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Läuterung 018 : Ein Versehen in Raddatz‘ Tagebüchern

Bild von Klaus Mattes
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Man entdeckt, was dem Lektor als „zu Korrigierendes“ (selbst bei einer so freien Gattung wie dem Tagebuch) hätte auffallen sollen. Kurios also, wenn Fritz Jott Raddatz das Alban-Berg-Quartett zum Alban-Berg-Quintett aufstockt. Drei volle Musikstücke lang hatte er vier Musiker auf der Bühne sitzen sehen und vergessen, wie viele es eigentlich waren. Hätte auch sein können, dass sie ausnahmsweise an jenem Tag ein Quintett spielten, jedoch lässt Raddatz sie etwas von Bartók vortragen und dieser hat nicht ein einziges Quintett komponiert.
Auch „Major Campras“ aus Fontanes Buch „Effi Briest“ ist etwas arg. Jedem müsste so was auffallen, der einen Universität mal von innen gesehen hat, auch dem Lektor eines Werkes von F. J. Raddatz. Es ist nämlich jener Major Crampas gewesen, der schon im „Crampaspulli“ der Marie von Ebner-Eschelbronn eine Rolle gespielte hatte.

Alles richtig und formidabel recherchiert dagegen in Fritz J. Raddatz: Tagebücher 2002-2012, Seite 400, (26. August 2007, Montreux): „Armer Nabokov: Jedenfalls: Wenn dieses Hotel, in dem er viele Jahre wohnte, damals sich schon so präsentierte wie jetzt: dann gute Nacht; oder: dann war er blind, zumindest ohne jeden ästhetischen Anspruch. Es ist eine Protzburg von erlesener Hässlichkeit, scheußliche Kristall-Lüster, Hotel-Schnickschnack übelster Sorte, falsche Chippendale-Sessel. In meiner „Chambre supérieure“ ein schreiend grüner falscher Napoleon-III.-Tisch, Art-Déco-Schränke, ganz unbeschreiblich hässliche Lampen, in der Halle Vitrinen mit gehämmerten iranischen Messingschalen für Kaviar, aber ein Portier, der einen 20-Franken-Schein nicht wechseln kann, und um 16 Uhr ist das Zimmer noch nicht aufgeräumt. Service = null. (...) Das Essen überteuert, aufgetakelt, aber mittelmäßig, auf dem Frühstücksbuffet billigster Vertreter-Hotel-Aufschnitt oder glibberiger Lachs und Aldi-Marmelade, jede Mövenpick-Autobahn-Raststätte bietet Besseres. (…) Die Wände (wie auf allen Etagen-Fluren) voller grauenhafter Bilder, wenn’s gutgeht, falsche Chagalls oder Franz Marcs, kein einziger Gegenstand, auf dem das Auge ruhen möchte. Meine winzige Sylt-Hütte mit anständigem Rehgoulasch und Roter Grütze ist gegen diesen Ramsch aus prätentiösem Marmorprunk ein Paradies an ausgesuchten Details. (…) Und in Blickweite, oben auf dem Berg, hoch über diesem unechten „Palace“-Palast „thronend“, jenes Sanatorium (Klinik) Valmont, in dem der 51jährige Rilke starb, der kaum Geld für Personal-Trinkgeld hatte. Die Welt ist gerecht.“

Raddatz war vor seinem selbst gewählten Ende so steinalt geworden, dass er als LGBT+Person verdient hätte, überfallen zu werden. Oder was ist überhaupt mit dem homosexuellen Jugendkult? Überfallen von einem blonden Engel, der ausschaute wie Jude Law, als dieser vorne noch Haare besaß und nicht selbst schon zu alt war, italienische Cabrios noch zu fahren.

Freilich ist wahr, dass seltenst ein Schaffender durch hohes Alter auffallend besser geworden wäre. Es scheint uns Gesetz, dass in keinerlei Kunst Heroen erst im hohen Alter auf den Plan treten. Klar, der Künstler hat es ewig in sich, sein ganzes Leben lang. Sobald man ihn freilässt, lässt er's raus. Vor etwas über hundert Jahren sind die Größen noch mit zirka 25 Jahren bekannt geworden, siehe Thomas Mann. Die jetzigen Größen hingegen kommen erst gegen Ende der Dreißiger dran. Anna Mitgutsch: 42, Marko Martin: 39, Katharina Hacker: 39, Peter Stamm: 35, Ingo Schulze: 33, Daniel Kehlmann: 30, Martin Walser: 30, Clemens Meyer: 29, Hans Magnus Enzensberger: 28, Gabriele Wohmann: 28, Antje Rávic Strubel: 27, Peter Rühmkorf: 24, Peter Handke: 24.

Die Frage ist aber auch, woher Fritz J. Raddatz seinerzeit in der Neckar- und Käthchen-Stadt in jenem Insel-Hotel erkannt hatte, dass die „unterfickte“ (Zitat aus Herrn Raddatz Tagebüchern 1982-2001) Rindfleischesserin eine Einheimische gewesen ist. Meist sind ja die Menschen, welche in den Restaurants von Hotels speisen, nicht wirklich vom selben Orte stammend.

Samuel Richardson, George Meredith, Konrad Weiß, Dino Buzzati, Ross Macdonald oder Léon Bloy sind Schriftsteller, auf deren Existenz ich, ohne ein Antiquariat betreten zu haben, relativ frühzeitig aufmerksam geworden bin. Ich hatte lange vor, von ihnen auch einmal was zu lesen, schaffte die Genannten seither aber noch nicht ansatzweise. Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt.

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