Lebenskünstler P: Rossebändiger

von Klaus Mattes
Mitglied

Zwölf Monate lang besuche ich in Stuttgart eine Journalistenschule. Ferien werden im August sein; zuvor, Mai bis Juli, arbeiten wir als Praktikanten. Im September produziert der Jahrgang sein Gesellenstück, ein Stadtmagazin für den Stuttgarter Westen. Die Schule liegt im Stuttgarter Westen. Einstweilen, wir haben noch Mai, pendele ich jeden Tag zur IHK, die mich als Praktikant akzeptiert hat.

Georgios ist schon vor längerer Zeit nach Stuttgart umgezogen. Die Gruppe hatte ich nie ohne ihn als Führerfigur erlebt. Bis vor kurzem ist er einmal die Woche extra hergereist im Zug. Jetzt ist er dazu übergegangen, die Gruppen in Stuttgart abzuklappern, um sich ein Bild zu verschaffen. Erzählt er, was er dabei erlebt hat, spürt man, dass er kaum noch Hoffnung hat, eine zu finden wie die von Reuenthal.

Einmal pro Monat, an Sonntagen, trifft sich ein „Arbeitskreis Schwule und Lesben bei den Gewerkschaften“. Seit seiner Jugend ist Georgios SPD-Mitglied, der Metallergewerkschaft hat er nie angehört. Aber das ist eine Gruppe, die es hier noch gibt. Als ich Georgios besuche, er wohnt im Westen, mache ich mir Gedanken über den Text für unser Stadtmagazin. Sonntags gibt es auch noch den Tanz unter freiem Himmel für Lesben und Schwule. Auf der Wiese beim Schloss Solitude, das zwar hinter den Wäldern liegt, verwaltungstechnisch aber auch noch zum Westen gehört.

Georgios sagt: „Komm vorher doch mit zu den Gewerkschaften! Die Zeit reicht. Wenn’s schlimm wird, gehen wir.“
Für meine Stadtteilgeschichte spielt der Gewerkschaftskreis keine Rolle, das Vereinslokal ist in der Stadtmitte.

Wir kommen zu einem Gemäuer, sieht wie ein Büroblock aus der Wiederaufbauzeit aus, das gehört der Evangelischen Kirche. Wir laufen Flure lang, wissen nicht, ob wir richtig sind. Die Tür war offen, das Haus wirkt verlassen. Ich frage, ob er Bescheid gegeben hat, dass er kommt.
„Nein, da kann man immer kommen, die sind öffentlich.“
Er reißt eine Tür auf.

In dämpfiger Stube sind Tische versammelt im Viereck. Eine Ansprache wird gehalten, der Vortragende schaut vom Blatt auf, nickt Georgios zu, setzt seine Rede fort. Er ist meinem Alter, Mitte dreißig. Allerdings strahlt er so eine Verkniffenheit aus, dass ich mich zu fragen beginne, ob der hier ist, weil er im Boden schon fest war, als sie das Gebäude um ihn hochgezogen haben. Obwohl der Raum klein ist, scheint er leer; des Redners Zuhörerschaft besteht aus drei Personen. Zwei verhuschte kleine Mädel, die gehen wohl zur Schule, und ein kleiner Blonder.

Mit Abebben des Vorsitzenden beginnt nun dieser Blonde vorzutragen. Ihm, dem Protokollanten, fehlen einige Daten vom vorigen Mal, der Vorsitzende möge das nachtragen. Die Lesben sitzen still. Die Stuttgarter Gewerkschaften hatten uns eine Minute gemustert, jetzt machen sie weiter ihr Geschäft.

Wie sich erweist, nimmt jeder seine besondere Funktion wahr. Der Vorsitzende schickt Forderungen an Genossen, straff und sicher antworten sie aus ihren Funktionen hervor.

Ob die beiden Mädis ein Liebespaar sind? Geiert der Vorsitzende nach dem Fleisch des Blonden? Andererseits soll es eine Vielzahl sonstiger Mitglieder geben, die jetzt nicht erschienen sind, sich parat halten im Hintergrund für kommende Ereignisse. Georgios und ich schicken uns Blicke; das Signal zum Aufbruch gibt er mir nicht.

