Reuenthal q - Heinz, der Geschiedene aus Reiselfingen

von Klaus Mattes
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Das Telefon klingelte. Wenigstens ruft er dieses Mal an, dachte der Mann.
Am Telefon dann Stille.
„Hallo? Hallo?“
Kein Laut.

Vielleicht eine Störung. Er legte auf.

Der Junge hatte geduscht und war gegangen. Dieses Mal hatte er nur seine eigenen Kleider am Leib gehabt. Die Hose hatte der Mann gekocht. In der Tube war etwas Jacutin noch drin. Timo war eingeschüchtert gewesen, als der Mann erwähnt hatte, ein Bekannter habe gesagt, Jacutin stehe im Verdacht, Krebs zu bewirken. So ähnlich wie Rauchen, dachte der Mann.

„Die Mist-Viecher sind krepiert, guck!“
Unter der Achsel, auch unten rum waren Läuse und die Nissen wie nie dagewesen. Er seinerseits traute solchem Frieden nicht ganz. Andere Leute in ihren anderen Leben konnten ihrem Frieden trauen, er lebte mit seinem eigenen.

Am Abend war er unglücklich. Vor diesem Jungen waren ihm die Tage noch jedes Mal weggerutscht, immer war am Ende nicht genug getan. Jetzt hatte er auf einmal keine Idee mehr, was er mit all der Zeit noch anfangen sollte.

Das Messer lag hier noch irgendwo oder er hatte es eingesteckt und mitgenommen.
„Für was brauchst du ein Messer?“
„Damit ich mich verteidigen kann.“

„Findest du auch, ich seh gefährlich aus?“
„Was heißt gefährlich?“
„Ich weiß nicht. Ich hab nie Glück mit Frauen. Für die bin ich gleich ein Schläger. Viele halten mich auch für einen Türk oder so was.“
„Na ja, dunkle Augen, sie sind auch ein wenig geschlitzt.“
„Und? Sieht es brutal aus für dich?“

„Brutal nicht. Aber du strahlst gern so was Gelad’nes aus. Manchmal, wie wenn du sofort zuschlägst, wenn man dich nur anschaut.“
„Manchmal hab ich halt schlechte Laune. Und meine Scheiß-Zähn tun die ganze Zeit sakrisch weh.“

„Frauen sind im Allgemeinen nicht so scharf drauf, wenn einer herkommt und sie anmacht, hey, Alte, willsch du g’fickt werden?“
Der Junge lachte grell und machte es ihm sofort nach: „Eh Alte, soll ich dich ficken?“
Hatte der Mann ihm jemals etwas beigebracht? War es nicht eher so, dass er sich an dieses Affenniveau angebiedert hatte, weil man sich dort verständigen konnte?

„Hey, Alte, jetzt kriegst du’s, ich will ficken“, trompete er im breitbeinigen Kunstbass.
Ach, war das lustig.

Und er vermisste ihn. Kino, seine Bücher lesen, noch einen ewig langen Brief schreiben, Musik hören, sauber machen, rausgehen auf einen Gang, es interessierte ihn nicht wirklich. Besser der Junge war hier und am Nerven. Reinkommen, alles von sich schmeißen - bis auf die Unterhose, in den Sessel fallen, das Zetern anfangen, alle verarschten ihn. Er würde ihm den Hals küssen und das satanische Kreuz streicheln. Er hatte mittlerweile den Verdacht, dass der Junge ihn in sein Leben als Mama aufgenommen hatte. Aber, zum Teufel!

Noch einmal schrillte das Telefon.
Und auch jetzt wieder kein einziges Wort. Er hörte genau hin. Nicht mal der Atem war auszumachen.

Fünf Minuten danach dasselbe exakt noch mal.

Es konnte mit Timo zu tun haben, von dem er nicht wusste, wo er abgeblieben war. Aber wahrscheinlich bildete man sich das ein, wenn man wartete. Der Junge war auf jeden Fall für die ganze Nacht außer Haus; so spät tanzte der nicht mehr an.

Kurz nach zwei Uhr in der Nacht klingelte es wieder und das war sein unbekannter Anrufer. Er legte auf und drückte ein Kissen auf den Apparat.

