Du weißt genau, dass ich nie weiter wie sechzig geh’n wollte. Vorhin hast du dreißig gesagt, nicht fünfundzwanzig!“
„Wenn du vorhin ja gesagt hättest, dann hättest du dreißig gekriegt. Aber nein, der Herr ziert sich, der Herr ist Adonis. Momentan, lieber Schieber, stehn die Aktien noch auf fünfundzwanzig, in fünf Sekunden sind sie bei null.“

„Okay, Knut“, gehe ich dazwischen. „Er sagt fünfunddreißig und ich sag, fünfunddreißig sind reell. Damit ist es erledigt. Thomas, wir müssen ein Stück laufen, ist nicht weit. Tschau Knut, man sieht sich.“
„Tschüss, ihr Helden! Ich wünsch euch was. Morgen sagst du mir, ob er das Geld wert war.“

Ich gebe Thomas zu trinken und lasse ihn vom Wurstsalat essen. Ich schaue ihm zu. Er ist hübsch. Die bis auf die Schulter fallenden Haare mit dem Mittelscheitel gehen ihm gut. Seine Augen sind ebenfalls mehr oder weniger schwarz. Dass er klapperdürr ist, stört mich nicht, im Gegenteil, das macht mich an.

Plötzlich, wir sitzen noch in der Küche, habe ich das Bild von meinem Schreibtisch vor Augen und dem Geldbeutel, der dort liegt wie auf dem Präsentierteller. Geld nehme ich in den Park nicht mit, ich bin oft genug beklaut worden. Andererseits nehme ich aus dem Park so gut wie nie einen mit nach Haus. Also ist nichts dabei, wenn ich den Geldbeutel liegen habe. Den kriege ich aber jetzt nicht weg, denke ich. Es sei denn, er geht aufs Klo. Wie auf einem Foto sehe ich, was im Geldbeutel ist. Ein neuer Fünfzigmarkschein, den ich am Nachmittag vom Automaten geholt habe, dazu ein Nichts an Münzgeld. Der Fünfziger wird also bei ihm landen, um Rausgeld bitten wäre Blödsinn. Aber das brauche ich, bevor was gelaufen ist, ihm nicht auf die Nase binden.

Ich frage die Leute

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