T 168: Der Garten der toten Bäume

von Klaus Mattes
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Es stimmt, meistens hat man nach dreißig Seiten schon raus, wie der Hase laufen wird in einem Buch. Wenn es nervt, denkt man, ich muss mir das bis zum Ende nicht mehr antun. Ich kann jetzt schon verkünden, welch Schmarren das ist. Aber in diesem Fall hat der Lautschläger sich getäuscht. Das Buch ist nämlich nicht mal ein „Roman“, wie vorne aber draufsteht, sondern eine zusammengekleisterte Sammlung von unterschiedlichsten Sachen aus offensichtlich weit auseinanderliegenden Entwicklungsphasen seines Autors, Konglomerat aus Stillagen und Themen. Man kann es nach dreißig Seiten nicht weglegen und meinen, man würde es jetzt kennen.

Stimmt, am Anfang badet Avni im Selbstmitleid einer unverstandenen Kulturtrine. Ein mädchenhaftes Sensibelchen, das nie geliebt worden war. Lautschläger tönte: „Eine übergroße Melancholie erfüllt dieses Buch.“ Dem Waschzettel des Verlags war es so ähnlich zu entnehmen. Später entblödet unser junger Israeli sich aber nicht, eine eigene flotte Vorabendsoap zu ersinnen, wie sie nach Autschens Herz hätte sein müssen.

Autsch: „Allein schon dieser Titel! „Der Garten der toten Bäume“, eine wunderschön poetische Formulierung! Gemeint ist allerdings der Cruising-Park in Tel Aviv. Das sagt viel über das Buch.“ Lach mich tot! Damals habe ich gedacht, das wäre ein Roman übers Leben von Leuten, die in einem bestimmten Park von Tel Aviv verkehren. Der „Garten der toten Bäume“ taucht aber nur am Anfang und ganz kurz vor Ende noch mal auf. Sonst gibt es da drin weder Parks noch Bäume. Wahrscheinlich hieß Avnis Ding im Original noch nicht mal so, der deutsche Verlag fand aber, es wäre eine Formel, die Menschen des Autsch-Schlages hinreißt. „Garten der toten Bäume“, „Friedhof der beschatteten Dattelzwetschgen“.

Unser junger Herr Avni ist zu Tode betrübt, weil er manchmal verantwortungslos geil wird, dann in diesen Park rennt und irgendwelche traurigen (!) Männer über sich drüber lässt. An sich ist Avni viel zu sensibel für so Sachen. Mich stört hier: Ich will wissen, warum der Park ein „Garten der toten Bäume“ ist. Wird da zu wenig gegossen oder wie? Munter zeigt Avni seine Metapher herum, erklärt nie, wo sie mit einer Wirklichkeit zusammenhängt. Das kannst du als Musterbeispiel nehmen, wie ein Buch beschaffen sein muss, damit Männerschwarm (Hamburg), wo es erschienem ist, wie aber doch auch Herr Degenhardt und sein Mannztoll-Verlag (Köln) überzeugt sind, dass es der edelste Kunsthonig ist. Obwohl Kunst ja nicht mal verkauft wird und Verleger eigentlich gezwungen sind, Bücher zu produzieren, die sich rentieren. Aber diese Pralinen reißen sie mit sich, so etwas bringen sie doch mal raus und kein Schwein kauft das, kein Verlag will die Taschenbuchlizenz haben. Nach drei Jahren verramschen sie es über die schwulen Buchläden für 6 Euro.

Unser Erzähler ist ein junger Mann und hat es mit anderen jungen Männern. Unser Poet entstammt dem Bildungsbürgertum, laboriert an seiner Mutterbindung und war immer mehr oder weniger ein Sissy-Boy, der sich zu den grobhändigen Maskulinbrocken hingezogen fühlte. Aber ihnen war er zu piepsig und weich in den Hüften. Ein Erzähler von Kunst solcher Klasse lebt einzig und alleine im Reiche der Wörter und der Kunst. Er hat Freunde und Bekanntschaften in jenem Sektor, Wörterozean, muss sich um so profane Dinge wie das Verdienen seines Lebensunterhaltes nie wirklich sorgen. Irgendein Mäzen oder Stipendium ist ihm nie ganz fern. Sein Buch hat einen exotischen Schauplatz. Zwischendurch fliegen wir - Stipendiat - nach Berlin und lassen uns die deutsche Geistesgeschichte von unseren One-Night-Stands kurz auch noch erzählen. Was man in solchen Kreisen beim Frühstück eben so redet, Arno Holst und Orlando, die Lassie.

Das Wichtigste jedoch: „Wir erleben bitte möglichst: nichts!“ Wir erleben: rein nichts, was Millionen von Jung-Schwuchteln dort erleben würden. Wir, wir belegen unsere Nicht-Erlebnisse aber eben nicht mit Nicht-Kunst-Wörtern, wie die anderen Schwuchteln sie schreiben, sondern tauchen sie in Schwurbelsätze hinein, die schemenhaft erahnen lassen, welche (Nicht-)Ereignisse es ursprünglich vielleicht doch einmal gewesen waren. Bevor sie zur Kunst übersetzt wurden.

Zum Beispiel schreiben wir ja nicht: „Ich fühlte mich unverstanden und einsam. Die Tage lagen vor mir voll endlosen Einerleis. Ich ging zum Strand und in den Park. Ich blies einem dieser Typen einen. Während ich mit geschlossenen Augen es mir selbst machte, konnte ich diesen Typen als muskulösen Seemann sehen, aber mit Mühe leider nur. Dann ging ich in die Wohnung hinauf. Dort fühlte ich mich leer und nutzlos. In dieser Nacht konnte ich nicht einschlafen.“

Sondern: „Ich sah hinaus über die konspirativen Dächer jener Ansammlung von Behausungen. Dahinter das Meer der Verworfenen. Schwarze Zusammenballung jeglichen Erloschenen, die ihre feinen Tentakel auswarf nach mir. Ich gehorchte dem Zug ein weiteres Mal, fand mich zwischen den toten Bäumen. In den Tanz der Einsamen reihte ich mich. Einer von jenen Einsamen, ein Pan mit Haarkranz, geleitete mich unter die tränend tropfenden Zweige. Das erstickende Gefühl schwoll mir auf und in dieser Nacht schlief es dann mit mir. „Jossilein, schlaf, schlaf doch“, hörte ich Mutter flüstern. Dann, hinter der Tür, Mutters wüstes Lachen. Sie trank mit einem der Männer Champagner, die nie ein Gesicht aufgesetzt haben.“
Also Selbsttherapie. Klar, Autschle konnte bei dergleichen nicht recht glücklich werden.

Das ist eine Sammlung von Zeugs, das ein angehender Autor in seiner Schublade rumliegen hat. Doch nur Romane verkaufen sich, sagte Degenhardt. Also hat Avni, keck, das zusammengestoppelt zum ersten eigenen Roman. Yossi Avni ist nicht ohne Talent. Der kann schon was. Zum Beispiel denken. Was Ingo Lautschläger nicht kann. Da nährt er sich all die Jahre von all dieser Bruno-Gmünder-Kost und kriegt nun auch noch Freiexemplare von Männerschwarm, zu denen er was schreiben sollte, sonst schicken sie ihm vielleicht keine mehr. Anfangs kam die legendäre SM-Trilogie. Das war ja nicht so ungeil. Jetzt aber „Garten der Dings“, dann von Autsch: Geschwätz, das einen auf Buch-Kritik tut.

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