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Die Sommerfee - Page 2

Bild von Magnus Deweil
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schenken. Einige der Bürger dankten, andere jedoch verfluchten ihn:

„Ein Wort hält mich nicht warm
Zieht nicht meinen Karrn
Stillt nicht meine Blagen
Und füllt mir nicht den Magen

Habt ihr mir nicht mehr zu bieten
Und ist euch lieb der Frieden
Dann schwingt euch auf das Ross
Und verweilt in eurem Schloss“

Der König, dem der Frieden wohl lieb war, tat eben jenes wozu ihn sein Volk aufforderte. Betrübt und fern von jeder Hoffnung, verbrachte er die kalten Tage einsam und verzweifelt in seinem Gemach. Der Hofmystiker, der um das Geheimnis der Sommerfee wusste und der sich dazu verpflichtet sah, das Rätsel der Dunkelheit, so nannte man jene fürchterliche Zeit, zu lösen, begann Nachforschungen anzustellen. Er untersuchte den Boden, den Schnee, von dem er glaubte, dass er mit dem ewigen Winter zu tun hatte. Er las sich durch die großen Bücher der Zeit. Aber er fand keinen Hinweis. Er zerbrach sich seinen klugen Kopf, konnte sich aber nicht erklären, warum der Sommer ausblieb. Die Vorräte der Menschen neigten sich dem Ende, als er einen trauernden, für ihn letzten Spaziergang unternehmen wollte. Er schlenderte am gefrorenen Fluss des Schlosses vorbei, als ihm im Eis etwas auffiel. Er nahm einen Stein und befreite dieses etwas aus der Kälte. Was er fand, lies ihn die Atem stocken. Es war ein Brief, in dunkelster Tinte verfasst. Der Brief in welchem Lastokes die Fee zu täuschen wagte. Der Hofmystiker eilte zum Gemach des Königs, zeigte ihm den Brief und berichtete von der vermeidlichen Ursache des Übels. Der König, aufgebracht und voller Zorn, eilte, im Nachtmantel durch die Gänge seines Schlosses und brüllte wutentbrannt:

„Lastokes der miese Schuft!
Er soll verschimmeln in der Gruft!
Brennen soll er auf dem Scheiterhaufen!
Soll dort mit den Flammen raufen!
Ihn verfluchen soll ein jeder!
Ihn peitschen mit dem Leder!
Bis er blute wie auch wir
Ich werd ihn halten wie ein Tier!“

Die wütenden Worte hallten durch das gesamte Reich. So kamen alle Bürger zusammen im Hofe des Schlosses, als der König zuversichtlich, ermutigend und hoffnungsvoll erklärte, dass die Finsternis bald enden würde:

„Der dunkle Magier war es selbst
Er wollte Leid und Kummer
Für uns und unsre Welt

Doch bald erwachet aus dem Schlummer
Das ganze Reich in neuer Kraft
Genug mit all dem Hunger!

Ruft herbei die Ritterschaft!“

Der König rief seine tapfersten Männer herbei und sandte sie aus, um die Fee vom Berg zu befreien. Im Glauben, den auch der Hofmystiker teilte, die Fee sei im Verließ des Zauberers eingesperrt, zog das Heer Levadohs, in Richtung des Schattengebirges. Am Fuße jedoch, mussten sie halt machen, denn die mutigen und tapferen Männer spürten eine unheimliche Kälte. Denn um den Fluch, der auf dem Reich Lastokes lag, war ihnen nicht Bekannt. So kam es, dass auch jene, wie die Fee, zu Stein wurden. Der König erfuhr vom tragischen Schicksal seiner Männer und verfiel ebenfalls in tiefste Trauer. Der Magierkönig amüsierte sich über das Leid der Welt. Er laabte sich förmlich daran. Dem Volk, welches ebenfalls eine gewisse Unheimlichkeit fühlte, war der gescheiterte Feldzug noch nicht bekannt. Lamila, die jüngste Tochter des Hofschmieds, deren Verlobter unter den Mutigsten des Königs war, sehnte sich nach ihrem Mann und seiner Rückkehr. Die Familie suchte ihr Trost zu geben, auch diese wussten noch nicht um sein Schicksal. Alle Zuversicht und allen Mut, den man ihr zu schenken versuchte brachte nichts:

„Wieviel Wert hat dieses Leben?
Kann es noch weiter Sinn mir geben?

