T 144: Stets ein rotes System überall

von Klaus Mattes
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> Ein Teenie-Huhn?
Dieses scheint der Rot selbst zu ahnen. Heute gab’s ein konstruktives Metagespräch. Frau Rot bekam das bravourös hin. Bei Wucherpfennig, Pommerenke, Michelle noch dachte ich, man könne die Probleme, die sie einem erst machen, nie offen ansprechen, bei Rot geht dies. Man klagt, auf die Konstruktive putzt sie es weg. Mein Ansinnen lehnte sie ab, etwas, das sie vorgestern zum ersten und einzigen Mal erklärt hatte, noch einmal, eventuell selbst noch ein drittes Mal zu sagen, wenn ich explizit bitte und versichere, danach würde ich meinen Fehler nie mehr machen.

„Wenn ich jemand haben wollte, dem ich alles fünf Mal erkläre, könnte ich ein Mädchen von der Schule nehmen.“ Diese Frau hat ihre Erfahrungen.

> Ich glaube nicht, dass ein anderer Lehrling viel mehr entsprechen könnte.
Nun, Olaf Steller kennst du noch nicht. Ein dünner, unscheinbarer Typ mit stark ostdeutschem Zungenschlag. Soll der Gegend Dessaus entstammen. Jemand, der sich immer schon als Quelle jeglicher Störung empfunden haben muss, lammfromm und diensteifrigst herumschleichend, zappelig im direkten Gespräch, nervös, überservil. Einer, der es allen recht machen will und den wahrscheinlich niemals irgendwer gern haben wird.

Mir wurde klar, dass Steller sich im Laden nach einem Jahr Ausbildung kaum sicherer fühlt als ich. Er sagt immer Ja, wenn ihm was vorgehalten wird. Magalie Rot ist eine, die alles unter Kontrolle haben muss. Ständig spürt sie Fehler auf, redet einem ins Gewissen, sanft insistierend. Aber man darf wohl sehr viele Fehler machen, bevor sie böse wird. Aber man verliert doch den Mut. Immer findet sie was. Wahrscheinlich meint sie es gut. Sie will ewig erziehen.

> Sie versucht, dir Anspruch aufzudrücken.
Dass sie ganz anders ist als ich, war mir beim Vorstellungsgespräch schon klar. Aber ich durchschaute da noch nicht ihre durchgehaltene Rolle des kleinen, verhuschten, herzensguten Fraueles. Ich nahm die Müslimaske, die sie vorzeigt, als das angeborene Naturell.

Von Büchern versteht sie recht wenig. Doch ihre Kundengespräche sind geschickt. Sie preist die Bücher so an, dass man nie draufkommt, dass sie die nicht gelesen hat. Sie hat keine Zeit fürs Lesen, weil sie arbeiten muss ohne Rast und Ruh’ - fürs Gute. Und noch einen Ehemann erziehen. Die Eurythmie-Gruppe leiten. Den Lesezirkel für Vorschulkinder. Und noch einen Lesezirkel für Grundschüler. Ihre kranke Mutter besuchen und deren Haus ordnen. Ihr eigenes Haus in Schuss halten - samt großem, wunderschönem Garten. Mitarbeiter schulen. Perfektion, wo immer du hinsiehst.

Einen Zusammenbruch hatte sie schon. „In einer Woche sind meine Haare weiß geworden.“ Sie ist zwei Jahre älter als ich. Der nächste kommt gewiss. Was sie an anderen schwer erträgt, weist sie selbst auf: nicht zuhören, vieles vergessen. Sie stellt eine Teetasse irgendwohin, legt die Schlüssel beiseite, später muss sie alles absuchen. Autistische Züge. Wenn sie eine Greisin sein wird, dürfte sie unerträglich sein. Hörbehindert ist sie heute schon und hat das zur hohen Schule ihrer Unansprechbarkeit entwickelt. Was sie nicht hören will, hört sie nicht. Wenn man nicht locker lässt, schwätzt sie einem irgendwas ins Wort rein, damit man einsieht: Sie hört nicht, wenn sie nicht hört. Dann eine freundliche Leerformel und der Käs’ ist gegessen. Selbst gebärdet sie sich - auch in privaten Dingen - als Breitwanderzählerin. Pikiert, wenn man dann etwas nicht behält. „Aber dass ich in Heiligbrunnen gearbeitet habe, das wissen Sie doch! Das habe ich Ihnen doch erzählt!“

Nachdem ich (im Gefolge zweier Wochenenden) berichtet hatte, wo ich wandern war (Schwarzwald, Pfälzer Wald), verbittet sie sich jegliche Hilfe, wenn ein Kunde nach einer Wanderkarte für Baden-Baden fragt. Ich begründe, der Gaul sei mit mir durchgegangen, da ich ein Freund des Wanderns wäre. Sie: „Ach wirklich? Ich auch.“ Wenn vor ihrer Theke ein Muttchen mal ins Schwafeln gerät, beschleicht mich eine Ahnung, eigentlich denkt Rot die ganze Zeit was andres. Sie führt nur weiter ihr Nonnenlächeln spazieren, der Kundin fällt sanft gejubeltes „Ja“, „Ja“, „Ach ... ja“ von Zeit zu Zeit zu.

Man kann nicht streiten mit ihr. Alles hat mit Liebe und Verständnis ausgetragen zu werden. Das heißt nichts andres als: Bei allem, was zweifelhaft ist, ist die gute Frau immerdar im Recht. Es muss dann mit Liebe und Verständnis geantwortet werden, bis aller Widerstand schweiget und jeder Gegner es irgendwann eingesehen hat. Gegenargumente würden der reinen Liebe widersprechen.

Unser konstruktives Gespräch hatten wir jetzt. Sie weiß, dass ich über Fehlermachen und nicht auswendig lerne. Sie rät mir zu Gelassenheit, innerer Ruhe. Es wäre viel gewesen. Ich bräuchte etwas Ruhe. Hübsch gesagt, wenn doch sie diejenige ist, die gnadenlos die nächste Aufgabe stellt, wenn sie mich eine Sekunde jemals erwischt, nicht schon bei einer zu sein!

Buchlaufkarten sind die gelben Zettel, die in den Büchern stecken. Wenn du ein Buch kaufst und die Buchlaufkarte mitbekommst, hat der Buchhändler einen Fehler gemacht. (So wie ich.) Für Sulzbach schreiben wir die Karten zwei Mal. Eine kommt ins Buch in Sulzbach, eine nach Brettheim zurück in die Kartei. Also die von mir in Brettheim immer eingeräumte Kartei. Wo Rot auf rationelles Arbeiten achtet, wird mit Pauspapier gearbeitet. Obere Karte Kugelschreiber, untere Karte identischer Inhalt, blau gepaust. Ich ordne die Sulzbacher Karten in die Bücher, nehme dazu jeweils das Original, weil es vielleicht besser aussieht. Frau Rot: „Hach, jetzt haben Sie überall die falsche genommen, in die Bücher muss die Kopie.“ Ich: „Macht das denn was?“ Echauffiert: „Das macht was! Sie haben das System durchbrochen!“

Innerlich chaotisch, braucht sie System überall.

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