Lebenskünstler O: Eine ganz blöde Angelegenheit

Bild von Klaus Mattes
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Beim zweiten Mal fährt er ein neues Auto. Ich erkenne ihn nicht. Ich laufe die Mauer lang. Es ist lange nach Mitternacht. Er fährt vorbei, kurvt um den Block, wieder vorbei. Fünfzig Meter vor mir stoppt er, lässt mich kommen. Lässt mich stehen und warten.

Dann kurbelt er sein Fenster und sagt: „Können wir zu dir?“

Auf der Fahrt sprechen wir nicht. Das Radio ist an. Ich schaue ihn von der Seite an. Ist der es? Muss der sein. Sogar die Zeit stimmt wie auf die Minute. Dieser Typ, das war doch erst vor, na, lang her nicht, so ein verhuschtes Pummelchen vom Land, das rechts und links fast nicht aus seinen Sehschlitzen gucken konnte. Dennoch ist es er. Er weiß, wie man zu mir kommt. Vielleicht hat es ihm sogar gefallen. Vielleicht deshalb heute stracks zur Sache.

„Du bist ja von der schnellen Truppe“, sage ich. „Da waren heut noch ne Menge andre oben! Haben dich alle nicht interessiert?“
Marc sagt nichts.

Wenn man das erlebt hat, wie diese Burschen hinter ihren spiegelnden Scheiben sich schwer tun. Und dann so ein Junger, der sich nicht groß auskennen kann. Da waren noch mehr unterwegs, nicht einmal die schlechtesten!

Na gut, also derselbe noch mal. Der Verdruckste. Jetzt mit neuem Auto und im neuen Körper. Work-out, nicht länger Babyspeck, nicht mehr Mutters Textilmarkteinkauf, aufgerüschter Angeberzwirn. Um meine Wohnung hat er sich voriges Mal auch nicht gekümmert.
Smalltalk ist nicht Seins.

Genauso auf dem Rücken, passiv und fordernd, nackt bis auf die Socken, lag er da. Er stützt sich auf die Ellbogen, behält mich im Auge, bis ich nackt bin. Bis zu diesem Moment habe ich ihm drei neue Fragen gestellt und auf jede eine knappe Antwort von zirka sieben Worten bekommen.

Meine Finger tasten ihm die Wange.
„Damit eins von vorn herein schon mal klar ist: Küssen mag ich nicht.“
Sein längster Satz, Bestleistung.

Er ist am Abwarten. Auf Ellbogen abgestützt äugend, was ich zu unternehmen gedenke. Ich fasse verschiedene Stellen an. Mal schauen, ob es anderswo noch tabu ist. Außer dem Gesicht darf man aber alles. Den Mucks macht er, als ich sein mittelblondes Haar versuche. Diese Frisur hat was gekostet. Überhaupt, überlege ich, war der nicht dunkel, fast schwarz, letztes Mal? Peinlich, wenn man sich so einen nicht richtig merken kann. Obwohl er so toll gebaut ist.

Immer weiter Abwarten auf Ellbogen. Ich streichle und wichse und blase so hin und wieder. Ich schiebe die Hand zwischen ihn und mein Bett und walke die Unterseite. Richtig zündet das nicht. Wenn er seinen Arsch nur reichen könnte. Wenn er offen wäre. Wenn er zum Niederknien und Küssen wäre!
Was ich inzwischen annehme.
Würde er endlich kriegen, was er die ganze Zeit will.
Ich lege die Brille auf der Heizung ab. Dicke Brillengläser und sexuelle Leidenschaft schließen einander eher aus. Seinen Steifen hatte er, als er den Slip runterzog. Stocksteif ist er noch, sieht aber, schwer zu erklären, keine Spur nach Ejakulation aus.