Er schlief hervorragend.
Am nächsten Tag fühlte er sich eigenartig befreit und selbstsicher. Aber ja, wenn das eine Weile so weiterging, wenn der Junge schon wieder wegblieb, ohne sich zu melden, war im Gegenzug er auch nicht mehr verpflichtet, ihn anschließend überhaupt noch herauf zu lassen. Er hatte ja schon länger nach einer Gelegenheit, Schluss zu machen, Ausschau gehalten. Dass das hier niemals was werden würde, wusste man zur Genüge.

Am Nachmittag fing der Typ am Telefon wieder an. Es konnte der Junge nicht sein. Das ergab keinerlei Sinn, wieso der abtauchen, dann anrufen sollte, ohne einen Pieps von sich zu geben.

Peter hatte so eine Ahnung, an diesem Tag würden ziemlich unangenehme Vorfälle noch eintreten. Seitdem er innerlich mit dem Jungen gebrochen, beschlossen hatte, ihn in der Nacht vor der Tür stehen zu lassen, war programmiert, er kannte die Ablaufgesetze seiner Existenz, dass das so easy überhaupt nicht klappen würde.

Das Telefon meldete sich noch mehrfach; er jedoch meldete sich nicht mehr. Und so verlief auch dieser Tag ruhig bis um Mitternacht.

Den zweiten Tag hatte er recht gut gemeistert. Nissen fanden sich keine mehr. Die Küche blitzte frisch geputzt. (Na ja, blitzte.) Er hatte ganz viel in einem herrlichen Roman gelesen, „Fegefeuer der Eitelkeiten“ von Tom Wolfe, eine Buchclubausgabe.

Das Telefon sirrte gedämpft, ab und an, unter dem Kopfkissenberg, den er errichtet hatte. Abends trat große Stille ein. Timo war nun wohl fällig.

Seitens des Telefonterroristen weiterhin Ruhe. Es musste was Interessantes im Fernsehen sein, Fußball wahrscheinlich.

Es klingelte sogar überhaupt nicht mehr, Stunden um Stunden. Dann, kurz vor ein Uhr nachts auf einmal. Mittlerweile war er neugierig. Er hob ab, sagen tat er schon länger nichts mehr. Der andere allerdings auch nicht, aber der legte dann auch nicht auf, immer war es Peter, der zuerst aufgab.

Jetzt, eine Sekunde konnte er es nicht fassen, griente einer wie durchs schmierige Taschentuch:
„Sie wissen aber schon, dass Sie das dümmste Arschloch sind, was hier rumläuft.“
Und weg war der Typ. Dieses Mal hatte er aufgelegt.

Die Stimme war verstellt gewesen, kam durch ein Tuch oder dergleichen. Peinlicherweise, obwohl das Talent dazu im fehlte, versuchte der Lästige einen sächsischen Dialektsprecher darzustellen. Wie bodenlos lächerlich das alles war. Es war natürlich Heinz aus Reiselfingen, todsicher niemand sonst als der.

Im Reuenthaler Park hatte er vor ungefähr drei Jahren diesen Mann aus Reiselfingen häufiger getroffen. Damals im Sommer hatte es eine Reihe von Wochen gegeben, in denen Peter im Park schon eingelaufen war, wenn es noch nicht einmal dämmerig wurde. Rauchend hatte er von der Bank aus zugesehen, wie, mit schöner Gleichmäßigkeit von Tag zu Tag, ausländische Familien mit Kleinkindern, ältere Ehepaare mit Hund, einige Teenies mit ihren Rädern oder Skateboards sich in säuberlich getrennter Reihenfolge ablösten, um am Ende komplett gegen die Stammbelegschaft aus anfangs sehr nebensächlich auftretenden älteren Männern ausgetauscht zu werden.

Wenn sie einen beim Reinkommen von Ferne her sitzen sahen, hetzten sie herbei, gingen aber ohne direkten Blick vorbei, kein einziger grüßte ihn, kurz darauf kamen sie wieder, anschließend noch einmal. Leider ging es ab da noch mal ein halbe Stunde, bis der erste Bekannte auftauchte, mit dem man sprechen konnte. Unvermeidlich zwar Helmut, aber ja auch Johannes, Klemens, Alfred und schon noch eine Reihe weiterer, die hier aus Gründen der Lesbarkeit ausgespart bleiben.

