An der Startrampe D - Fieberbläschen

von Klaus Mattes
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Frau Sauer ist eine eindrücklich voluminöse Person, die seitlich vom Stuhlkreis abwärts fließen möchte. Sie trägt labbrige, überaus bunt gemusterte Stoffbahnen aus leichtem Kunststoffmaterial. Frau Sauer bedient freigebig unser aller kleines Marzahn-Neukölln-Plattenfrau-Klischee, obwohl wir uns Aberhunderte Kilometer und Äonen weg aufhalten in diesem Text. Jedenfalls ist sie über fünfzig, die unverheiratete Mutter eines mittlerweile erwachsenen, kognitiv aber zurückgebliebenen Kindes. Sie hat kupferglänzendes Haar, unverkennbar gefärbt, welches, vom ersten Tag an, in seiner Mitte einen weißen Scheitel beziehungsweise Streifen aus der Naturfarbe umfasst. Übrigens sieht ihr Haar nie wirklich gewaschen aus und nach vier Wochen spaltet Weiß immer noch das metallische Rot, allerdings breiter.

Jeden einzelnen Morgen, denn keinen lässt sie komplett wegfallen, prustet Frau Sauer ausgepumpt von der Haltestelle herbei und ist wieder zu spät, ausnahmslos niemals pünktlich. Sie müsste eine halbe Stunde früher den Bus besteigen, um je rechtzeitig oder entspannt anzukommen.

Die Startrampe, repräsentiert durch die Dozentin Henkenhaf, wünscht sich, dass alle Teilnehmer ihre schriftlichen Bewerbungsunterlagen zum Strahlen bringen und sie dann als pdf verschicken. Auf Grund einer exklusiv von der Reuenthaler Startrampe entwickelten Geheimwaffe, die die Bezeichnung „Kompetenzprofil“ trägt, lobt man sich öfters und gerne selbst. Es gibt eine Vorlage, eine Schablone, die soll jeder für den jeweiligen Spezialfall abändern - und falls was ist, um Hilfe rufen bei Frau Henkenhaf. Frau Sauer kennt dergleichen noch nicht. Vielmehr sucht sie sich täglich frisch übers Handy und meinestadt.de die Stellen für Putzfrauen zusammen, ruft gleich an, hört als Erstes oft die Absage und spart sich vergebliche Busfahrerei. Wir kommen nicht aus Frau Sauers Gewerbe, aber wir denken uns, na ja, wir würden auf sie verzichten, sobald wir sie gesehen hätten. Körperlich erweckt Frau Sauer nicht den Eindruck, sie würde im Laufe des Tags sich besonders viel und ersprießlich bewegen.

„Oben links, Datei, da jetzt hin und klicken!“
Frau Henkenhaf kann nicht immer überall sein und wir helfen unserer Nachbarin. Gerade eben noch hatte Frau Sauer das, zugegebenermaßen ja englische, Wort „enter“ nicht kapiert und ungeduldig hatten wir ihr in die Tastatur hinein gelangt und es dort gehackt.
Frau Sauer guckt gutwillig, kann mit dem neuen Kommando jetzt auch wieder das Geringste nicht anfangen.
Wir erläutern es: „Ganz oben in der Leiste, ganz links! Sehen Sie das Wort Datei?“ (Es heißt doch wohl Leiste? Aber versteht Frau Sauer das?)
Und dann dämmert es uns. Sie versteht alles gut, was wir sagen, aber sie kann es nicht selber dort oben lesen. Bereitwillig lässt sie ihre Maus los und wir fahren hin und klicken.
„Neu. Jetzt auf Neu!“
Neu besteht nur aus drei Buchstaben und kommt in jeder Werbung vor. Frau Sauer mag eine beinharte Analphabetin sein, aber Neu muss sie identifizieren können.

Neu ist es nicht, aber es dämmert uns dann auch wieder. Schon am ersten Tag in der Vorstellungsrunde hatte sie Frau Henkenhaf freimütig gestanden, dass sie sich mit Lesen schwertue, was uns damals „nicht so wild“ für eine arbeitslose Putzfrau vorgekommen war.

Irgendwann hatte Frau Henkenhaf die Lust auf sie wohl verloren oder sie vergessen. Alle Vollzeit-Maßnahme-Teilnehmer sind bis zum Ende gelangt mit den Hauptstücken ihrer elektronischen Motivations-Anschreiben-Bewerbung. Frau Sauer hat kein Anschreiben und wird es auch nie haben, wenn es nicht einer ihr schreibt, der schreiben und den PC bedienen kann. Doch warum sollte irgendwer es tun, wenn er ahnt, Frau Sauer wird in Jahren ein Smartphone, aber niemals einen PC benutzen, würde dann auch nicht wissen, wie man ihn hochfährt und seine Unterlagen wiederfindet. Immer weiter wird Frau Sauer persönlich, im vollen Umfang ihres Fleisches zu den in Frage kommenden Arbeitgebern hasten.

Frau Sauer schnieft, sie schleimt und hustet. Es geht was rum in diesen Tagen. Frau Henkenhaf hat das auch gehört. Frau Sauer hustet kalten Rauch ab. Ihr sei heut Morgen gar nicht badisch, man sehe wohl, das rote Gesicht, das sie da habe. Man hatte sich gedacht, die hätte ihre Sonnenbrandröte seit Jahren, aber nun stellt sie sich als Symptom eines prekären Zustands heraus. Immer müsse sie nach Luft schnappen und die Fieberbläschen, die sie im Gesicht hätte. Wir hatten uns gewundert, wie diese dunkelrote Scharte unterhalb von Frau Sauers Nasenspitze zu Wege gebracht sein konnte, die sie uns, von was spricht sie wohl sonst, hiermit als „Bläschen“ vorzuführen beliebt.

Anderntags kotzt Frau Sauer ihre schwarze Raucherlunge neben uns von schlundtief in den Stuhlkreis vor. Wir schauen sie entgeistert an oder pikiert.
„Des isch nur meine Pollenallergie, anschteckend isch es ned“, trachtet sie zu sänftigen.
Und die krustige Scharte über ihrem Mund hat sie auch noch.

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