Lebenskünstler C: Der schwarze Tänzer

von Klaus Mattes
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An einem Sonntag im Frühling des Jahres von Tschernobyl, keiner weiß genau, wie viel Strahlung der Waldboden gerade abgibt, machen mein Freund und ich unseren üblichen Spaziergang nach dem Essen. Dass unsere Beziehung nicht mehr lang leben wird, wissen wir noch nicht. Mein Freund hat das Studium beendet und holt seinen Wehrdienst auf der Hardthöhe nach, beim Verteidigungsministerium. Es wird seiner Karriere vielleicht nützen, wie auch seine Mitgliedschaft in der FDP, mit der ich ihn immer aufziehe. Mein Staatsexamen ist seit November schon Geschichte. Ein Referendariat kommt nach den großen Ferien. Unterdessen warte ich, was kommt. Es kommt nicht so sehr viel.

Jedes Wochenende kommt mein Freund mit dem Intercity und er schläft mit mir. Dann gehen wir mit Freunden einen trinken, seinen Freunden, wir kochen in der Wohnung, meiner Wohnung. Danach will ich in den Stadtwald, den möglicherweise nicht ganz so erfrischenden. Wir streiten über die Grünen und die FDP. Immerhin sind wir uns einig, dass eine von beiden ihren Schirm bald zumachen wird, nur noch nicht, welche. Kennen gelernt haben wir uns im Park. Vor anderthalb Jahren. Damals haben wir noch studiert.

Am Abend vorher sind wir in Prokofiews „Romeo und Julia“ gewesen. Mein Freund zeigt sich beeindruckt. Ich denke: Ja, so fette Schinken, das ist typisch, so was gefällt dir immer.

„William Harris ist ein unglaublicher Tänzer! Dass die so einen noch halten können! Du hast vielleicht gehört, er ist ja einer von uns.“
William Harris ist der große Schwarze, einer von den zwei schwarzen Tänzern im Corps de Ballet. Er ist Romeos Freund gewesen. Der mit dem Degen abgestochen wird.
„Ja, ist bekannt.“
„Vom Tresen? Kennst du ihn von da? Dort ist er nämlich. Da drin hab ich Harris schon gesehen. Er raucht, trotz dem Tanz.“

„Nein ... Nicht vom Tresen. Das geht rum über diese schwulen Stars. Der lange Neger vom Ballett, da weiß man immer, wer das sein soll. Hinter Negerschwänzen sind die Trutschen alle her. Wenn so eine Tante Jemima ihren Ehrenring von der Osvaldo-Cortes-Gesellschaft übergezogen kriegt, sind sie hin und nüber.“
„Schlecht sieht er nicht aus! Du wirst nicht behaupten wollen, dass man es ihm ansieht.“
„Na jaaa!“

„Wie's wohl ist mit ihm? My Boy Bill. Du, ich könnte es heute wissen, wie’s mit ihm ist. Ich meine, Harris war schon schwer hinter mir her.“
„Ach?“
„Vor zwei Jahrn. Im Park. Da war so ein riesengroßer Schwarzer, der es auf mich abgesehen hatte. Hat mich gefragt, ob ich Lust hab. Ich wusste aber nicht, wer er war. Na ja, diese Statur und ein Schwarzer, ich hab mich zu dumm angestellt. Eindeutiger Fehler, mit dem Wissen, das man inzwischen besitzt.“
„Ein dunkler Koloss trat aus dem Busche hervor und outete sich als Hupfdohle beim Stadttheater.“

„Mach mir meinen Bill nur nicht fad! Der hat formidable Körperbeherrschung, eine Wahnsinns-Sprungkraft. Hat nicht das Geringste zu tun mit Hautfarbe oder sexueller Präferenz. Er betritt die Bühne, du merkst die Präsenz, bevor er noch drei Schritte gemacht hat. Trutsche oder nicht, was die big black Boys so in der Hose haben, ist eine kleine Sünde wert, so im Allgemeinen. Ich bin einfach zu dumm gewesen, zu ängstlich. Ja, wenn er jetzt noch einmal anklopfen würd.“
„Lockicht Büblein, darf ich’s wagen?“

Mein Freund ist klein, er hat grüne Augen, eine Unmenge Sommersprossen und lockige Haare wie Kupfer. Eigentlich ganz nett.