Georgios müsste, wieso komme ich erst jetzt drauf, sehr ansprechbar sein für die Vibrationen des Kleinen. Der schwatzt wie ein biederer Neckarschwabe, hat seine vergaunerte Teddybärenschnute aber auch. Brauen und Iris sind sehr dunkel. Das übrige Gesicht verzaubert nicht so, nicht wirklich. Babyspeck muss weg. Doch Matthias macht mich neidisch. Jeder will diese putzigen Munteren lieb haben. Schwules Kindchen-Schema. Noch nie fand einer mich auf so eine Art süß.

Die Sitzung nähert sich einem Ende. Die Mädis wollen gehen. Da erhebt der Vorsitzende noch mal die Stimme, fragt, was die Neuen sich erwartet hätten. „Ich bin ein Gast“, werfe ich ein. „Ich gehöre keiner Gewerkschaft an.“ Recherchepflichten treiben mich hinauf zur Tanzwiese der Solitude. Wie sich herausstellt, will der Kleine auch hin. Gleich kämen Freunde mit einem Auto.

Ich bin nicht blöd, dass ich nicht gemerkt hätte, dass zwischen diesem Teddy und mir brutzelnde Blicke liefen. Interessiert ist der, das ist schon klar.

Auf der Stadtautobahn brausen wir zum Wald. Insofern harmlos sind die Freunde, als es sich um zwei handelt, die was miteinander haben.

Der lesbisch-schwule Tanzkreis ist groß, mehr Frauen als Männer. Alle sind sie blutjung. Was nicht viel heißen muss. Die Buben sehen wie angehende Reihenhausbauherren aus oder wie Rasenmäher. Hier hat die abenteuerabstinente Bevölkerung sich zusammengefunden.

Ihre Tanzlehrerin, in ihren Vierzigern, besteht darauf, dass sie nur noch pünktlich oder gar nicht mehr antanzen. Tanz soll Lust machen, sie will aber, das wissen sie, auch etwas erreichen mit ihrem Programm. Außerdem droht sie, dass sie aus dem lesbisch-schwulen Tanzkreis einen lesbischen machen könnte, es seien allmählich zu viele geworden. Sie sagt, sie hat auch ihre Unkosten. Deshalb wird am Ende ein freiwilliger Austritt bezahlt werden. Auf Derartiges war ich nicht vorbereitet. Ich bin geizig.

Wir nehmen uns bei den Händen. Wir hoppeln Sirtakiges. Wird anders genannt, den Namen vergesse ich gleich, nicht relevant für meinen Stuttgarter Westen. In braunen Halbschuhen und in dem Alter komme ich mir hier dumm vor. Stützend und steifend lächelt der Blonde. Im Drehbuch steht bereits, ich muss ihn nachher noch fragen, ob wir noch was trinken gehen. Ich kann das doch nicht.

Sehr viele von den Tänzerinnen und Tänzern gehen was trinken. Und in ein Lokal im Westen. Matthias fragt mich, ob ich denn nicht auch will. Ich komme zwei Plätze zu weit rechts zu sitzen. Sowieso stellt Matthias sich als der Mittelpunkt dieser kleinen Gemeinde heraus. Die Lehrerin und die meisten von den ehrgeizigen Lesben sind selbstverständlich nicht mehr dabei.

Es wird dunkel draußen. Matthias wohnt in Ebersbach. Ebersbach ist im Filstal, hinter Plochingen. Bis Plochingen geht die S-Bahn, dort muss er umsteigen. Vor uns liegen nur noch die drei S-Bahn-Stationen bis Hauptbahnhof, wo ich umsteigen muss. Der Ausdruck in seinen Augen ist anders, fragend, kalkulierend; dann wieder verhüllt.

Überraschend steigt er am Hauptbahnhof ebenfalls aus, obwohl der Zug bis Plochingen gefahren wäre. Aber da ist nichts; da müsste er auf seinen Eilzug warten, der in der Perronhalle oben nachher abgeht.

Wir stehen da. Er fragt, ob ich eine Idee habe, was man machen kann.
„Wir könnten zwar in den Park. Aber dafür ist es schon zu knapp.“

Ich bin mir nicht sicher, ob er solche Scherzchen mag. Wenn man bei uns einen Schwulen kennen lernt, lässt man nicht gleich fallen, dass man sich öfters des Outside-Cruisings im Stadtpark zu bedienen pflegt.

