Vorstoß F/ Liebesdreck und Rettichsalat

von Klaus Mattes
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All die einsamen, entsprechend ihren Fähigkeiten nicht genügend geliebten Menschen, heute machen sie, ungeachtet ihrer Talente, Lyrik fürs Internet.
Ich erblicke Steine, die aus einem Kribbeln kristallisieren. Ah. Ich rieche Blumensubstanz. Liebe ist von Blumensubstanz. Und ist sie nicht halb, so ist sie ganz.

Gestern begegnete mir im Supermarkt die Liebe und sie rief: „Du bist der Letzte, der sich rausnehmen darf, mich Liebe zu nennen!“
Ich hatte sie getötet.
Sie kam ständig wieder zurück, wie Alien aus seiner Brut.

Früher gab's für solche Fälle einen hilfreichen Satz und er ging so: „Muss Liebe schön sein!“
Freimütig gestehe ich, dass ich es zwischen 17 und 27 ziemlich ungerecht fand, dass ich nie, wirklich nie an jener wonnigen Stelle sitzen durfte, wo die anderen sich zublinzeln: „Muss Liebe schön sein!“

Es dauerte noch Jahrzehnte, ehe mir bewusst war, dass Schwule dieses Frühlingskuscheln nicht brauchen. Da sie sowieso wissen, dass es aufs Vüggen rauskommen wird und rauskommen schließlich auch muss. Heute, nach so vielen Jahren, stimmt das aber auch schon wieder nicht mehr. Heute kuscheln die 13- bis 23-jährigen Schwulen uns einen vor, als wären sie Lesben.

Ich damals musste mich Jahre zur Erkenntnis durcharbeiten, dass Ficken aber in etwa einer Viertel bis allenfalls Dreiviertestunde auch schon wieder gelaufen ist. Und da geht das übrige Leben gleich wieder an, ohne Ficken und ohne Kuscheln. Ficken war sicher toll. Mann wusste es vorher und es war's letztlich auch, wie mies es vielleicht im einzelnen Fall auch mal werden konnte.

Aber man muss außerhalb des Fickens weiterleben. Man kann nicht pausieren, weil jene Dreiviertelstunde Ficken überirdisch gewesen war.
Pausieren, um was zu tun? Im Internetforum stöbern? Staub wischen? Lesen? Zahnseide zücken und die Zahnzwischenräume reinigen? Stellenangebot ausdrucken und textmarkern? Stefan Raab? Tja und da muss man zugeben, man kann genausogut drei Stunden Kuscheltheater treiben mit dem Menschen, den man meistens fickt, und ihm zeigen, wie glücklich man ist und wie man sich geborgen fühlt bei ihm.

Eines Tages merkt man ja, dass man nie und nirgendwo über 37- oder 44- oder 62-jährige Paare stolpert, die irgendwo drei Stunden kuscheln und sich gegenseitig beglaubigen, wie zufrieden sie miteinander sind. Man macht das nur eine gewisse Zeit so.

„Wenn man jemanden liebt, liebt man alles an ihm.“

Er schrieb, diese Zeile von dem Gedicht würde gut in die Brigitte neben das Rettichsalat-Rezept passen.
Ich dachte: Das stimmt aber auch nicht. Brigitte bringt keine Rettichsalat-Rezepte mehr und nicht diese Zeile:

„Wenn man jemanden liebt, liebt man alles an ihm.“

Ich dachte, wenn ein Internetautor derartige Ratschläge ersinnen kann, so sollte der aufhören, Gedichte zu schreiben und sich auf solide Prosaprodukte verlegen. Der kann das.

„Ob du an mich denkst, wenn du sie fickst?“
Nein, das wurde mir zu heftig. An dieser Stelle brach ich die Lektüre des Gedichts ab.

Nein, nicht ganz, es war eher so:
In meinem Herzen ist ein leeres Zimmerchen. Da ist viel Raum für dich. Gehst du hinein, bekommst du gleich einen Kuss. Die Tür lasse ich ganz weit offen, damit du meine leisen Zeilen finden und lesen kannst, die ich am Ende meines Zimmerchens hinterlegt habe für dich. Mein Schatz, du fehlst mir. Mein Fleisch ist schwach, doch die Arbeit schenkt mir noch Kraft. Ich brauche sie jeden Tag. (Gelegentlich pfeife ich mir Tabletten ein.)
Probier’s nur auch! Du wirst staunen, wie hoch deine Trefferquote steigt.

Meine Erkundigung: „Weil unsere Großeltern so oft und lange durch kriegerische Weltereignisse voneinander getrennt waren, sich also nicht echt lieben konnten, wir aber praktisch jeden Abend, wenn keine Verkaufsförderungsseminare waren, Minigolf spielen konnten, lieben wir uns heute eher weniger oder mehr?“
Eine Antwort kam schnell: „Früher ist die Liebe generell verbreiteter und stärker gewesen.“
Es schloss sich die Aufzählung der Rahmenbedingungen an.
Na ja.

Erstens sah ich noch vor zwei Tagen kurz vor zwölf Uhr nachts ein Heteropaar Arm in Arm durch die leeren Straßen gehen.

Zweitens kommen ab und an diese jugendlichen, muslimischen Männerpaare auf einen zu, die Händchen halten, während sie laufen.(Eventuell ungeschminkte Talibankrieger oder Boko Harems?)

„Deine Liebe in mir von Kamadeva entflammt, weil ein Adler die Beute unsrer Liebe bewacht. Selbst wenn der Becher des Leidens zur Neige sich leert, fängt dein Spitzbubenblick die Tränen mir ein. Du verstärkst das Sehnen, du bewahrst unser Glück. Herz und Seele sich nach dir verzähnen. Die Liebe durch dich wie Esbit entfacht, wie der Adler die Beute bewacht. Selbst wenn der Tod sich in mein Antlitz spiegelt, Körper und Geist sich scheiden, Kali das Lebensbuch siegelt, wird mein Feuer ewig noch sengen. Unsere Liebe, o Schatz, durch Asbest wird brennen wie der Adler, er beschützt sie bei Tag und bei Nacht. Wie Hopfen gewachsen, doch unverblümt, die Leidenschaft ins Meer der Welten gespült, unergründlich, launenhaft reich wie der Kinder Gemüt.“

Ein weites Feld ist auch die Psychologie und Familientherapie. Dort ist irrelevant, wer im Recht ist. Es geht vielmehr darum, ob Menschen miteinander noch weiter zusammenleben können. Solange sie beharren, die andere Seite trage die Schuld am Scheiß, sie selbst wären die Opfer, die Schuldigen müssten es endlich nur einsehen, werden sie nicht mehr zusammen existieren können.

Gerade die Aller-Unausstehlichsten kommen mit sich selber allerdings wunderbar zurecht.
Ebendies wurde mir neulich wieder im Supermarkt bescheinigt.

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