Lebenskünstler D: Der Junge am Tor

Bild von Klaus Mattes
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Am Tor steht ein Junge. Der merkt doch, dass einer drin ist und guckt wegen ihm. Aber er geht nicht rein zwischen die Bäume. Manchmal geht er ein Stück um die Ecke und raus auf die Fahrbahn irgendwo. Es fährt kein einziger Wagen hier durch. Dann kommt er wieder um den Pfosten, aber nur die zwei Meter, wo Licht scheint. Dort schaut er den Weg lang, wo ich stehe.

Ich gehe vor, am Jungen vorbei, tu so, als würde mich interessieren, was auf der Straße gerade nicht los ist. Na ja, nichts ist los. Ich gehe wieder rein, muss ich am Jungen vorbei, den man im Licht mustern kann. Aber weiter, wieder ins Dunkel. Von dem Licht und vom Tor und der Straße muss ich ihn wegkriegen. Miteinander was anfangen kann man dort sowieso nicht, aber kommen kann einer, der das Spiel unterbricht.

Ein Fremder. Sechzehn, höchstens siebzehn, einen Kopf kleiner wie ich. Er hat schmutzig blondes Haar, trägt eine Jeansjacke und mächtige, nagelneue Trecking-Schuhe. Spät ist es nicht. Könnte auch ein normaler Schüler sein, der was austesten will. Einer, der nicht weit weg wohnt. Lang schon weiß, dass nachts im Friedhof die Schwulen geistern. Der ist oft schon vorbei am Tor, hat oft versucht, was mitzukriegen. Vielleicht war er bei den Kumpels und hat jetzt kaum noch Zeit, kurz nach zehn ist er üblicherweise zu Haus. Für so einen Sechzehnjährigen bin ich der alte Knacker, weiß ich. Aber wenn er tatsächlich was sucht für heute noch, bin ich die Auswahl, die er hat.

Der Junge mit den großen Schuhen geht paar Schritte. Natürlich nicht auf mich zu. Innen an der Mauer lang, auf dem Weg, der, vielleicht weiß er mehr, als ich dachte, zu einem der Plätze hinter den Büschen bei der Mauer führt. Muss ich wohl vor und um die Ecke und dahinter sein, sonst kann er abhauen.

„Hallo“, sage ich. Denn er steht gleich nach der ersten Ecke.
„Hallo“, sagt der Sechzehnjährige.
Ich sage nichts, er sagt: „Wartest du auf jemand?“
„Och, na ja. Kein Bestimmter eigentlich. Du denn?“

Pause. Er fühlt sich nicht gut. Er ist unsicher, sieht man. Jetzt wissen wir, dass er nicht zu strichen probiert. Sonst hätte er die Uhrzeit erfragt oder mich um Feuer gebeten, eine Zigarette.
Unvermittelt, immer haben sie es eilig: „Willst du was machen?“
Denke ich mir so, wir sagen beide aber weiter gar nichts. Wir sehen rüber zum Tor. Wir sind sicher, dass jeden Moment einer kommen wird. Kommt aber keiner.

„Willst du was machen?“, sagt der Junge.
Aha, denke ich und sage: „Kommt so drauf an. Du brauchst wohl Geld, was?“
„Aber nicht viel“, sagt der Junge.
„Tja, Pech! Geld nehme ich überhaupt nie mit, wenn ich in diesen Park gehe. Ist ein Prinzip.“
„Aber im Auto. Oder bei dir in der Wohnung.“

Was so ein fataler Satz ist. Man möchte sie mitnehmen, dort kann keiner glotzen und sich frech dazwischen drängen, aber sobald sie es vorschlagen, hat man dieses Gefühl, sie wollen einen von allen Menschen isolieren und ausrauben.

„Ich bin arbeitslos. Ich muss mit wenig zurechtkommen. Ich zahl grundsätzlich nie. Das wird heut nichts. Am besten suchst dir einen Reichen. Sieht momentan aber nicht danach aus.“

Er guckt so und ich bin mir fast sicher, dass das kein Stricher ist. Der will ja. Und sogar mit Alten. Bloß soll es, grade bei so Alten, nachher nur wegen dem Geld gewesen sein.

