Ankunft in St. Mingo 3 - Die Alten

von Klaus Mattes
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Die Schädler-Weiß-Klinik, das sind zwei Rehabilitationseinrichtungen in einer. In die Professor-Weiß-Klinik gelangen zumeist Männer, so Mitte fünfzig, wenn sie einen Infarkt erlitten hatten. In die Doktor-Schädler-Klinik dagegen eher Frauen von Anfang Achtzig, denen man künstliche Gelenke einoperiert hat, das Knie, die Hüfte. Doktor-Schädler-Patienten sind an ihren Krückstöcken mit den dunkelblauen Hartplastikgriffen zu erkennen. Unterarmgehhilfen, hört man dazu sagen. Oder an dunkelblauen Umhängetaschen, auf denen zu lesen steht „Schädler-Weiß-Klinik - Jeden Tag ein Stück voran“. Die Rekonvaleszenten in der Schädler-Weiß-Klinik tragen eine Mappe mit sich, in der sich ihr Ablaufplan für die Woche befindet. Welche Station sie bald anlaufen müssen. Beziehungsweise, abgezeichnet durch Namenskürzel, wo sie die letzten Tage überall gewesen sind. Wenn man eine dunkelblaue Unterarmgehhilfe hat, benötigt man seine dunkelblaue Umhängetasche, damit man sich diese Ablaufplanmappe umhängen kann, während man herumgeht. Am Essensbüffet warten sogenannte Diätassistentinnen und schaufeln den Umhängten nach ihren Anweisungen Essen auf die Teller, während sie ihre Krücken festhalten.

Ausnahmen wie auch Mischformen kommen selbstverständlich immer vor. Zum Beispiel außerordentlich dicke Frauen von ungefähr fünfzig Jahren, die theoretisch zur taschenlosen Professor-Weiß-Klinik gehören sollten. Die Krücken tragen sie, weil sie, außer am Herz, gleich an den Knien noch was haben. Es gibt daneben Männer, die über achtzig Jahre sind und die ihr viertes künstliches Gelenk eingesetzt erhielten. Die meisten Männer über achtzig sind allerdings tot, daher nicht mehr sichtbar.

Fahrradfahren steht heute auf dem Programm. Das in einem Untergeschossraum in Reihe aufgestellte Gerät heißt in der Klinik Ergometer. Man muss gegen ferngesteuert verstellbare Pedalwiderstände antreten, während diverse am Körper festgeklebte Kabel den Kreislauf überwachen und protokollieren. Heute sehen wir sechzehn Herren und nur drei Damen. Was einiges über die Verteilung der Infarkte und Gefäßkrankheiten über die Menschheit zwischen 42 und 62 aussagt.

Vielen alten Menschen, ohne dass uns Jüngeren das bisher aufgefallen wäre, sitzt eine schreckliche Angst im Nacken, von einer ihnen immer gleichgültiger gegenübertretenden Restmenschheit vergessen, übersehen, willentlich ignoriert, einfach zur Seite geschoben zu werden. Wie sie andernorts aus Bussen und Zügen kurz, bevor diese anhalten, bereits ausgestiegen wären, wie sie von außen sich dann wiederum auch herein in diese Busse oder Züge zwängen, um auf jeden Fall die Plätze neben dem Eingang, von denen sie aufspringen können, bevor das Fahrzeug zum Stillstand gekommen sein wird, für sich zu sichern, lauern sie in der Klinik um den fast Zimmergröße erreichenden goldenen Aufzug. All ihre Rollatoren, dunkelblauen Gehhilfen, abgeschalteten Hörgeräte, unzulänglichen Gleitsichtaugengläser würden nicht ausreichen, sie, sobald die Tore des fahrenden Zimmers sich öffnen, diesen optimalen Platz geschwind belegen zu lassen, der an der Tür und dort auf den Sitzbänken ist, welche dankenswerterweise ums ganze Geviert sich an der Wand entlangziehen. Sie alle würden unterliegen, untergehen und verhöhnt werden, könnten sie nicht - wohl berechnet - ihre altersgemäße geistige Abwesenheit vorschieben, in der sie jetzt auf die Aussteigenden stracks zurennen und sie unterzuwalzen drohen.