Mitten in der Stadt, gleich an einer Straße, wo die ganze Nacht Verkehr ist, liegt der Park. Das eher kleine Geviert gipfelt in einem Hügel, auf welchem ein neogotisch nachempfundenes Schlösschen thront. Seit einigen Jahren befindet sich ein Museum für Bronzeplättchen, Petschaften und Vasenfragmente in demselben. Dieses Museum spiegelt sich unterhalb in einem wässrigen Weiher. Mit Kunstlicht geflutet wird tief in die Nacht. Fußgänger passieren nach neun oder zehn nur spärlich den Park. Am späteren Abend sieht der Kundige eine Handvoll Schatten huschen. Bei den Rabatten und Bänken sind Laternen an, da sieht man sie gehen. Unterdessen nimmt der Unkundige sie in dieser Atmosphäre für romantische Nachtschwärmer und Lebenskünstler.

Den sanften Hang zwischen Museum und Eisenbahnstraße hat man mit Rebzeilen frisch gekämmt. Des Mahnens an den spritzigen Gutedel zum Zwecke, welchen unweit dieser Universitätsstadt harte Arbeit einer trächtigen Krume entringt. Hinter dem Schlösschen fällt die Böschung hart und steil und auch weiter unten, seitab vom Wege, fällt das Gelände steil ab und kein Fremder würde wagen, in der Dunkelheit hinter diese Büsche zu treten. Dort allerdings bewahrt, hinterm verbergenden Strauchwerk, ein Handtuch-schmaler Streif festen Untergrunds vorm Abrutschen. Was ausgiebig sich gemustert unter Laternen, kann hier in die Sache mitten sich begeben, ohne allzu aufdringliche Zeugen.

Das weiß ich. Und sehe sie rein verschwinden und heraus huschen, alleine, miteinander, nacheinander. Jedoch trübe Subjekte und was sie hinterm Busch anstellen, möchte man vielleicht nicht mal erfahren.

Durch die Allee, durch die Reihe der Ruhebänke, schlendert ein großer Mann in schwarzer Lederjacke. Solche Jacken tragen, denke ich, die anarchistischen Hausbesetzer oder wohl auch noch die Anhänger schmerzbetonter Sexualumtriebe. Die Haut jenes großen, schwarzen Mannes ist schwarz. In einer Stadt, wo Studenten aus aller Herren Länder sich scharenhaft tummeln, sind Schwarze nichts Unübliches, aber, denke ich, dieser ist fürs Studieren ja schon zu alt. Ist er nicht gut und gerne zehn Jahre älter als - schon - ich? Schön anzusehen ist er nicht, vielmehr wie Rübezahl sozusagen, wenn auch ohne Bart, gewiss im Hinlangen viel härter als ich, sage ich verzagend mir selbst zu. Aber so einer besitzt auch ein Recht, mich innerlich zu bewegen und zu ergreifen, äußerlich, denn an diesem Platze wäre er „mein erster Neger“ mir, wenn auch notiert sein sollte, dass sein Haar sich vorn ja lichtet und die kurze, wie abgehackte Nase zum breitflächigen Gesicht nicht passt.

Das zu dieser Jahreszeit unvermeidliche Häuflein von Schwaflern und Babblern hat sich um eine dieser erwähnten Bänke gesammelt. Leute, die ich kenne, irgendwo von Weitem gewissermaßen, teils per schwesterlich schwulgruppalen Verbindlichkeiten, teils aus dem Tresen vom Deckenberäuchern her, teils, weil sie mir in die Nachbarschaft jener diskreter Büsche mehrfach nachgestiefelt waren. Vergebens. Alle diese dort! (Bislang.) Ausgerechnet ihnen zu, denen er nicht zugehören darf, gesellt sich der mächtige Schwarze. Dort lacht er, als seien mit ihm ein Herz und eine Seele sie,

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