„Bist du manchmal da drin?“, fragt er.
„Bin schon durchgelaufen, Stammgast nur bei uns daheim. Und du?“
Er sagt nein.
Findet er es minderwertig, wenn man’s im Park macht?
Er lacht. „Dann wäre ich auch minderwertig, weil ich auf Klappen geh. Park ergibt sich nicht bei mir.“

Er arbeitet in Degerloch, Nähe Bahnhof. Da oben ist eine gute Klappe. Stuttgart sei die Hauptstadt des Klappensexes, sage ich, hat mir einer erzählt, der es wissen muss.
„Ein Junger, Gutaussehender, groß, blond, Ralf heißt er. Kennst den möglicherweise, er wohnt in Reuenthal.“
„Alle kenn ich auch nicht“, sagt Matthias und klingt beleidigt.

Dann ein Mördergrinsen.
„Los! Du führst mich in den Stuttgarter Park!“
Womit alles gesagt ist. Sein Eilzug nach Ebersbach ginge in wenigen Minuten; wer trotzdem in den Park will, muss Größeres planen.

Ich gebe mit meiner Ortskenntnis an: „Hier und in der Klappe und auf dem Parkplatz, dort drüber, sind die Stricher. Da muss man annehmen, dass die Herren auf dem Mäuerchen dort die Freier sind.“
„Gehen wir weiter!“
„Anscheinend kennst du dich so schlecht gar nicht aus!“
„Durchgegangen ist jeder mal.“

Wir gehen das Stück bis zum See. Matthias sagt, er ist zweiundzwanzig und holt das Abitur nach. Studium später woanders. „Stuttgart ist eher ...“
Na ja, sagt er nach einer Pause, es war seine Welt, als er im Filstal hockte.

Gleich nach dem See schneidet die Straßenquerspange durch die Anlagen. Wir stehen und müssen den Radfahrern ausweichen, die vorbeischießen. Dann kümmern wir uns ums Gebüsch. Ganz hinten kann keiner raus, aber auch keiner rein; ist alles eingezäunt. Da stehen dann Bäume, keine undurchdringliche Hecken darunter, nur etwas Unterholz. Man steht, bis die Augen sich an die Lichtverhältnisse angepasst haben, dann bemerkt man Bewegung.

„Und wo machen sie es hier?“, fragt er.
„Ich sag ja, dass ich mich nicht auskenn. Drüben im japanischen Garten oder was das sein soll.“
Matthias gefällt es dort nicht. Das Café am See ist hell erleuchtet, auch hier stehen Laternen, zwischen den Zwergdatteln würden die Silhouetten sich abzeichnen.
„Wahrscheinlich genau hier, wo wir jetzt stehen.“

Ein Schwuler steht auch schon da und rubbelt sich an seiner Lederhose.
„Geh’n wir“, sagt Matthias.
„Das war’s aber. Da kommt nur noch die Straße.“
„Aber die Anlagen gehen weiter auf der anderen Seite.“
Führt er mich oder lässt er sich führen?

Wir nehmen den Steg zu den Unteren Anlagen, kommen an dem Rossebändiger mit dem klassischen Arsch vorbei, den sie auf dem Kneipenblättchen abgebildet hatten. Wir sind an der linken Seite, bei der Bahnlinie nach Cannstatt. Die Radfahrer sind woanders; hier ist es ganz leer. Die S-Bahn fährt hoch droben, die Lichter sausen durch die Blätter der gewaltigen Platanen, die in einer Reihe stehen.

Erstmals in diesem Leben fasse ich ein Stück vom drolligen Matthias aus Ebersbach an. Ein Stück seiner Hand.
„Wie wär’s hier?“

Er umarmt mich. Nur kurz.
„Das ist alles offen. Hier machen die das nicht. Da müssen versteckte Stellen sein.“
„Ich kann das nicht wissen. Komm mit rüber!“

Ich stapfe vom Weg weg, zwischen die weit auseinanderstehenden Bäume, durch modriges Laub. Jetzt kommt der Unterbau vom Gleisgelände, das Vorfeld vom Hauptbahnhof. Kapellennischen sind hier unten keine drin. Er hat mich umarmt. Er will was. Hier ist keiner. Er soll sich nicht so haben.