Wie kann ich schlafen in der Nacht?
Wurd doch mein Liebster nicht zurück gebracht

Und gab es keinen letzten Kuss
Meiner Seele zum verdruss"

In ihrer Ungewissheit und Hoffnung um sein Schicksal, suchte sie beim König persönlich um Klarheit:

„Mein König“ ersuchte sie ihn
„Ich will nicht klagen
Will nicht bitten
Will nur fragen
Weil ich gelitten

All die Nächte sitz ich dort
Bleibt mein Mann für immer fort?“

Der König, der erahnte, warum ihr Verlobter nicht mehr zurückgekommen war, fragte nach:

„Sag du jüngste aller Damen
Wer ist der Mann von dem du sprichst?
Nenn mir seinen Namen
Ich gebe Auskunft sicherlich“

Da sprach Lamila, begierig zu erfahren, wie es ihrem Liebsten ergeht

„Man spricht vom Mutigsten in eurem Heer
Dem Tapfersten von Berg bis Meer

Und lieb ich ihn als Frederik
Der von Allen mir den schönsten Blick

Der mein Herz erobert hat
Und bei mir ist bei Tag und Nacht

Der mit seiner Liebe mir
Wärme gab in kalten Tagen
Kennet Ihr?
Und könnt mir sagen?

Wo er verblieb
Den ich so lieb?“

Der König senkte sein Haupt und bat die Tochter des Hofschmieds sich zu erheben. Es fiel ihm schwer, dieser jungen verliebten Frau zu berichten, was geschehen war. Doch sah er es als sein Verschulden und sah er sich als dazu verpflichtet:

„Bei aller Demut muss ich sagen
Habt nicht nur ihr ihn zu beklagen

Euer Liebster zog die Fee zu retten
Nun liegt er in steinern Ketten

Am Berg der Schatten triffet man
Tausend Steinskulpturen an
Zwischen allen guten Männern
Steht der Eure eben stramm“

Lamila brach in Tränen aus und sackte zu Boden. Sie weinte bitterlich und auch der König fühlte Trauer. Es war, als wäre ihr Herz in zwei zersprungen und auch der König verlor an jenem Tag einen Teil seines Herzens. Im ganzen Land hörte man sie weinen, sonst war Stille. Der König, betroffen wie er war, erhob sich:

„Nun“ sprach er weich und tröstend

„Es bedrückt mich dieses Bild
Sag mein Kind
bist du zur Ewigkeit gewillt?“

Der König wie auch Lamila, wussten in jenem Moment, dass die Welt bald nicht mehr sein würde, dass alles Leben und alle Liebe bald verschwinden würden. In dieser Gewissheit und mit der Traurigkeit einer verlorenen Liebenden, antwortete sie ihm:

„Verzeiht mir großer König
Ist nicht schon die Lieb alleine ewig?
Was kann ich tun für den Abschied?

Will ich lieber sterbend sein?
Oder wie mein Mann aus Stein?“

Der König gab ihr Antwort:

„Bevor bald alles Sein verschwindet
Hoffe ich dass letzter Anblick lindert
Alle Schmerzen alle Qualen
Dieser jüngsten aller Damen“

Lamila erhob sich schluchzend, die Tränen noch in den Augen stehend, sprach der König, in gutem Willen, ihr zu:

„Zum Fuße sollt ihr gehen
Abschied von eurem Mann zu nehmen
Bleibt bei ihm auf alle Zeit
Als felsgemachtes Liebesleid“

Lamila, die zu tiefst verletzt, sah jenen Rat des Königs als einzigen Ausweg:

„Dann ziehe ich verletzt von dannen
Bin als Stein mit ihm zusammen
So will ich werden zu dem Stein
Will auf ewig bei ihm sein“

Sie kehrte dem König den Rücken und schritt hinfort, als der König ihr noch zu rief:

„Ich warne dich du kindlich liebend Seele
Wiederkehr bleibt dir versagt
Wenn Stein aus deinem Herzen ragt
Weil niemand der dorthin geschritten
Je wieder sprach von seinen Lippen“

So machte die trauernde und verletzte Lamila sich, ohne sonst jemandem bescheid zu geben auf den Weg zum Fuße des Schattengebirges. Sie wanderte, ohne Rast und Ruh durch die düsteren Ländereien. Die furchtbare kälte, welche sie zu erdulden hatte, brachte sie nicht davon ab, ein letztes Mal in das Gesicht ihres Verlobten zu blicken. Am Gebirge angekommen, brauchte sie keinen Mut mehr zu fassen, denn mit ihrem Geliebten, war aller Sinn ihres Lebens gestorben. So passierte sie die Grenze und fand ein ganzes Heer von steingewordenen Soldaten vor. Unter all ihnen, ihr geliebter Frederik. Sie stellte sich vor ihn und blickte in sein steinernes Gesicht, welches sie zu Tränen rührte. Sie umarmte ihren kalten Verlobte und rutscht bis zum Boden an ihm herab. In Trauer verfallen, überkam sie eine Frage. Sie war nicht wie die Anderen zu Stein geworden. Sie war genauso Mensch und lebendig wie zuvor. Sie war genauso liebend wie zuvor:

„Kann das denn die Liebe sein
Dass ich werde nicht zu Stein?“

Ihr kam die Idee, Frederick einfach vom Berg hinfort zu tragen. Er würde vielleicht wieder zum Leben finden. So packte sie ihn an den Beinen, zerrte und schob, aber nichts tat sich. Wieder sank sie, verzweifelt, zu Boden:

„Wie soll ich dich ins Tal den tragen?
Ohne Kraft, mit leerem Magen
Bin doch zu schwach für dich
Oh bitte Herr, erlöse mich!“

Sie blickte auf ihre Hände, mit welchen sie sich am Boden stützte und erblickte, durch einen Zufall, eine kleine Steinfigur. Sie nahm sie vom Boden auf und durch ihrer Hände Wärme, begann das Grau des Steines zu verschwinden. Das Grau wandte sich zu strahlenden Farben. Der Stein verschwand und aus ihm wurde ein kleines, schmetterlingsähnliches Wesen. Es war die Sommerfee, welche sich in ihrer Gestalt Lamila zu erkennen gab:

„Du gutes Mädchen! Retterin!
Trage mich hinab ins Tal
Es leidet Mensch und Schmetterling
Ich mach ein Ende dieser Qual“

Die Fee erklärte Lamila, dass sie durch ihre Liebe nicht zu Stein werden kann und dass die Fee durch sie ihre Steingestalt ablegen konnte, dass dieses aber nur magischen Wesen gelingt. Solang der Fluch auf dem Berg liegt, hätte sie dort keine Kraft. Lamila selbst nur sei, solange ihre Liebe noch hält, dazu in der Lage die höchste Spitze des Berges, das Schloss Lastokes zu betreten und alles Sein, vor der Finsternis zu bewahren. Die Sommerfee holte aus ihrem Gewandt ein kleines, leuchtendes Fläschchen hervor und reichte es der trauernden Lamila:

„Nimm dieses Geschenk zum Trost
Schaffst du es zum Schloss hinauf
Dann lass es frei, dann lass es los
Kommt alles Licht der Sterne raus

Alles was davor zu Stein
Wird dann voller Leben sein“

Lamila war neugierig und wollte wissen, was sich in diesem Fläschchen befand und die Fee erklärte ihr:

„Es den dunklen Bann zerbricht
Deines Herzens Liebesschimmer
Gepaart mit aller Welten Licht
Ist geschaffen doch für immer“

So verblieben die Beiden. Im Tal angekommen, verflüchtigte sich der Anblick der Fee. Sie wurde wieder unsichtbar und flog, um die Welt von der Kälte zu befreien, davon. Lamila hingegen, wanderte voller Eifer und Hoffnung den Berg bis zum dunklen Schloss hinauf. Sie trat durch das große Tor und erblickte den grimmigen Lastokes in seinem Thron:

„Wie kanns denn sein?
Du junges Ding
Dass dich nicht der Berg verschlingt?“

Er war verwundert und wusste nicht wie ihm geschah, als das junge Mädchen das Fläschchen mit dem Sternenlicht hervorholte:

„Ich bin hier um zu erlösen eben Jene
Die Lastokes du faule Seele
Zu Stein gemacht
Sieh was ich dir mitgebracht“

Sie öffnete das Fläschchen und ein blendender Strahl von hellstem Licht durchflutete zunächst das Schloss und dann den ganzen Berg. Lastokes war voller Hass und Zorn, denn das Sternenlich, hatte ihm all seine Macht genommen. Fluchend rannte er aus seinem Schloss und verschwand tief in den Bergen. Alle Wesen, Tiere und Menschen und Pflanzen verließen den Zustand des Felsens und wurden wieder lebendig. Das gesamte Heer fand sich, etwas verwirrt wieder. Die Männer streckten sich, als seien sie aus einem langen Schlaf erwacht. Lamila eilte den Berg hinunter und erblickte ihren Verlobten. Sie fielen sich in die Arme. Küssten sich und Lamila sprach:

„Mein Liebster kamst du doch zurück
Überlebst du doch die Tück
Die düstre Pest
Des gemeinen Lastokes“

Als Frederick und Lamila, mit den anderen Soldaten und vielen weiteren Wanderern, welche jahrelang im Stein gefangen waren, das Tal durchschritten, war zu erkennen, dass auch die Sommerfee ihr Werk vollbracht hatte. Denn die Kälte war verschwunden. Blüten und Blumen waren zu sehen und das Singen der Vögel zu hören. Das gesamte Volk feierte die Rückkehr der Fee und des Sommers. Der König rief Lamila zur Heldin von Levodah aus. Die Jahreszeiten fanden wieder ihren alten Kreislauf und die Welt erholte sich langsam wieder von der langen Dunkelheit. Lastokes, der einst voller dunkler Magie war und die Welt in Elend gestürzt hatte, wanderte von nun an als herzloser und machtloser Bettler umher. Man sagt sich, er wäre noch immer voll Zorn und Neid auf die Herzen der Menschen. Andere wenige jedoch, erzählen, er hätte ohne seine dunkle Zauberkraft zum Leben und zu seinem längst verschollenen Herzen gefunden.

(Magnus Deweil, Die Sommerfee, 2020)

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02. Nov 2020

Wann legst du einmal den Griffel aus der Hand ?
HG Olaf

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