Besagten Heinz aus Reiselfingen, eine spindeldürr und grau ragende Vogelscheuche, gut fünfzig, Schnäuzer, Metallbrillengestell, hatte er vorher wohl schon paar Mal gesichtet. Sie hatten aber nie ein Wort gewechselt, kannten wohl noch nicht mal die jeweiligen Vornamen. Gemacht hatte er mit jenem körperbetonten Sporthosenträger selbstverständlich auch nie was, dessen Tuntigkeit war doch eher unschön und er wollte ja auch nie was, war ganz unverkennbar auf die reizende Jugend ausgerichtet. Wie ja sowieso alle.

Er setzte sich mit einem Mal zu ihm, noch bei Tageslicht, und sagte kein einziges Wort, sah weiter vorbei an ihm, zückte dann eine Packung Kurmark, lud ihn auf eine gemeinsame Zigarette ein. Ein fetter Ring mit schwarzem Stein war an seiner Hand. Den Verhaltenskodex beherrschte Heinz aus dem eff-eff, er leitete die Unterhaltung folglich ein mit:
„Nicht viel los heut, gell?“

Es ging eine Weile mit den weiteren Pflichtbrocken jeder Parkunterhaltung hin und her: „Ha, früher war hier mehr, aber heut“, „die Polizei ist neulich auch wieder durch und hat geleuchtet, hast du was g’hört, ist was passiert?“, „doch da war auch schon ein bildhübscher Ausländer, so siebzehn zirka, mit der Freundin, und weil sie einen Dritten gesucht haben, hab ich“. Doch mit einem Mal hatte es Heinz aus der Kurve getragen und er steckte inmitten einer Klage über sein scheußlich zerstörtes Leben.

Nämlich war er bis vor gar nicht langer Zeit noch verheiratet gewesen. Er hatte eine Tätigkeit beim allergrößten Werk, das es in der Gegend gab, und eine Eigentumswohnung in einem Reiselfinger Block gehabt. Er war ja ein anständiger Bürger, der niemals anecken wollte. Irgendwie hatte in der Nachbarschaft aber jemand mitbekommen, dass er sich gelegentlich homosexuell verlustierte. Die Leute sind dann hundsgemein, bautz hatten sie ihm ihren Müll auf den Türvorleger geleert, ölige Reste von Sardinen und die Dose dabei, so war es gewesen. Wegen der Scheidung war er psychisch aber länger angeknackst, Depressionen halt, auch Suizidversuche, weswegen man ihn in Mulschach eine Zeit angebunden gehabt hätte, also, versteht sich, so pharmakologisch.

Peter nickte von Zeit zu Zeit und sagte ein „ja“, „nein“, „ach was“ oder „genau“. Innerlich lief ihm der ständige Leberwurst-Beleidigungston dieses Manns zuwider. Ach, so waren die Parkgespräche in Reuenthal. Es war mit Helmut, Johannes, Klemens oder dem Alfred nicht anders, bloß, dass man jene nicht loswerden konnte, wie den da, früher oder später.

Schon bei dieser allerersten Gelegenheit oder einer der darauf noch folgenden hatte der Reiselfinger Graufuchs die Unverfroren- und Unverschämtheit besessen, ihm, während er, sozusagen, am Schluchzen über sein Schicksal war, die Hand in den Schritt zu legen und forschend zuzudrücken. Sachte hatte der Mann den Arm genommen und ihn weggelegt. Heinz laberte noch einige Minuten.

War es nicht sogar schon in jenem Sommer gewesen, dass Heinz von der Bildfläche dann für alle Zeiten verschwunden war, sodass Peter, als ihm Timo vom Alten in Reiselfingen, der ihn jetzt zwei volle Jahren sozusagen ausgehalten hatte, berichtete, zuerst nicht verstanden hatte, dass er diesen Heinz, den Reiselfinger, selber ja auch schon kannte, diese Type nämlich mal hatte abfahren lassen.

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