Es kann kurz vor dem Mittagessen sein. Wir wissen, dass erstens für Alte und zweitens für Kranke und drittens für Menschen, die sonst nichts zu tun haben, Essenspausen die Feierstunden im Tagesablauf ausmachen und darum auf keinen Fall sieben Minuten später angefangen oder nicht bis zum Schluss, wenn die Teller fortgefahren werden, abgesessen werden. Wir warten auf Ebene zwei, was in der siebenebenigen Schädler-Weiß-Klinik dem künstlich erzeugten Erdgeschoss entspricht. Denn in einer topfebenen Landschaft liegt unsere Klinik auf einer kleinen Anhöhe, welche aus dem ausgeschachteten Erdreich ihrer Untergeschosse angehäuft worden ist. Die Zählung beginnt schon bei 0 (endet bei 6), da sonst die Ebene 2 nicht jene mit dem Eingangsatrium, dem Kiosk und eben dem Speissaal wäre. Hier stehen wir und fassen ein Vorhaben, uns zuerst die Hände waschen zu wollen. Nämlich am Wachbecken im Bad unseres verschließbaren Einzelzimmers - auf der Ebene 6 droben. Wir hören es sonor brummen. Wir hören es ruckeln und bremsen, die Stahltrossen zittern in zwei mächtigen Liftschächten, die nur wenige Meter voneinander entfernt anzutreffen sind. Ein dritter liegt ein paar Schritte weiter, um die Ecke und erlaubt daher nicht, die anderen beiden im Blick zu behalten.

Es dauert und dauert aber. Weil um diese Zeit auf jedem Stockwerk Menschen zusteigen, sich den möglicherweise immer noch Aussteigenden entgegenwerfen. „Pling“ macht es, man jagt selbst schon aufs vergoldete, verspiegelte Gefährt los und kracht gegen ein Rollatorgefährt, das auf Seiten der Aussteigenden als Sturmbock im Einsatz ist. Die dort befindliche Anfangsachtzigerin blickt einen durch und durch, wort- wie grimassenlos. Es reicht aber hin, die Infamität des Vorstoßes ermessen zu können.

Jetzt ist er leer, völlig menschenleer, der angenehm fleischfarben wie eine kuschelige Hotelhalle erleuchtete Fahrtraum. Wir drücken auf 6. Langsam rollen die Türen von seitwärts zusammen, da, wie ein Enterhaken, sperrt eine dunkelblaue Gehhilfe sich zwischen den Spalt, löst den Notfallmechanismus aus, beide Türhälften schieben sich auseinander. Die zugestiegene Einundachtzigjährige wählt Ebene 1. Man schmunzelt innerlich ein wenig, die muss jetzt mitkommen, da man die 6 schon gedrückt hatte. Noch allerdings fahren wir nicht. Denn eine zweite Dame und noch mal eine Gehhilfe hat sich eingeschoben. „Verzeihung“, flüstert der Neuzugang, an die sitzende Frau auf der Bank gerichtet. „Aber keine Ursache“, lächelt die Achtzigjährige. Man weiß, ehrlich, nicht, wie lieb die Menschheit umgehen könnte miteinander, wenn man in der Schädler-Weiß-Klinik bisher noch nicht war, wo einem solche Freude auf allen Fluren und Ebenen an jedem Tag begegnet.

Da geht es hinunter bis zur 1, zur ersten unterirdischen Ebene. Aber, wie kann das sein? Hatten wir nicht die 6? Nach einer Weile dämmert es uns. Noch während die Esser auf der 2 alle ausstiegen, hatte ein Stockwerk darunter jemand gedrückt, dann die Geduld verloren, war zu Fuß die Stufen zur Essensebene heraufgekommen. Jetzt geht es nach oben. „Ach, es geht ja aufwärts“, seufzt die Einundachtzigjährige, die sich für ihr Türstoppen vorhin entschuldigt hatte. Anscheinend wollte sie runter, zur Ebene 0 wohl, hat das Drücken aber unterlassen. Man denkt als Alter wohl gerne, was ich jetzt will, das wollen die auch. Wenn da zwei drinnen sind und ich will auf 0, dann wollen die das ja auch.

Es geht alles andere als rasch zur Ebene 6 empor. Zeit verging mittlerweile genügend, sodass auf sämtlichen Ebenen die Mittagessenpilger anstehen konnten. Der Lift

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