Hock bei der Startrampe R - Das Schiff mit acht Segeln

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Und sie wissen längst, wer ich bin. Sie wissen es genau. Und sie sagen: „Was soll all das Getös?“

Eine Konferenz hat stattgefunden, mit welcher Frau Henkenhaf, Herr Leiser und deren Chef, Herr Nöckel, sich ins Benehmen zu setzen versucht haben, wie sie verfahren, wenn ein Teilnehmer die Füße unter den Tisch streckt, aber nein, im Stühlekreis der Frau Henkenhaf zeigt man sie offen, die Füße, - und nachher im Internet ihre helfende Arbeit kritisiert und glatt ins Böse zerrt.

Sollte man Herrn Bross vor die Tür setzen wie jenen taktlosen Mittfünfziger im Leiser-Kurs von vor fünf Jahren, der eine ehemalige Drogendirne beschimpft hatte, sie wäre eine „Fotze“? Sollte man Bross von der Liste nehmen wie einen anderen Teilnehmer besagter Leiser-Maßnahme, einen jungen Türken mit toller Haartolle und einem sportiven Handy, welcher, nachdem er was von „Mitleid für diese Leute“ geraunt hatte, von Herrn Leiser darüber belehrt worden war, er selbst wäre ein „Loser“, deswegen aus dem Raum gestürmt, die Milchglastür zugepfeffert und beim alsbaldigen Abholen seiner Habseligkeiten getönt hatte, über die Startrampe werde er Beschwerde beim Jobcenter einlegen. (Herr Leiser hatte gelächelt und gesagt, er könne jetzt schon sagen, wie die Sache ausgehen werde. Gesagt hatte er es aber nicht. Sie ging so aus, dass der Türke nie mehr gesehen wurde, Herr Leiser und die Startrampe blieben, wie sie waren.) Würde es dem Durchstecher Bross so ergehen?

Der konstruktiven Kursatmosphäre hatte er entgegen gearbeitet, hatte nicht nur sabotiert, sondern mit hämischen Geschichten die Privatsphäre der Teilnehmer und Dozenten verletzt. Aber natürlich könnte auch ein Herr Bross sich über irgendwas beim Jobcenter beschweren und man müsste darlegen, warum man sein Hausverbot ausgesprochen hatte. Niemand hatte dem Jobcenter bis dato gesteckt, bei der Startrampe würde irgendetwas nicht rund laufen. Und sie selbst brauchten es nicht zu tun. Die Startrampe, wie sie tatsächlich ist, ist nicht die aus den Texten. In ihnen wird das Bild verzerrt.

Herr Nöckel, der Chef der Abteilung, ist mit Bross im Korridor zusammengerannt. Als Bross sich in der Eile zusammengerissen und ihn flüchtig begrüßt hat, war Nöckel, das Gesicht vor Wut verzerrt, getürmt, ohne was zu sagen. Als später in der Pause Herr Leiser im Hof zu seinem Stammteilnehmer Herrn Störk gegangen und ein humoristisches Gespräch angefangen hatte, gerade da war im offenen Fenster stumm das Gesicht von Bross erschienen und hatte bös geguckt. „Was lächelt der so bös?“ Und dann hatte Herr Bross auf die Seite geschaut, um nicht darauf angesprochen zu werden. Herr Leiser hatte seine Feindseligkeit respektiert und war von Herrn Störk wieder weggegangen.

Frau Henkenhaf hatte es seither jedes Mal gemerkt, wenn ihr was über die Lippen gerutscht war, das man vor Fremden lieber nicht lesen möchte. Dann hat sie pikiert auf Bross geschaut, aber gleich weiter gesprochen, ohne was zu sagen. So hatte sie Herrn Störk jenes Angebot zugeschoben, er solle für eine Start-up-Firma Handys mit geschmückten Gehäusen verkaufen. Er solle die Frau, deren Name dort zu lesen sei, heute noch anrufen, eine „ganz Liebe“ wäre sie. Nun war aber offenbar, dass Frau Henkenhaf den Geschäftszweck von dieser Handyverzierungsfirma noch nicht verstanden gehabt hatte. Wie konnte sie jene Frau denn dann kennen? „Was, Sie kennen die?“, hat Herr Störk gerufen. Wieder hatten die Augen der Frau Henkenhaf den Weg zu Herrn Bross, ihrem Internetprotokollanten, gefunden und dann hatte sie schweigend woanders hingesehen.

„Was ich nicht verstehe, wenn Leute uns übelnehmen, dass sie hier sind. Es ist doch freiwillig“, hat sie gesagt und offen gelassen, auf wen oder was der Satz sich beziehen könnte.

Wenn sie an Vormittagen noch Fragestunden abhielt, gebrauchte Frau Henkenhaf nie mehr die Spiegelstriche, über die Herr Bross sich lustig gemacht hatte. „Welche Vorbehalte könnten Arbeitgeber gegen behinderte Langzeitarbeitslose denn haben?“ „Welche Argumente können wir gegen Vorbehalte der Arbeitgeber ins Vorstellungsgespräch oder unser Motivationsanschreiben einbringen?“ Die Art der Fragen war immer gleich, aber nie wieder kam die Antwort hinter dem Spiegelstrich.