Ich lasse ihn stehen. Ich gehe rein ins Dunkle. Nur bis zur ersten Kreuzung. Der soll wissen, dass ich da immer bin.
Von mir kriegt so einer alles, außer mein Geld.

Er macht seine Schritte, hier hin und dort hin, nie weiter wie drei Meter vom Licht. Kann also dauern. Kann auch nichts werden. Kann immer noch was werden. Seine Auswahl bin doch ich.

Ich hänge ihn ab, ich mache meine Runde, die ganz große Außenrunde. Das dauert. Als ich rum komme, steht der Junge beim Tor. Er ist im Licht und er ist sechzehn und er ist ziemlich klein. Seine Schuhe sind neu und das Haar ist nicht gut gepflegt und er giert irgendwie ins Dunkle.

Ich gehe hin.
„Noch da?“
„Hast du echt kein Geld bei dir?“
Klingt eine Spur besser.
„Heut hab ich zufällig sogar mal was mit. Aber ganz wenig. Sind nur zehn Mark noch. Bloß der eine Schein. Das wird dir zu wenig sein. Oder bist du jetzt einverstanden.“

Ich finde, dass Stricher uns Schwule entwürdigen, also entwürdige ich sie zurück.
„Zehn Mark bloß? Das soll alles ein?“
Es arbeitet.
„Durchsuch mich halt!“

Er sieht mich genau an und macht nichts.
Ich habe es gewusst, denke ich.
Jetzt kommt gleich: Okay, können wir wo hin?
„Zehn Mark sind doch echt viel zu wenig“, sagt der Junge und er klingt, als wäre er sich dessen nicht sicher.

„Genau. Zehn Mark sind verdammt wenig,“ sage ich, „wenn man es aber so sieht, dass sonst keiner da ist und ich an jedem andern Tag rein gar nichts dabei gehabt hätte, ist es wie dein Glückstag.“

Und dann gehe ich noch mal rein. Bis zur ersten Kreuzung. Rumstehen kann ich dort auch.

Und er traut sich einfach nichts. Vom hellen Loch in der Mauer kommt er nicht weg. Also stehe ich fünf Minuten danach wieder vorn. Nicht so dicht dieses Mal. Den Abstand halten und weggucken, als würde man wissen, dass einer noch kommt, aber keiner für ihn.

„Hallo du!“, ruft der Sechzehnjährige.
„Was?“
Er kommt auf mich zu und er hält eine Pistole. Diese Pistole ist schwarz und er hat sie mit beiden Händen gefasst. Diese Pistole ist auf meine Brust gerichtet.

„Her den Zehner!“
Ich lache.
„Hör doch! So dumm bist du nicht, dass du einen Menschen für bloß zehn Mark erschießt.“

Das hört hier niemals auf. Die verderben es ständig. Es darf nie was werden. Sie verderben alles und sich selbst doch auch. Ist ja klar, dann muss ich weg von dem und ich muss weg von dem Ort. Ich fange an zu laufen, Fuß vor Fuß. Die Pistole sehe ich nicht an, ihn auch nicht. Ich laufe ins Licht. Ich gehe auf der Straße. Ich gehe die parkenden Autos entlang und dann kann ich um die Ecke biegen und es ist mir nichts passiert.

Ich bin am Leben. Wahrscheinlich eine Attrappe, denke ich, aber eigentlich erst da, wo ich wieder denken kann. Ich mache die kleinsten Schritte und trippele ewig um den gesamten Park. Und komme dann noch mal wieder. Diesen Park lasse ich mir nicht wegnehmen von einem Sechzehnjährigen, der nur ein einziges Mal hier ist.

Den Jungen muss ich abschreiben, der ist über alle Berge. Sozusagen als Belohnung könnte was anderes sein. Das Tor. Der Platz im Licht ist leer. Die Kreuzung ist auch leer. Der ganze, blöde Park ist leer. Nie mehr siehst du den wieder, denke ich. Und wie immer, wenn ich denke, hier im Park, behalte ich am Ende Recht.

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