Auszug aus dem Leben eines Mädchens (11)

von claire brady
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Um meiner Tante ihren Freiraum wieder zu geben, beschloss ich zurück zu Mama zu ziehen. Mama war mittlerweile wieder Single und lebte mit meinen beiden kleinsten Geschwistern in einer Dreizimmerwohnung. Sie war immernoch nicht sehr bedacht, was den Haushalt betraf. Ich putzte fast täglich die ganze Wohnung, das war eben der Preis dafür, wenn ich mich wohlfühlen wollte. Mit meinem Azubigehalt konnte ich mir leider keine eigene Wohnung leisten.

Die Wochenenden gehörten weiterhin Liz. Wir gingen nur noch selten in Die Disco, ich konnte mich irgendwie nicht dafür begeistern. In der Stadt machte eine kleine Bar auf, genau mein Ding und fortan sollten wir dort Stammgäste sein. Es gab Cocktails für vier Euro, die ganze Nacht lang. Genau richtig um sich abzuschiessen und dem Gedankenkarussell den Garaus zu machen.

Ich war manchmal so besoffen, dass ich nicht weiß mit wem ich überhaupt rum machte. War es der Barkeeper, irgendein Typ oder der Obdachlose vom Ende der Strasse? Es interessierte mich nicht, Hauptsache ich wurde begehrt, nur dafür ging ich überhaupt dort hin. Doch irgendwann reichte das nicht mehr aus. Da war wieder diese Sehnsucht nach Liebe, richtiger Liebe, das Verlangen nach richtigen Gesprächen und Interesse an meiner selbst.

Bei Mama begann ich wieder das chatten. Ich fand rasch jemanden, der mein potenzieller neuer Freund werden könnte. Sein Name war Chris, er hatte strahlende grüne Augen zum versinken und war Soldat. Ich machte ein Blinddate in der Bar aus und zum Wochenende trafen wir uns. Liz und ich waren schon vorher da. Nach ein paar Cocktails blickte sie zur Tür und fragte mich ob ich dieses Gerät gesehen hab. Tja dieses Gerät war mein Date. Ich ging zu ihm und fragte ob er denn gleich wieder gehen wolle, ihr wisst ich hatte die Befürchtung sowas geiles kann nicht auf sowas wie mich stehen. Doch zu meiner Überraschung lächelte er, nahm meine Hand und ging mit mir zum Tisch.

Chris und ich verstanden uns super und ich musste ihn mir nicht einmal schön saufen. Wir redeten über Gott und die Welt. Ich erzählte ihm belanglose Kleinigkeiten über mich, ich wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen, denn wer würde einen Psycho ein zweites mal daten? Chris schaute mir immer wieder tief in die Augen, bei ihm wollte ich alles richtig machen, also wartete ich bis er den ersten Schritt wagte. Nach ein paar Stunden küsste er mich. Es fühlte sich anders an als mit meinen Bangern, richtiger irgendwie.

Es war circa fünf Uhr morgens und Liz bot ihm an, dass er mit zu ihr nach Hause kommen könnte. Er fragte, ob das okay für mich sei, wenn wir uns die Couch teilten. Ich hatte absolut nichts dagegen. Liz hatte das Glück sich hinzulegen und direkt einzuschlafen, jedes mal aufs neue. Darauf war ich richtig neidisch. Wie konnte man so frei sein und einfach an nichts denken ?

Chris versuchte nicht annähernd mich anzufassen, er hielt einfach meine Hand und hauchte mir ein liebevolles „gute Nacht Prinzessin“ in die Ohren. Prinzessin ? ich? Könnt ihr euch vorstellen wie das in meinen Ohren klang ? ich war doch nur Dreck! Ich fühlte mich so geborgen, dass auch ich schnell einschlief. Als ich aufwachte war Chris schon weg, aber hinterließ mir einen Zettel mit seiner Telefonnummer und der Bitte mich zu melden. Ich schrieb ihm sofort eine SMS und wir machten ein zweites Date aus.

Er holte mich ab mit seinem weissen Fiat Punto. Chris war ein richtiger Gentleman. Er hielt mir die Tür auf, reichte mir seine Hand zum aufstehen und fragte mich ständig nach meinem Befinden. Wir aßen in einem teuren amerikanischen Restaurant in seiner Stadt, ca 20 km von meiner Heimat entfernt. Ich zückte meinen Geldbeutel, doch Chris hatte schon bezahlt. Später fragte er ob ich bei ihm übernachten würde, weil es schon sehr spät war. Wir hatten soviel gelacht, dass wir die Zeit vergaßen. Ich wollte natürlich bei ihm bleiben, es war das erste mal, dass ich das Gefühl hatte etwas wertvolles zu sein.

Chris lebte mit seiner Tante zusammen, komisch irgendwie, diese parallelen. Seine Mama war Alkoholikerin und sein Vater hatte nichts für ihn übrig. Sofort machte sich mein Helfersyndrom bemerkbar. Ich liebte Leute mit traurigen Geschichten, denn dann rückten meine Probleme in den Hintergrund. Auch in dieser Nacht blieb es nur beim kuscheln und küssen. Erst bei unserem vierten Date hatten wir Sex. Wir hatten uns tatsächlich ineinander verliebt und wurden ein Paar. Doch dieses bedingungslose Glück sollte auch seine Macken haben ….

To be Continued…

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