Eines Tages ging es über die gewaltfreie Kommunikation. Nicht jeder und vor allem nicht Teilnehmer solcher Maßnahmen bringen von zu Hause mit, was das ist. Man sollte dafür einen Gesprächsstil der Wertschätzung entwickeln. Auf die Vorwürfe und den Druck der anderen Partei sollte man nicht mit verbaler Aggression oder Gegenvorwürfen antworten, sondern der Gegenseite ein Angebot machen, sich in die eigene Gefühlswelt von einem zu versetzen. Man sagt: „Das gibt mir jetzt das Gefühl, nicht zu Ihrer Zufriedenheit gearbeitet zu haben.“ Dann macht man einen Vorschlag, wie man so ein dummes Gefühl in Zukunft umschiffen kann. Was die gängigen Phrasen sind, schrieb Frau Henkenhaf nicht mehr hinter Spiegelstriche, sondern dieses Mal hatte sie einen Koffer mit farbigen, eiförmigen Kärtchen dabei. Da schreib sie es mit dicken Filzstiften drauf und heftete die ans Flipchart. Es sah nach was aus.

Im August, 38 Grad, nachmittags. Herr Lagarde durfte um 15 Uhr gehen, weil seine, dem Hartz IV und Jobcenter ebenfalls unterstehende Mutter im Rollstuhl saß und ihn irgendwie benötigte. 40 Grad waren im Wetterbericht genannt worden. Und an diesem Tag durfte der ganze Kurs schon um drei nach Hause, nicht bloß Herr Lagarde.

Eine ehemalige Kollegin von Frau Henkenhaf und von Herrn Leiser war in die Stadt gekommen und sie hat im Hotel gewohnt, weil sie ihren Vater in einem Heim hat unterbringen müssen. In der Nacht war viel Geschrei ums Hotel, man hat gefragt: „Was ist los? Wer wohnt Besonderes hier drin?“ Dieser Kollegin hat Frau Henkenhaf ihren Kurs für die letzten Tage abgetreten, damit sie was übers pfiffige Selbstmarketing und überhaupt Selbstbewusstsein der Marktteilnehmer erklärt.

In den Wochen vorher hatte Frau Henkenhaf doch noch angefangen gehabt, verschiedenen Teilnehmern zu raten, sie sollten den Wiedereinstieg über befristete Tätigkeiten für eine Personalüberlassung suchen. Ganz am Anfang unserer Maßnahme, fünf Monate vorher, hatte dieselbe Frau Henkenhaf versprochen gehabt, bestimmt werde von der Startrampe niemand zur Zeitarbeit geschickt. Das würde ihren Anspruch an qualifizierte Vermittlung nicht gerecht. Außerdem täten Personalagenturen sich mit Schwerbehinderten in Folge der arbeitsrechtlichen Konditionen schwer. Jetzt schien es das neue Ding zu sein, das im September dann auf die türkischen Lagerarbeiter Tassiq und Duman zukommen würde.

Auch Herrn Störk hatte sie dazu geraten, nachdem er weder als Hausmeister, noch beim Call Center Pronto, noch im Fotogeschäft angekommen war. Aber die Äuglein vom Herrn Störk hatten nur geblitzt. Für ihn ging es bei der ganzen Sache, das hatte er im Bus erzählt, darum, dem Betreuer vom Jobcenter zu zeigen, dass er mit fast sechzig nicht aufgegeben hatte und weiter am Ball seiner Stellensuche war. Das wäre dort ein freundlicher Mensch, mit dem es sich gut und über alles sprechen lasse, meinte Herr Störk. In letzter Zeit habe er aber gemeint, die Behinderung reiche für die Verrentung jetzt doch. Herr Störk ist misstrauisch und findig und deswegen hat er schnell gewusst, dass die monatlichen Bezüge mit dem Übergang von Hartz zur Mindestrente nicht steigen, sondern sinken.

Während all diese kleinen Zwischenfälle gekommen sind, standen wir abends in der Brise am Kai und träumten uns aufs Meer. Eines Abends fuhr ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen an Bord durch und hielt Kurs auf Piräus bei Athen. Wir hatten so eine Ahnung.

Dort wird es beflaggen seinen Mast. Meine Herren, da wird ihr Lachen aufhören! Und an diesem Tag wird es still sein am Hafen, wenn man fragt, wer sterben muss. Und am Morgen wird man mich treten sehen aus meiner Tür und dann werden sie mich sagen hören: „Alle! Alle werden von nun an mit Hartz IV bezahlt und Vermittlungsfähigkeiten in Maßnahmen unter Beweis stellen können. Ferne im Industriegebiet wird die Startrampe dafür erbaut. Freiwillig wird sie jeglichen unter euch aufnehmen und die lumpige Stadt wird noch einmal verschont.“

Mich wird man bös lächeln sehen und das Schiff mit acht Segeln wird entschwinden mit mir.

Diese Geschichte enthält Samples der Ballade „Seeräuber Jenny“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill.

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