Vorstoß J/ Meergrüne Augen

von Klaus Mattes
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Am Kiosk kaufte er ein Päckchen Kaugummi. Von den drei toten Polizisten wollte Benny sich die Stimmung nicht kippen lassen. Die Mordlust, die ihn hin und wieder überkam, war die eines jeden geistig Zurechnungsfähigen. Drastisch, aber unbedenklich. Ja gut, heute war mal Pause angesagt. Er konnte es sich nicht leisten, wegen paar lausiger Bullen seine Handlungshoheit einzubüßen.
So sehr sie auch gemundet hatten.

„Heh!“, schrie er auf.

Ein junges männliches Gesicht, Bartstoppeln, ebenmäßige Züge, schulterlange helle Strähnen, zwei blaugrüne Augen, grünlicher Schimmer wie die Arme des Meeres. Ob sich aus dieser Begegnung echte Gefahr entwickeln konnte? So kurz der Moment gewesen war, Benjamin hatte einen Peitschenhieb empfangen. Er ahnte, diese Augen würden ihn verfolgen.

Toni Wirth, sein neuer Liebling, hatte ausgerechnet heute Geburtstag.
„Tschulligung“, flötete Toni, „wohl ein Grappa zu viel. Hab Geburtstag. Sorry, dass ich dich über'n Haufen gerannt hab.“

Hinter seiner Stirn hatte Benny jetzt abgeschlossen mit dem Schönling. Wie ein Schild wollte er ihn an die Haustür heften, den Seeblick gut sichtbar bis in alle Ewigkeit.
Nein, er wollte das doch nicht wirklich. Aber er war gezwungen.
Er grinste, als er sich dabei ertappte, wie er auf Tonis Adamsapfel starrte, während Toni einen Becher austrank, den Benny ihm am Wasserhäuschen besorgt hatte.

„Nee, meine Schuld, lass man eins trinken, ich lad dich ein, Geburtstag muss begossen werden.“
Nur vor Tonis Augen musste man noch auf der Hut sein. Solange da drin ein Meer war.

Plötzlich wurde er unsanft. Sein Taxi stand gleich dort hinten. Es ging um den knappen, kostbaren Zeitraum, in dem es gelingen musste, den Blonden festzunageln, bevor er wieder klar wurde.
„Du bist heut Abend mein Gast und ich bin am Steuer“, lachte er den verwirrt Erwachenden an, der, wie immer in solchen Fällen, nicht kapierte, was passiert war. „Wohl doch ein Grappa zu viel. Was meinst?“

Ach Scheiße! Er war mit seinem kleinen Gesellen schon wieder viel zu freizügig umgegangen. Wie von Furien gehetzt. Er merkte es immer erst hinterher. Aber Benny wollte sich die gute Laune nicht nehmen lassen.
Nicht einmal von den eigenen Patzern.
„Nichts für ungut! Erst fühlt es sich ein wenig komisch an. Aber gleich bist du verblutet. Zum Schluss sehen sie immer voll zufrieden aus.“

Die Amsel hatte schwarze Knopfaugen. Klein, seelenlos, fern. So was konnte man aushalten. Der Vogel bedachte ihn mit aufgeregten Piepsern, bevor er vorsichtshalber zum nächsten Ast hinüber wechselte. Benjamin ging weiter mit wippendem Schwanz.

„Noch ein grausiger Mord“

würde es morgen am Kiosk heißen. Beschwingt bekämpfte Benny einen hartnäckigen Schluckauf. Der Nächste war besser als der Letzte. So war das.
Allmählich kam er rein in den Job.

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