Nur wenige Zentimeter bin ich weg, ich sehe ohne meine Gläser jedes Detail. Wenn ich versuche, den gesamten Jüngling ins Auge zu fassen, verschwimmt er mir. Das Fleisch ist hart und straff, geordnet und funktional. Männliche Schönheit im Grunde eigentlich. Aber von Natur sieht keiner so mannesschön aus. Selbst in diesem Alter. Hierfür musste er arbeiten. Aber wozu? Der Pummel, der Marc beim ersten Mal gewesen ist, war nicht schön, hat mir auch nicht groß zugesagt, aber irgendwie war er besser als dieser Marc von heute.

Außerdem läuft das immer noch nicht hier im breiten Bett.
Ich lasse ab von ihm. Das hätte ich früher machen können. Jetzt, wo ich drauf und dran bin, „Du, weiß nicht, glaub, das wird nichts mehr, wollen wir es nicht einfach lassen? Ander Mal“, zu nuscheln, bekomme ich meine sexuelle Reaktion. Marc nimmt meinen Schwanz. Er wichst, ernsthaft und mit Ausdauer. Ich lasse Marc mal machen. Ich mache die Augen zu, stöhne und seufze ein wenig. Fühle mich ein wenig aufgehoben, auch etwas glücklich und mit einem Mal spritze ich ab.

Marc sieht aufs Zifferblatt und sagt: „Um halb sechs muss ich raus.“

Was erklären mag, warum er, noch habe ich mich nicht abgeputzt, aus meinem Bett gehopst ist, Kleider und Schlüssel zusammensucht.
Er fertig fürs Ausgehen im teuren Zwirn, ich dicklicher, haariger Betagter, nackt auf dem breiten Bett lungernd, klebriges Sekret im Körperhaar. Kein stimmiges Bild, darum stehe ich auf und ziehe mich noch einmal an.
Marc fragt: „Gehst du noch mal in den Park?“
Ich lache.

„Was hast du mit deinem Körper gemacht? Hab dich fast nicht mehr erkannt.“
Er trainiert, sagt Marc, und: „Man sieht sich.“

Er möchte weg sein, ist aber noch hier. Ich habe registriert, dass ihm kurz zwei Gefühle entschlüpft sind. Erstens ist er stolz auf sich gewesen, was er mit seinem Körper erreicht hat. Zweitens ist er gekränkt gewesen in der Ehre, als er eine Sekunde dachte, er hätte mir nicht gereicht, ich würde zurückgehen und nach einem Besseren suchen.

Fahrig ziehe ich ihn her und wische ihm etwas wie einen Kuss über die Lippen. Ich weiß, dass ihn das verlegen macht.

Wochen später gibt es unser drittes Mal.
Irgendwann auch noch das vierte Mal.

Jedes Mal kommt mir schlechter vor. Ich muss Marc nehmen, denn einen dermaßen gut aussehenden Zwanzigjährigen kann man nicht von seiner Bettkante stürzen. Wer weiß, vielleicht kommt man an diesen Inbegriff nie mehr ran im übrigen Leben!

Ich walke die Muskelbrust, dazu wichse ich mich. Marc liegt auf seinem Arsch. Womöglich sieht er hoch zu mir, ich schaue nicht hinunter.

Nie wieder Küsschen beim Abschied.
Vier Mal Sex mit dem Katalog-Boy.
Vier Mal seine Sieben-Wörter-Sätze.

Jetzt weiß ich nicht, halte das Meiste für gelogen: Marc heißt er. Schafft in Mannheim. Wohnt in Siegloch, ein Dorf in der Gegend, hier, Kreischgau, wo ich aber nie war. Marc ist selbstverständlich extrem bisexuell. Für mich macht das keinen Unterschied, aber lässt gewisse Schlüsse zu, wenn sie einem das eilig aufdrängen und sonst so überhaupt nichts von sich hergeben wollen.

Außerdem weiß ich, was ihm möglicherweise nie aufgefallen war.
Man kann ihn lutschen, patschen, streicheln, fingern, wichsen, wie man will, so viel man kann, da geht ihm nie was ab. Wenn man selbst gespritzt hat, wenn er sich das hat anschauen können, geht

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