Direkt unterhalb der Mauern und Bögen steht man in Finsternis. Das Licht der Eisenbahn reicht nicht hierhin. Man steigt über Hügel aus Jahre altem Biomüll und Unrat, geheime Mäuerchen und Fundamente in der Erde, als hätte es einst Schuppen und Keller gegeben. Ich stolpere und kippe in eine Rinne. Das ist gar nicht tief, ein halbes Männerbein hoch, unten betoniert. Matthias steigt hinab. Er ist kleiner als ich, ragt nicht weit aus dem Boden. Es rumpelt über unseren Köpfen. Licht schießt durch die Kronen.

Meinen Hosenstall hat er gefingert. Wir küssen uns lange und wüst, versuchen einander zu verschlingen, aufzuessen. Wir sind im Dreck, machen jenen Teil unserer Hosen auf, wo das Licht scheinen wird, wenn vom Weg her einer die Taschenlampe auf uns richtet.

Matthias ist genau, was ich brauche. Vom Körper her scheint bei ihm die Entwicklung den Abschluss nicht erreicht zu haben, aber man merkt ihm die männliche Gier an, sich zu verschaffen, was er haben will. Er sucht die Unterlegenheit, das Besessenwerden von einem, der so entschlossen ist wie er selbst. Niedlich ist nichts mehr an ihm. Was einen erregt, ist, was man zu tun hat.

„Du schwitzt wie verrückt!“, keucht er.
„Halt’s Maul“, sage ich innerlich.
Wir haben das Stadium erlangt, wo man weiß, was im Anderen ist. Er sagt also kein Wort mehr. Ich weiß, dass er in sich den Schwanz haben muss. Er weiß, dass mein Schwanz möchte.

Im selben Moment hören wir dann beide auf. Wir haben keinen Gummi; das Risiko wollen wir nicht eingehen an dieser Stelle.

Jetzt nicht kommen!
Aber zu spät; es pladdert in die fauligen Überreste. Mein Gehirn formuliert Bedenken über diesen kotigen Untergrund, in den der Stoff gesunken ist. Wer so was denkt, weiß, dass es offensichtlich gelaufen ist.

Zwar lache ich dagegen an und halte ihn, küsse vielleicht gerade einen, der auf die Älteren eben abfährt, sich schlau für den lahmen Sonntagabend mit was versorgt hat, das ihn zu nichts verpflichtet.

„Hast du den Zug verpasst?“
„Sicher. Du hast deinen verpasst.“
„Geh’n wir?“

Schweigend gehen wir über die Brücke, vorbei an den Gebüschen der Männer, zurück zum Strich beim Planetarium und zur Bahnhofshalle. Während des Schweigens werden wir uns so fremd, wie wir es waren.

Matthias läuft zum Kiosk. „Ich muss was trinken!“
Wir sehen auf dem Plan für die Abfahrten nach. Die Züge fahren stündlich zur selben Minute; wieder geht Matthias‘ Zug vor meinem. Er muss fünfundzwanzig Minuten warten. Wir sehen den Menschen zu. Wir zeigen auf Männer, die wir für gut aussehend halten. Der steht jetzt noch hier, weil es unhöflich wäre, einfach schon zu gehen, denke ich.

Zum Tanz an der Solitude werde ich nicht mehr fahren.
„Mit Tanzen hatte ich’s nie. Die Anfahrt, das kostet. Das war wegen dem Artikel für unsere Zeitschrift.“
Man sieht sich einmal. Hier ist Stuttgart. So arg viele Lokale und Treffs hat man nicht.

„Streich dir übers Haar! Du siehst verwegen aus.“
Ich streiche über den Kopf, rufe: „Ach, egal! Immerhin hab ich was getan.“

„Ich geh schon rüber“, sagt er. „War schön mit dir. Hat mir gefallen.“
„Äh, du ...“
„Ja?“
„Adressen tauschen wir nicht?“
„Komm! Mach dich jetzt nicht noch lächerlich!“
„Du sagst es. Tschüss, Matthias.“

Das Studium wird in Berlin sein. Dorthin muss fast jeder.

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Kommentare

10. Aug 2016

Ließ sich spannend lesen - wenn auch irgendwie verwirrend ,,,